Am Morgen hole ich Brötchen und gehe an einer riesigen Rabenkrähe vorbei, die auf einem schmalen Vordach über einem Hauseingang sitzt und mich mit schrägem Kopf genau beobachtet und dann leise lacht. Zumindest klingt es so. Ich sehe sie fragend an, da dreht sie den Kopf weg und besieht sich lieber den vielversprechenden Morgenhimmel, recht demonstrativ tut sie das. Ich bleibe etwas stehen und sie sieht mich nach einem Augenblick wieder an und schüttelt den Kopf. Dann ruft sie einer Taube, die unter einem ausgesprochen armseligen Gebüsch am Straßenrand im Dreck pickt, etwas zu, und die Taube dreht sich doch tatsächlich um und blickt ebenfalls zu mir. Tiere sehen dich an, ich sage „Ja, was jetzt.“ Aber da kommt natürlich nichts und ich gehe entschlossen weiter. Mühsam drehe ich mich nicht mehr um, man hat ja soweit seinen Stolz. Im nächsten Schaufenster, eine Ecke weiter, betrachte ich prüfend die Spiegelung, ich sehe aus wie immer. Und genau das ist es wohl.

Es folgt der erste Tag im Garten und es ist wie im letzten Jahr und wie immer, ich habe die Hände bereits in der Erde, bevor ich auch nur an Gartenhandschuhe denken kann. Ich mag es einfach, Erde anzufassen, das ist nicht mehr heilbar. Ich wühle hingebungsvoll im erstbesten Beet und ziehe die Mangoldstrünke des letzten Sommers heraus, armdicke und blutrote Aderstränge sind das, sie sehen aus wie die Requisiten eines Horrorfilms. Der gute Gartentipp: Mangold einfach mal stehen lassen, er macht dann sehr tolle Sachen, wird riesig und sieht dabei unfassbar toll aus. Fast den ganzen Winter durch.

Ich wühle in der Erde, ich schiebe Laub beiseite und ziehe Rillen mit dem Zeigefinger, ich säe Radieschen. Säen, das ist eine Tätigkeit, die weiter nach vorne weist, das ist auch mal schön. Und ja, es ist vielleicht zu früh. Vielleicht auch nicht.

Die Herzdame hat den Saisoneröffnungskuchen gebacken, American Cheesecake, der ist sensationell gut. Nachbarn kommen vorbei, wir winken sie heran und sitzen draußen und reden, es fühlt sich fast normal an. So einen Abstand hatte man doch früher auch und meine Güte, ist der Kuchen gut.

Gänse ziehen etwas später über uns hinweg. Formationsflug, wie es sich gehört. Dann eine Wende, das große V löst sich auf, was machen sie jetzt? Sie kreisen über unserem Garten und rufen uns etwas zu. Dann noch ein Kreis und noch einer. Ich habe leider nichts verstanden. Wie auch, die haben ja alle dauernd durcheinandergerufen. Nach dem dritten Kreis fliegen sie weiter, was war das wohl? Eine Botschaft, eine Verheißung, eine Warnung, ein Gruß, ein Wildganswort, im Flug gerufen. Ob es wichtig war?

Ich spiele mit einem Sohn Ball, das tut gleichmäßig weh. Also im Rücken, in den Knien, in den Armen, womöglich fehlte mir in den letzten Winterwochen doch etwas Bewegung. Der Sohn rennt und fängt und tritt und wirft sich ins Gras und rollt und springt, ich bücke mich ab und zu stöhnend nach dem Ball. Das wird demnächst wieder besser.

Die Familie fährt am frühen Abend mit dem Auto nach Hause, nur ich fahre Rad, siehe Bewegung. Missstände immer sofort beheben! Ich biege aus dem Garten auf den Weg und fahre durch die Kolonie. Andere Nachbarn sitzen zu zweit im Garten und halten Händchen, ein altes Pärchen. Ein junger Mann kommt mir entgegen, der könnte fast noch ein Junge sein. Ein Vexierbildgesicht, Junge, Mann, es kommt auf den Winkel und die Beleuchtung an. Neben ihm ein Mädchen im gleichen Alter, eine junge Frau also vielleicht. Sie sehen sich an und halten ebenfalls Händchen und lachen. Er sieht auf ihren Mund, sie sieht in seine Augen, vielleicht war es auch umgekehrt. Ich fahre vorbei und hätte ich einen Rückspiegel am Fahrrad, ich hätte den Kuss sicher noch gesehen. Auf einer Bank zwei Mädchen, etwa sechste Klasse, die werfen die Köpfe zurück und lachen gleichzeitig über etwas, nach hinten fliegende Haare. Eine Bank weiter zwei Frauen, die sehen gemeinsam auf ein Handy und kichern über etwas, das sie dort sehen. Die Bille hinter ihnen ist noch eisbedeckt, aber es taut und man riecht das Wasser, zum ersten Mal seit Wochen riecht man es.

Die Gärten riechen von der anderen Seite des Weges nach Erde und auch nach einem fernen Feuer, die Gerüche mischen sich und das rührt in dieser Mischung etwas an, etwas ganz Altes und Unbewusstes. Ich fahre eine sachte Kurve, und die ist genau richtig, es ist eine überaus angenehme Kurve. Die Kurve und die Gerüche und die lachenden Menschen, die gehaltenen Hände und dass ich das erste Mal wieder ohne Jacke fahre, nur so im Pullover, und dass die Temperatur dennoch genau richtig ist, dieses alles zusammen, das ist, was ich lange nicht mehr hatte, das ist ein schöner Moment. Das gibt es ja heute kaum noch und ich fahre einigermaßen beseligt durch die Kurve und über eine Brücke und dann über noch eine und vergesse doch glatt und immerhin kurz den Lockdown und Corona und alles und für fünf Minuten, meine Damen und Herren, hier muss ich eben eine Künstlerin zitieren, die hier vor langer Zeit schon einmal vorkam, für fünf Minuten nämlich – hatte ich keine Angst vor gar nichts. Wer kann das schon von sich behaupten.

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