Noch in Hamburg habe ich „Annette – ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber durchgelesen. Vermutlich liegt es an meiner unzureichenden Allgemeinbildung, dass ich das mit dem Epos nicht recht verstanden habe. Ich müsste die Begrifflichkeiten erst einmal nachschlagen, um das zu verstehen, was ein Epos ist und was nicht, aber es ist eigentlich auch egal. Es war eine Geschichte, die es wert war, erzählt zu werden, es war eine gut erzählte Geschichte, das reicht dann auch schon.

In Interviews hat die proträtierte Heldin zu dem Epos gesagt, sie erkenne sich darin gar nicht wieder. Ich habe leider keine Erläuterung zu dieser Aussage gefunden, warum erkennt sie sich nicht wieder? Dabei ist das doch interessant. Ist sie zu gut dargestellt, zu schlecht, war es alles ganz anders, harmloser, wilder, unmoralischer oder noch anders wahrheitsgemäß abweichend? Das würde mir selbstverständlich nichts ausmachen, es ist schließlich nicht die Aufgabe der Literatur, hyperrealistische Bilder zu liefern. Aber interessieren würde es mich.

Der alte Odysseus, wie er den Homer liest, die Seiten sinken lässt und mit einem schwer zu deutenden Grinsen sagt: „So war das gar nicht.“ Und dann blickt er versonnen zur Decke und sagt eine Weile nichts mehr. Im Grunde ein gutes Ende für das Ganze.

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Nach Eiderstedt gefahren. Wie ich immer, wenn ich hier ankomme und dann in der Landschaft herumstehe, denke, dass mir die Luft so guttut. Als sei das hier Aromatherapie. Herumstehen und atmen. Und dann hinlegen und lesen.

Ich lese Lucia Berlin, ich lese ihre Erinnerungen und Briefe und ihre Kurzgeschichten, sehr gute Kurzgeschichten übrigens. Aber auch die Erinnerungen. Die Frau hat in fürchterlich vielen Wohnungen gewohnt, also aus meiner spießigen Sicht betrachtet, und wenn sie zurückblickt, dann bleibt von einer Wohnung, in der vor zig Jahren einmal kurz gelebt hat, ein Absatz, dann bleiben ein paar Zeilen, die sind wie Gedichte, so bildklar und schön.

New York:

„Zuerst wohnten wir in einer lächerlich kleinen Einzimmerwohnung auf der Thirteenth Street, im fünften Stock. Sie war hell und sonnig mit Fenstern, die auf Dächer mit Belüftungsauslässen hinausgingen, die wie Minarette aussahen. Tauben und verloren gegangene blaue Sittiche.

 Am ersten Abend saß ich am Fenster, schaute hinaus auf eine echte Feuerleiter, flüchtige Blicke auf den rosafarbenen Sonnenuntergang zwischen den Backsteinhäusern. In den anderen Apartments schrien sich Leute an oder unterhielten sich leise miteinander, nett. Ich war begeistert. Das ist das Leben. Das ist New York! Dann wurde mir klar, dass ich die Leute im Fernsehen reden hörte, was ich zuvor nicht gekannt hatte.“

(Lucia Berlin, Welcome Home, Erinnerungen und Briefe. Deutsch von Antje Rávik Strubel.)

Ich liege im Strandkorb und lese. Über mir die Schwalben, den ganzen Tag höre und sehe ich sie. Sie sind weit gereist, sie haben viel zu erzählen und das machen sie auch. Ich bin im letzten Jahr nicht gereist. Ich liege nur herum und sage gar nichts. Eine Schwalbe jagt über mich hinweg und sagt „Ts!“

Aber es ist nun einmal so, wie es ist.

Ein Sohn will Billard spielen. Ich sage „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“, denn das haben Erwachsene auch zu mir gesagt, als ich in meiner Kindheit Billard gespielt habe, das macht man so. Der Sohn ist begeistert, so ein herrlicher Klugscheißerausdruck, den gleich mal abspeichern. Dann beugt er sich über den Tisch und sagt „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“, das klingt jetzt etwas schwarzmagisch. Spielt man besser, wenn man diese Regel kennt? Die Söhne und ich einigen uns auf „Theoretisch ja.“ Dann reiben wir wie Queues mit Wachs ein und blicken dabei nachdenklich auf den Tisch.

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das am coolsten ist. Da so besonnen stehen und die Kugeln mit kritisch-kundigem Blick ansehen, so als hätte „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“ irgendwas in einem gemacht, als sei man schon ein Level weiter.

Dann der Stoß und das Glück, wenn eine Kugel irgendwo in ein Loch rollt. Das war dann Berechnung.

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