Rückseite

Ich habe Post bekommen, hoch erfreuliche Post sogar, ein Buch nämlich, ein sicherlich gutes. Tarjei Vesaas, Das Eis-Schloss, aus dem Norwegischen (es gibt mehrere Norwegisch, wissen Sie das? Ich hatte das schon einmal im Blog) übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Ich mochte „Die Vögel“ vor einiger Zeit von Vesaas sehr – also wirklich sehr – hier jetzt eine jubelnde Rezension zum Eis-Schloss. Vielen herzlichen Dank an die edle Spenderin! Ich bin entzückt.

 

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Ein Beitrag geteilt von maximilian buddenbohm (@buddenbohm)

Vorderseite

Heute eine Sequenz, die ist so kurz, sie ist quasi nur ein Gif, aber ein bewegtes Bild ist sie immerhin doch. Wie neulich erst erklärt, muss ich für diese Rubrik unbedingt aktuelle Bilder nehmen. Dieses ist von heute Morgen, es ist also fangfrisch und es kam auf unglaubwürdige Art zustande, aber so ist es, das Leben, so ist es nun einmal. Ich fuhr nämlich eine Station mit der S-Bahn, was ich nur noch selten mache, ich habe ja seit achtzehn Monaten nicht einmal mehr eine Abokarte. Gestern aber war ein so dermaßen öder Home-Office- und Hausaufgaben- und Haushalts-Tag, dass ich dachte, ich kann nie wieder einen Text schreiben, wenn ich nicht bald etwas erlebe. Irgendwas, Hauptsache, es findet nicht in Excel oder in einer Lern-App oder in meiner Küche statt. Deswegen, immer alles gleich umsetzen, blieb ich heute nicht zuhause und ging auch nicht zu Fuß ins Büro, wie ich es sonst immer tue, weil ich nämlich mehr Bewegung brauche und auch Zeit für die vielen Hörbücher (immer noch Glitterschnitter vom Regener im Moment, man möchte es gegen Ende aber doch gerne etwas kürzen, es wiederholt sich alles darin schon arg). Nein, ich fuhr vielmehr mit der S-Bahn, weil ich mit der mir eigenen Geistesschärfe auf den Gedanken kam: Da sind Menschen drin. Was ich wiederum, so viel Ehrlichkeit muss sein, nicht etwa aus sozialer Warmherzigkeit und Interaktionsbedüftigkeit heraus dachte, sondern eher aus Contentgeilheit. Ich stieg da also nicht mit wahrer Anteilnahme ein, sondern eher mit einem kalten „Los, macht was!“ im Herzen, so wird der Autor nämlich, wenn er Inhalt braucht, es ist auch nicht immer alles schön an dem Beruf.

Ich setzte mich, wie man sich heute eben setzt, als zweite Person in eine Vierersitzgruppe. Schon drei Personen wären seltsam eng, das fühlt sich dann nicht mehr gut an, aber zwei gehen gerade noch, und entsprechend waren alle Vierergruppen im Waggon besetzt, immer zwei Personen sich schräg gegenüber. Mir schräg gegenüber saß eine junge Frau, sagen wir ruhig eine sehr junge Frau, sagen wir einfach, sie war zwanzig Jahre alt. Die sah aus dem Fenster auf das vorbeiziehende Hammerbrook, dann sah sie kurz mich an, so desinteressiert, wie es der Situation sicher angemessen war, dann sah sie wieder aus dem Fenster in das Großstadtgrau, Behördenhochhäuser, Hotels, Bürobauten, Baustellen, da war nichts, was Blicke festhalten konnte. Dazu hörte sie etwas über Kopfhörer. Ich hielt es für Musik, was allerdings etwas vorschnell war. Jetzt das Gif und der unglaubwürdige Teil, glauben Sie es mir einfach trotzdem, es stimmt schon.

Und zwar hob sie kurz darauf ihre rechte Hand und hielt sie in etwa vor ihr Herz. Einen Moment lang schwebte sie da so vor ihrem Oberkörper in der Luft und die Frau schloss dabei ihre Augen. Dann legte sie die Hand mit unaussprechlicher Sanftheit und zeitlupenhaft langsam auf ihrem Herzen ab, also jedenfalls in etwa dort, wo ich ihr Herz vermutete, und hielt sie dann dort auf eine authentisch theatralisch wirkende Art, was wie ein Widerspruch klingt, aber so ist der Mensch, oder so kann er wenigstens sein. Ihre Augen blinzelten immer schneller, füllten sich mit Wasser und röteten sich etwas, das brauchte keine Minute, nicht einmal eine halbe. Sie sah noch einmal schnell zu mir, denn das war nicht gut, dass ich ihr gegenübersaß. Sie wollte jetzt nicht gesehen werden, das verstand ich sofort. Und das sah ich auch ein und erhob mich wieder, ich musste eh aussteigen, die Station meines Büros kam schon in Sicht. Sie fing jetzt leise an zu reden, in das Mikro am Kopfhörerkabel, und sie sprach sehr schnell, leise, hochkonzentriert und in langen, langen Sätzen, von denen ich nicht sicher weiß, in welcher Sprache sie gesagt wurden. Dabei holte sie ihr Handy heraus und prüfte, immer weiterredend, mit der Kamera, ob und wie desolat sie aussah, sichtlich bemüht, ihre Gesichtszüge möglichst unbewegt zu halten. Ein Tropfen am oberen Rand der OP-Maske, ein dunkleres Blau an dieser Stelle, eine winzige Farbänderung.

Und da steht man dann als contentgeiler Autor im Gang der S-Bahn, auf einmal doch voll warmer Anteilnahme, mit der man dann aber nirgendwo hinkann, weil man in dieser Stadt nicht einfach andere Menschen anspricht, auch dann nicht, wenn sie unerwartet vor einem weinen, und wie gesagt, ich musste eh raus, was soll man machen, ein Werktag, business as usual. Nur in Kurzgeschichten läuft so eine Szene dann anders weiter, nicht aber in Blogs. In Blogs geht man und erfährt keine Fortsetzung.

Wieso ich aber neuerdings dauernd weinende Menschen sehe, wenn ich zur Arbeit gehe oder fahre – was ist eigentlich los da draußen?

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