Ich höre weiter „Sterben im Sommer“ (Zsuzsa Bánk), bei einer Alsterrunde am frühen Abend beende ich es. Das Ende ist schön, und wenn man sich dafür an einem Spätsommertag an ein Ufer stellt, um es in Ruhe zu hören, dann ist es sogar noch viel schöner. Das war unerwartet, aber ich stand da sensationell passend für die letzten Sätze. Ich sehe weiter den Clan (auf arte), einmal also Ungarn, einmal Belgien. Ich finde es seltsam erholsam, so viel von Ungarn zu hören, ohne dass es dabei um den dort regierenden Unsympathen geht, ich finde es auch unterhaltsam, bei den Bildern aus Belgien, bei denen überhaupt nicht betont wird, dass sie aus Belgien sind, die Kleinigkeiten zu entdecken, die eben doch darauf hinweisen, dass es sich um Bilder aus einem anderen europäischen Staat handelt. Im Handeln der Figuren auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu achten, das macht Spaß. Europa kann so sympathisch und interessant sein, ab und zu muss man auch darauf wieder hingewiesen werden. Vermutlich kommt mir nach wie vor zu wenig, viel zu wenig Literatur und überhaupt Kultur aus Litauen, Slowenien, Norwegen, Montenegro, dem Baskenland usw. unter, vermutlich ist da eine Lücke, eine entsetzliche Lücke.

Ungarn ist das einzige Land, aus dem mich jemals eine formvollendete Abmeldung vom Blog erreicht hat. Der überaus freundliche Hinweis einer mir bis dahin unbekannten Hinterbliebenen per Mail war das, in der stand, dass ich dort nun eine Leserin weniger habe, eine Dame, die ich früher einmal gekannt habe: „Sie hat sie immer gerne gelesen.“ Wann erfährt man so etwas schon als Autor? Eine Trauermitteilung war das, eine Leserin weniger. Ich habe mich damals für den Hinweis bedankt, und ich habe bei den nächsten veröffentlichten Texten an diese Leere in Ungarn gedacht, an diese Nichtmehrleserin am Balaton.

Ich denke immer noch manchmal daran.

Auf der Alster sehe ich Segel dicht an dicht, eine Überfülle an Booten, ein schwappendes Verkehrschaos. Diese Stadt ist zu groß und zu freizeitgeil für so einen kleinen aufgestauten See. Stand-Up-Paddler mit freien Oberköpern, austrainierte Muskeln im letzten Sonnenlicht. Oben der Himmel ist dezent weiß bewölkt, wolkig eingefasst und da, wo am Mittag noch das tiefe Blau war, ist er jetzt fast unangenehm süßlich lilafarben, so ein blasses Fliederlila ist das, und Achtung, Klischeeverdacht, an einigen Stellen ahnt man auch ein unvermeidliches Rosa. Man kennt das so aus jedem Aquarellkurs am Meer, man würde es sich nicht hinhängen.

Auf dem Fußweg am Ufer, im schon tiefer werdenden Baumschatten, stehen und gehen Spaziergangsmenschen. Die tragen schon Herbstmode, vermutlich deswegen, weil sie die gerade gekauft haben, neue Kollektion. Und dann zieht man die Sachen eben an, und dann steht man da im arg neu aussehenden und noch unpassend herbstbraunen Übergangsjäckchen am Ufer und sieht auf die halbnackten Wassersportler, die in dieser geradezu abgeschmackten Kitschpostkartenkulisse da noch einmal die Sommerinszenierung aufführen. Bis zur letzten Vorstellung am, Moment, Donnerstag, wenn der Wetterbericht stimmt, führen sie die noch täglich auf, und dann räumen wir das Lila, das Rosa, die Segelbötchen und die Boards und den ganzen Sommer weg und machen die Übergangsjacken zu und spannen die Schirme auf.

Ich sehe mir das künstlerisch eher zweifelhafte Lila da oben noch einmal an. Aus ihm heraus kommt mir etwas entgegengetaumelt. Ein Lindenblatt ist es, das auf meiner Jeans landet, ein Blatt mit einer streifigen Ahnung von Gelb.

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