Werktagsnachmittage im Garten sind manchmal besonders gut. Die ganze Anlage ist menschenleer, die Rasenmäherbeschallung hält sich in Grenzen, die sonst obligatorischen Grilldüfte sind ausgedünnt, es ist friedlich und ruhig, man hört die Vögel, und wie man sie hört. Und da, am Weißdornbaum ein kleiner, schneller Schatten, der den Stamm hinabläuft, das ist ein Kleiber. Noch nie habe ich einen Kleiber im Garten gesehen, die Söhne haben überhaupt noch nie einen gesehen. Immer ist es mir ein Fest, wenn ich zum ersten Mal ein Tier in einem Umfeld entdecke, in dem ich es nicht kannte. Neulich der Dompfaff auf dem Balkon, dann der Marder am Spielplatz, jetzt der Kleiber auf der Parzelle. Kein schlechtes Ergebnis für fünf Tage.

Wir pumpen das SUP-Board auf. Die Söhne machen ihre erste Fahrt in diesem Jahr, und spät sind wir dran damit, sehr spät. Dafür ist das Wasser schon so warm, dass sie auch gleich vom Board aus baden, und zwar ohne nach zwei Minuten blau anzulaufen. Wie es aussieht, macht es auch in diesem Jahr wieder Spaß. Ich muss nicht baden, denn ich trage nach dem Spaß das nasse Board zurück zum Garten, da bekomme ich schon genug Wasser ab für meinen Geschmack.

Ich mache Gnocchi, das bei uns klassische Gartenessen. Fertig-Gnocci mit angeschmolzenen Tomaten, Basilikum oder Rosmarin, was eben gerade wächst und vorhanden ist, Mozzarella und ein Spritzer Zitrone. Ein gutes Essen nach einem Bad im Fluss und in 15 Minuten ist es fertig. Dazu Wasser mit Holunderblütensirup und Zitronenmelisse direkt aus dem Beet. Es sind alle zufrieden, wie selten das so ist. Man müsste vor jedem Essen Schwimmen gehen, dann gäbe es die ganze Mäkelei vielleicht nicht.

Nach dem Essen sitze ich am Tisch auf der Terrasse und schreibe, die Herzdame wässert die Beete. Ein im Abendlicht aufperlender Wasserstrahl, die Akelei duckt sich weg wie ich unter einer kalten Dusche. Alles grünt in schönster Üppigkeit, auch der Mohn brennt schon, die Stachelbeeren sind bald reif und die Lupinen haben einen dermaßen dramatischen Farbverlauf, da kommt eine LED-Beleuchtung gar nicht gegen an.

Die Nachbarin zwei Gärten weiter wässert auch gerade ihre Beete. Sie hat die gleiche Körperhaltung wie die Herzdame, sie benutzt einen gleichfarbenen Schlauch. Vielleicht steht zwei Gärten weiter, das kann ich schon nicht mehr sehen, noch eine Frau in dieser Haltung, und zwei Gärten weiter noch eine und so weiter. Wie alle immer alles gleich machen, und wie dabei gar nichts gleich ist. Das ist nicht gerade geistreich, denke ich, aber was kann man erwarten, wenn man gerade pappsatt und müde ist, wenn es gerade genau richtig warm ist und die Sonne genau richtig tief in der Birke hängt und der Wind in aller gebotenen Dezenz ganz leicht über die nackten Unterarme streift und dazu schon wieder die Heckenbraunelle singt. Ich bin schwer damit beschäftigt, das alles ausreichend herrlich zu finden und zu würdigen, und ich schreibe sicherheitshalber alles mit. Ich sage einem neben mir sitzenden Sohn, dass gerade jetzt alle Wetterbedingungen hundertprozentig perfekt seien, und dass es gar nicht viele solche Momente im Laufe eines Jahres gebe. Dann achtet er auch darauf und wir sitzen da und fühlen herum und halten unsere Arme in die Luft und der Wind kommt und zeigt uns, wie warm er ist.

Der Sohn sagt, dass das auch schön sei, nur mal so zu sitzen und ich sage, wenn du das verstanden hast, dann hast du aber enorm viel Vorsprung vor mir. Ich habe dafür ein paar Jahrzehnte mehr gebraucht. Wenn man nur so guckt, sagt der Sohn, unterhalten sich die Augen mit dem Grün. Wir sehen ins Grün, es ist so viel davon da.

Helllila fällt neben uns die Rhododendronblüte. Diese Zeit ist schon vorbei.

Mücken im Gegenlicht, bewegte Pünktchen vor Pastellblau. Über uns tänzeln weiße Lampions an einer Leine über der Terrasse, vor mir liegen mein Notizbuch und mein Füller und ich verweile noch, denn es ist so schön. Das mal dem Augenblicke sagen!

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