Das ist auch so ein Ritual, der frühherbstliche Verweis auf meine selbstverständlich neu nachgepflegte Playlist „Les feuilles mortes“, drüben bei Spotify. 50 Varianten des Liedes in deutschen, englischen und französischen Versionen. 3 Stunden und 25 Minuten Laufzeit. Da kann man schon mal ein paar Blättern beim Fallen zusehen, während das läuft. Ich mache das in jedem Herbst exzessiv so, das tut gut. Im Garten schwächelt die Birke bereits erheblich, unter der liegt schon güldenes Geflitter auf dem Rasen und auch auf den übersehenen Kartoffeln im Beet, die Saison beginnt. Im Drogeriemarkt fragte heute Morgen eine Kundin nach Laubsäcken, auf der Straße vor dem Laden fuhr, als ich wieder herauskam, gerade ein LKW vorbei, auf dessen Plane stand Werbung für einen zuverlässigen Winterdienst. Dazu ein Bild von lachend arbeitenden Männern im Schnee. Doch, es geht los, die dunkle Jahreszeit, volles Programm.

Es sind wunderschöne und auch seltsame Versionen in der Playlist dabei. Die von Bob Dylan etwa, sie lässt einen sicher mit dem Gedanken: „Was war das denn?!“ zurück. Die berührende Aufnahme von Eva Cassidy ist, wenn ich da recht informiert bin, aus dem Jahr ihres unfassbar frühen Todes, das reicht auch schon für eine nachhaltig Verstörung. Die Variante von Udo Jürgens ist viel präsentabler, als man vielleicht zunächst denkt, bei der Piaf wiederum muss man mal darauf achten, wie ihre Stimme sich minimal ändert, wenn sie die Sprache wechselt, es ist alles sehr interessant. Die Nichtfranzosen verstolpern sich hier und da, der französische Text ist definitiv einigermaßen schwer zu singen – das kann man unter der Dusche jederzeit leicht nachvollziehen.

Das Lied ist im Original (Text: Jacques Prévert, Musik: Joseph Kosma) einmalig schön und ich preise mein schwächliches Schulfranzösisch hauptsächlich deswegen, weil ich solche Texte gerade noch verstehen und auch heimlich mitsingen kann. Das hat doch etwas. Wobei mir einfällt, dass wir in dieser Familie ein Ritual haben, das etwas seltsam ist. Wenn sich hier nämlich jemand angeklagt fühlt, ob berechtigt oder nicht, wenn sich jemand in die Enge getrieben fühlt, dann sagt er mit disneyhaftem Augenaufschlag zum jeweiligen Ankläger in ersterbender Stimme: „Aber isch ab dir doch ein Chanson komponiert.“

Das hat keinen tieferen Sinn, das blieb nur aus einem Kinderhörspiel (Eule findet den Beat war es, glaube ich) hängen, das wirkt bis heute erfreulich nach. Es nimmt gewissen Szenen die Schärfe und sollte mich die Herzdame jemals verlassen wollen, wozu sie aber gottseidank eh keine Zeit hat, sie weiß jetzt schon, was ich sagen würde. Auch schön.

Les feuilles mortes also. Hier gibt es noch eine umfangreiche Liste aller Cover-Versionen. Es ist mir ein Fest, wie umfangreich das dort ausfällt. Wie großartig ist es bitte, dass es Nerds für jedes Fachgebiet gibt, die so etwas akribisch anlegen und pflegen.

Ich baue hier gleich noch einmal die wunderbare Talkshow-Version von Yves Montand ein.

In den englischen Versionen stört mich übrigens immer, dass sie da alle von länger werdenden Tagen singen. Seit der oder die Geliebte weg ist, wurden die Tage bei denen länger, und das mag ja emotional stimmen, wer kennt es nicht, es ist aber dennoch Unsinn, wenn es gerade Herbst wird und die Tage damit also deutlich kürzer. Ein Lyrikfehler erster Klasse, da hätte man nochmal rangemusst, das geht so nicht. Am Rande vielleicht auch interessant: Im Französischen trennt das Leben die Liebenden, und zwar tout doucement, sans faire de bruit, im Englischen aber ist der jeweils andere gegangen und also platt schuldig.

Und der Einstieg in die gängige deutsche Version mit „Der Schleier fiel von meinen Augen“, der müsste auch mal dringend mit einem Update versehen werden, der ist mittlerweile doch etwas aus der Zeit gefallen. Das plattdeutsche „Ick denk an di“ von Ina Müller etwa ist dem eigentlich vorzuziehen. Hannes Wader singt deutlich näher am Originaltext, da gibt es keine Klagen, aber ich weiß nicht recht, das fängt mich nicht ein, was daraus wird – es ist sprachlich zu kompliziert und allzu bemüht geworden. Die französische Version ist schlicht, darin liegt der ganze Zauber.

„Doch das Leben trennt immer wieder Liebende, die sich nicht mehr verstehen.“ Versus: „Mais la vie sépare ceux qui s’aiment.“ Spiel, Satz und Sieg Französisch, da wird der Satz schon beendet, während die Deutschen noch ein paar Silben nachholen gehen.

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