Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die freundliche Zusendung eines Kofpmassagedingens. Sie wissen schon, diese Drahtgebilde, haben die eigentlich einen Namen? Die sind jedenfalls bei den Söhnen sehr beliebt und auch wirksam. Herzlichen Dank!

Vorderseite

Ich brauche heute wieder eine Karte, auf der wundersamerweise eine bewegte Sequenz von etwa einer Sekunde Länge zu sehen ist. Das gibt es so nicht am Postkartenständer, ich weiß, aber hier gibt es alles. Sie nehmen diese Karte in die Hand und die Szene spielt ab, immer wieder und wieder. Einfach so.

Sie sehen eine morgendliche Szene aus der Großstadt. Sie spielt auf einem Platz, wenn Sie es denn genau nehmen wollen, auf einem Platz vor einer Kirche. Man sieht rechts im Bild eine immer dramatisch wirkende Kreuzigungsgruppe. Drei Kreuze, Jesus und die beiden anderen, finster schwarz wirkende Bronze auf marmornen Stelen. Daneben dann, aber das ist nur noch undeutlich im Bild, das dunkelrote Backsteingebilde der Kirche, ein altes Portal, auch das eher düster zu dieser Stunde. Plakate an der Wand der Kirche, die sind inhaltlich vermutlich nicht finster, aber die sind zu weit weg, die kann man so nicht lesen. Farben sind zu dieser Stunde noch eher schwach zu erkennen. Sie finden sich nach der Dunkelheit erst neu und die meisten Häuser haben noch gar keine. Die Farbe der Häuser ist die Nacht. Ein Auto fährt aus Gründen der Dramatik vorbei, denn jetzt merkt man, aha, hier fahren großstadtuntypisch wenig Autos. Nach dem vorbeigefahrenen Auto die Stille. Ein Mensch führt einen sehr kleinen Hund an einen Baum und murmelt etwas und friert sichtlich. Der Hund steht und guckt und macht nichts.

Vor einem Café lehnt ein Schild, auf dem steht Frühstück, aber da gibt es kein Frühstück. Eine Möwe segelt durchs Bild, weil das hier immer so ist. Wenn man nur lange genug irgendwo hinsieht, dann segelt eine Möwe durchs Bild, Ästhetik auf Abruf. Sie fliegt tief, die Möwe, etwa in Höhe der zweiten Stockwerke der umgebenden Häuser. Vermutlich sucht sie Müll, halbleere Dönerboxen, Pommesreste, so etwas. Die Möwe zieht im Flug eine helle Linie durchs Bild, denn Möwen schaffen es auch in der frühen Dämmerung im Vorbeiflug weiß aufzuleuchten und kurz damit anzugeben, dass sie fliegen können und Du ja nicht, Du bodenverhafteter Betrachter, Du Mensch, Du sehr kleiner Hund, ihr da unten, und die Möwe lacht und dreht bei.

Eine leere Brötchentüte fliegt über den Platz, etwa in meiner Hüfthöhe, das ist nicht hoch. Ein Winterwind treibt sie zur Kreuzigungsgruppe und daran vorbei in Richtung Kirche, und das wäre vollkommen egal und keine einzige Zeile wert, wären Möwe und Tüte nicht für zwei, drei Meter vollkommen parallel und fast gleich schnell, wäre dieses bisschen Symmetrie, wäre dieses kleine Narrenstück der Harmonie nicht mit Abstand das Schönste, was es an diesem Morgen da weit und breit zu sehen gab. Eine flüchtige weiße Doppellinie. Doch, die war schön.

Man nimmt, was man kriegen kann.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

4 Kommentare

  1. Solche Entdeckungen wie die „weiße Doppellinie“ lösen bei mir echte Glücksgefühle aus. Ich denke in solchen Momenten auch daran, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der das jetzt gerade wahrnimmt, es ist gerade einzigartig!

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