Ich lese Thomas Hardy. Ich habe noch nie Thomas Hardy gelesen, wenn ich es noch richtig weiß, ein unentdeckter Klassiker! Es sind noch einige Briten übrig, glaube ich. Auf verschlungenen Pfaden, Deutsch von Helga Schulz. Ich bin noch nicht sicher, ob ich damit warm werde, aber es fängt jedenfalls mit einer erstklassigen Heidebeschreibung an, das kann man sich ja schon einmal merken. Falls mal jemand eine verdammt gute Heidebeschreibung braucht, besonders die Heide bei finsterer Nacht: Thomas Hardy. Wissen wir das auch.

Ich höre als Hörbuch auf den Einkaufswegen ansonsten Walden von Thoreau, welches ich schon mehrfach und in verschiedenen Lebensphasen erfolglos angefangen habe. Das Buch ist irgendwie nicht meins, aber ich gebe manchmal so leicht nicht auf, am Ende finde ich doch noch irgendwann etwas Lohnendes? Da schreibt er etwa, Moment, ich zitiere: „Ich verlange von jedem Schriftsteller, dass er einfach und aufrichtig von seinem Leben erzählt.“ Was hat er da zu verlangen? Geht’s noch? Also Thoreau und ich – ich weiß ja nicht. Siehe auch Musil oder Proust oder Dostojewski, man hat so seine Aussetzer und Lücken und das ist ja auch in Ordnung. Beschließt man dann.

Demnächst dann, wenn ich schon bei meiner Lektüre bin, „Die Tapetentür“ von Marlen Haushofer. Man beachte die schöne Reihung ihrer Titel: Die Wand, Die Mansarde, Die Tapetentür. Ich werde berichten.

Ich war heute im Büro und habe dort etwas gearbeitet, das war das erste Mal in diesem Jahr. Ein überaus seltsames Gefühl, Arbeit mit Menschen drumherum, man ist ja nichts mehr gewohnt und interagiert so hölzern vor sich hin. Immer lächeln und winken! Zwischendurch habe ich kurz eine Nachrichtenseite angesehen, da ging es um Pegasus, also um diesen neuen Überwachungsskandal. Da klickte eine unerwartete Verbindung im Hirn, Office – Pegasus, da war doch was. In grauer Vorzeit war da etwas, ich berichte etwas Bürogeschichte. Es ist so lange her, es ist schon nicht mehr wahr, aber Pegasus war das erste Mailprogramm, das damals in der Firma versuchsweise eingeführt wurde, zu einer Zeit, als noch gar nicht alle KollegInnen Computer hatten und der Verwendungszweck dieser Geräte hier und da noch diskutabel war. Obwohl ich mich immerhin an Farben im Programm erinnere, es war also schon nach der Zeit der monochromen Bilschirme. Das genaue Jahr weiß ich allerdings nicht mehr.

Gewiss aber war es zu der Zeit, als alle Abläufe noch aus der Papierkultur kamen, als alles noch offline geprägt war, als Kopieren-Lochen-Abheften kein Witz war, sondern schlichter Alltag. Und eine der Hürden, die es da bei der Einführung dieser ominösen E-Mails zu überwinden gab, sie ist für Menschen von heute vermutlich kaum noch vorstellbar: Die bestand darin, dass auf einmal alle mehrfach am Tag in die Post, also in die E-Mails gucken sollten. Das wurde teils als erhebliche Zumutung verstanden und erst einmal nicht gemacht, denn Post gab es morgens, und dann war es auch gut. Wenn es danach noch etwas unerwartet Dringendes gab, was es allerdings zu vermeiden galt, dann telefonierte man oder ging direkt in das entsprechende Büro. Wozu aber im Laufe eines Tages die KollegInnen noch öfter schriftlich kontaktiert und also behelligt werden sollten – es war einigermaßen schwer vorstellbar und wer eine Mail schrieb, der wollte sich vielleicht einfach nur wichtig und einen auf dringend machen, obwohl es doch nur um ganz normales Zeug ging, das auch in der Umlaufmappe für den nächsten Tag gut aufgehoben gewesen wäre?

Umlaufmappen auf Aktenwägelchen, die Älteren erinnern sich. Ich finde es amüsant, dass ich das Büro aus dieser Zeit noch detailliert vor Augen habe. Ein so lebendiges Bild habe ich von dem Raum, ich kann alles noch sehen, fühlen, hören und riechen, die Leitz-Ordner, die Locher, die Kugelkopfmaschinen, die vollen Aschenbecher, genauestens aufzeichnen könnte ich das.

Alles ist mir noch präsent, aber es ist längst schon ein Raum in einem imaginären Museum.

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