Samstags scheint jetzt niemand mehr aufzustehen oder zumindest nicht vor zehn. Die Stadt schläft um acht Uhr sichtlich noch. Nur ich hole Brötchen und Blumen, etwas Frühling to go, gelbe Tulpen. An einem Fenster im ersten Stock eines Hauses auf der anderen Straßenseite steht ein Kleinkind und besieht sich die ausgesprochen öde Straßenszene. Schnuller im Mund, Händchen an den Scheiben. Der Vater hält es von hinten, dass es nicht rücklings von der Fensterbank kippt, nur schemenhaft kann ich ihn sehen. Das Kind guckt, ich gucke, ich winke. Dann aber schlagartig riesige Begeisterung, ein Aufleuchten im Gesicht und lebhaftes, weit ausholendes, den ganzen Körper erfassendes und daher akut balancegefährdendes Zurückwinken, hallo du, hallo du, ein Mensch, ein Mensch, er hat mich gesehen! Da, da, und der Schnuller fällt aus dem lachenden Mund, das ist egal. Der Vater winkt auch, wir drei strahlen uns für einen Augenblick an, hast du gesehen, hast du gesehen, wir haben gewunken. Denn der Mensch an sich, er möchte doch andere Menschen. Siehe auch Familien, Freundschaft, Liebe, Schützenfeste und Chorgesang und Lyriklesungen und alles. Und so ein Winken, das ist ja nicht nichts.

Ich kann das Kind im nächsten Moment nicht mehr sehen, ein Bus hält direkt vor mir und ragt ins Bickfeld. Im Bus sitzt kein Mensch.

Auf dem Rückweg gehört: Ask me now: Ein Jazzalbum, initiiert von Sven Regener. Mir gefällt es. Geschichtenerzählender Instrumentaljazz, gute Sache.

Später noch einmal in das Bukolische Tagebuch von Wilhelm Lehmann hineingelesen, das mir unlängst sehr gefallen hat. Er ist mit der Natur auf eine Weise per Du, dagegen bin ich mit der nur von fern und höchst flüchtig bekannt, mal gerade auf Grußfuß, wenn überhaupt. Aber ich lese gerne Texte von Menschen, die mehr, viel mehr wissen als ich, die beim Spazierengehen auf das sehen, was da am Straßenrand wächst und dann auch wissen, was das ist. Oder die einen Vogel routiniert an der Flugsilhouette erkennen, am Ruf oder am Nest, einen Baum schon von weitem an der Krone und ein Waldtier an der Spur. Ich werde da nicht mehr hinkommen, aber ein klein wenig besser als jetzt möchte ich doch gerne noch werden.

Den Rest des Tages habe ich größtenteils verschlafen, teils in der Wohnung, teils in der Laube. Es war kalt und es sah nach Regen aus, das war mir egal. Vor dem Laubenfenster die noch kahle Krone eines Baumes, sachte im Wind wippend und der Himmel dahinter verging langsam vom Graublau des Nachmittags zum Dunkelgraublau des frühen Abends, alle paar Minuten eine Möwe von links nach rechts oder umgekehrt.

Keine Ahnung, was für ein Baum das da vor dem Fenster war, und das ist es eben. Ich würde es auch als Autor besser finden, ich wüsste jetzt, dass das eine Erle war. Oder was auch immer.

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