Noch auf Eiderstedt, ich berichte etwas rückwärts, schon von Hamburg aus, die Notizen hängen nach. Ein Mittagsschlaf von vielen, im aus dem Wind gedrehten Strandkorb neben der Scheune. In der Nähe steht ein kleiner Junge aus einer der Ferienwohnungen, der zu seinem Vater durch eine offene Tür sagt oder eher ruft, weil man in dem Alter alles noch ruft, so wie man auch jeden Weg läuft und nicht etwa geht, weil alles, alles in diesen Jahren noch dringend und wichtig ist, weil das Relativieren erst später kommt: „Ich habe heute erst 26 Sportminuten, aber dafür habe ich schon zweieinhalb Kapitel gelesen!“ Ob das denn auch okay sei, will er vom Vater wissen. Er verfolgt gerade alles, er trackt alles, er findet das spannend.

Da muss ich mich zusammenreißen, um nicht zu rufen, dass er das vermutlich nie wissen werde, was okay sei. Dass man darüber bis zum Verzweifeln nachdenken könne und vielleicht sogar bis zum Ende aller Tage, das auch. Ist das okay? Was ist schon okay? Das Nachdenken darüber ist unser Fluch, darum geht es doch bei dieser uralten Geschichte vom Baum der Erkenntnis, die am Anfang von allem steht, von allem Unglück jedenfalls. Das Nachdenken ist das eigentliche Problem, nicht unsere hauptsächliche Errungenschaft, es ist genau dies die Mutter aller Verwechslungen. Und immer noch essen wir an apple a day, zur ewigen Mahnung an das Kernproblem und fragen uns dabei schon, noch während wir nach dem Apfel auch nur greifen, ob wir den nun mit oder ohne Schale und in Vierteln oder in Achteln oder einfach so essen und mit wem wir den dann teilen, und ob das dann so okay ist, immer wieder diese Frage – und es hört nie auf. Nie hört das auf.

Neben mir liegt beim Nachdenken die Katze und ist Katze und macht Katzensachen und ist so dermaßen gut darin, nie hat sie eine Sekunde daran gezweifelt, nie wird sie es tun und jetzt rollt sie sich ein und schläft. Das ist alternativlos, die Sonne scheint auf ihr Fell. Das ist das Glück und kein Weg führt dahin.

Wir Menschen dagegen, wir behelfen uns mit halbwegs gelungenen Momenten. Und manchmal immerhin sind die auch ganz gut, denke ich, und strecke mich dem herandämmernden Mittagsschlaf entgegen.

Der Vater sagt schließlich ja, das sei auch ganz okay, das mit den 26 Sportminuten und den zweieinhalb Kapiteln. „Echt, meinste?“, fragt der Sohn, und richtig überzeugt klingt er nicht. Er denkt noch etwas nach, das hört man ihm an. So fängt es immer an. Das ist eine Zeile aus einem alten Schlager, so fängt es immer an.

Ich mache die Augen im Strandkorb zu, ich summe leise den Schlager. Ich denke, das ist okay. Ich würde schnurren, wenn ich könnte, so angenehm fühlt sich dieses Einschlafen gerade an, aber ich kann ja nicht schnurren. Was kann man schon! Die Katze übernimmt das für mich.

Auf der Wäscheleine über dem Rasen hängen etliche graue Spannbettlaken, die im auffrischenden Wind seltsam spukhaft aussehen, schnappende Münder, groß aufgerissen. Eine Zeichnung aus einem Bilderbuch. Wäre ich noch Kind (Anmerkung meiner Grundschullehrerin unter einem Aufsatz damals: „Maximilian, du hast etwas zu viel Phantasie!“) ich hätte abends dermaßen Angst vor diesen Laken. Alles verschlingen die, was in ihre Nähe kommt, alles, sie schnappen danach und mümmeln es grau weg, keine Spur je wieder davon. Aber ich bin schon etwas länger mehr oder weniger erwachsen, fällt mir ein, es sind also nur Spannbettlaken, und zwar solche, die nicht trocken werden, weil es alle paar Stunden etwas schauert, und das ist es nur, was das Schauerliche an ihnen ist.

Später gehe ich noch etwas angenehm restmüde spazieren, an den Viehweiden entlang. Da stehen vier, fünf Kühe, die sehen mich kommen. Sie gucken interessiert, wie ich mich da nähere, seltsam zweibeinig, durch die pralle Sonne und hinterm Zaun, wie ich da also aus meinem Stall komme, einen großen Kreis gehen, dabei nicht weide, keine Sekunde und keinen Halm lang und wie ich dann einfach so wieder in meinen Stall gehe. Es muss doch wirklich seltsam wirken.

Die Kühe gehen, soweit ihre Weide eben reicht, neben mir mit, immer wieder freundlich zu mir guckend. Es wirkt ein wenig, als sei es hier in der Gegend ein uraltes Gebot der Gastfreundschaft, mit den Besuchern ein Stück mitzugehen, das macht man so, als Eiderstedter Kuh mit Benehmen, Kultur und Tradition. Zwischen den Kühen und mir blüht und duftet es ein wenig seltsam schwer, das ist die Moschusmalve, die hier einen schmalen Streifen Land üppig besiedelt. Helles Lila, viel davon, in einem Landschaftsaquarell ein langgezogener und dicker Pinselstrich luftiger Farbigkeit, quer durchs ganze Bild.

Ich habe lange keine Kühe gesehen, die so dermaßen freundlich interessiert geguckt haben, wie die an diesem Weg. Ich bilde mir fast ein, sie milde lächeln zu sehen. Dabei ist das den Kühen gar nicht gegeben, glaube ich, milde lächeln zu können. Aber ich lächele doch auf Verdacht und von Herzen zurück. Das ist nämlich auch etwas wert, wenn man von Tieren freundlich angesehen wird, glaube ich.

Und gänzlich unverdient, dass ist es wohl auch.

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