Es wird zögerlich hell, der Tag wird grau bleiben. Auf dem Hotel gegenüber weht die Hamburgfahne am frühen Morgen so munter im Wind, als sei diese Stadt etwas Lustiges. Über der Alster hängt gerade vergehender weißlicher Dunst wie über meiner morgendlichen Kaffeetasse. Ich gehe durch die Wohnung und sehe aus den Fenstern, also zumindest aus denen, vor denen kein Familienmitglied noch schläft. Auf dem Spielplatz läuft das Eichhörnchen der Frühschicht dermaßen beschäftigt herum, dagegen kann man als Mensch gar nicht ankommen. Ganz egal, wie voll unser Tag ist, wie viel wir heute noch zu tun haben – so eilig wie das Tier werden wir es schon nicht haben. Ein Haus weiter läuft ein anderes Eichhörnchen gerade vom fünften Stock aus senkrecht eine Wand hinunter. Ich wusste gar nicht, dass sie das können. Ich frage mich, ob sie wohl auch bei uns auf den Balkon kommen können? Das ist ein Stockwerk weniger, das müsste dann leicht sein. Da mal Nüsse hinlegen?

Es ist jetzt schon rollkragenkühl am Morgen und das Gehen wird schöner, man kann wieder Strecke machen und atmen. Erste gelbgrüne Laubdekorationsstreifen an Kantsteinen, noch etwas dünn, noch etwas ausgefranst, löcherig und unfertig. Demnächst dann wieder die barocke Üppigkeit des gefallenen Goldes, aber das dauert noch.

Eine Möwe fliegt die Straße von der Alster herauf, eine fliegt sie zur Alster hinunter, wobei sie sich korrekt an die Autospuren halten, eine fliegt links, eine fliegt rechts. Ob sie sich über uns lustig machen?

Ich lese am Morgen die „Karte der Wildnis“ von Robert Macfarlane durch, darin ist viel mehr Natur als hier, denke ich, so viel mehr. Aber die Blaumeise sitzt immerhin auf dem Balkongeländer. Das Elsternpaar sitzt auf der alten Fernsehantenne auf dem Dach gegenüber, die Tauben picken unten in der Sandkiste, und die Krähen fliegen kreisend um den Kirchturm wie in einer Spukgeschichtenillustration für ein Kinderbuch. Müde Blumen auf dem Balkon. Die Duftnessel hält die verblassten Blüten noch stoisch hoch, aber an den Blättern wird ihr immer klammer und kälter, man sieht es ihr an. Das irgendwann draußen vergessene Basilikum hat schon schwärzliche Ränder am Blattwerk, zu retten, ach, zu spät.

Ich schreibe am Küchentisch in einem Notizbuch die letzte Seite voll. Ich lege es zu den anderen vollgeschriebenen Büchern in den Schrank und nehme ein neues aus dem Vorrat. Immer fühlt sich das großartig an, als sei etwas erreicht worden. Das ist selbstverständlich blanker Unsinn, gar nichts wurde hier erreicht. Die Notizen sind nicht einmal geistreich. Ich halte nur den Alltag fest, und der ist bar jeder Originalität. Nein, nichts ist erreicht, nur Zeit ist vergangen, nur Seiten sind beschrieben, und doch, und doch – ich liebe dieses Gefühl. Es ist eines der besten. Ein neues Notizbuch und der Blick ins Regal, sind noch genug da?

Ich gehe Brötchen holen. Zwei ältere Damen, silberhaarig und schon in Winterjacken, kommen mir entgegen, ich höre, wie eine im Vorbeigehen sagt: „Ein Wiener Kaffeehaus hatten wir in dieser Straße hier noch nie.“ Das ist schon wieder seltsam, sehr seltsam sogar, denn in dem gerade durchgehörten Roman Glitterschnitter von Sven Regener geht es immer wieder und wieder um ein Wiener Kaffeehaus in einer bestimmten Straße. Ich muss noch einmal dringend über Wahrscheinlichkeiten und über die Vermischung von Literatur und Wirklichkeit nachdenken, ich bin mit dem Thema noch nicht fertig. Noch lange nicht.

Jetzt höre ich übrigens „Die Enden der Welt“ von Roger Willemsen als Hörbuch, ein etwas harter Wechsel und ein tendenziell überfordernder Einstieg, das mit dem todkranken Kind da – ich bin einfach nicht dickfellig genug für so etwas.

Ich gehe durch den Hauptbahnhof. Vor dem stehen vier junge Männer in Sportkleidung und mit riesigen Sporttaschen, einer sagt gerade zu den anderen: „So lasst uns denn Abschied nehmen.“ Genau so sagt er es, mit einem Satz direkt aus dem neunzehnten Jahrhundert, es fehlt nur noch, dass er die anderen liebe Brüder nennt, aber so weit geht er doch nicht. Sie hauen sich auf die Schultern und gehen auseinander.

Wieder zuhause mache ich die Post von gestern auf, ich kam noch nicht dazu. Eine Verlagsabrechnung: 43 Cent. Dazu höre ich die Ballade vom angenehmen Leben, es passt schon. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Wir fahren in den Garten. Der Tag ist tatsächlich grau geblieben, das Licht ist langweilig, es ist kühl, es ist kein Gartenwetter. Aber ein Sohn möchte dort Tischtennis spielen und die Herzdame möchte mit dem anderen Sohn eine Wand der Laube streichen. Vor dem Vereinshaus gibt es eine Tischtennisplatte. Die allerdings steht unter einem Pflaumenbaum, der schon reichlich Früchte gelassen hat, die niemand aufgesammelt hat. Sie liegen vor und auch auf der Platte in allen Zuständen des Gammelns. Es riecht unangenehm vergoren, es sieht auch nicht gut aus und wenn man einen falschen Schritt macht, rutscht man auf dem Schmodder aus, liegt im Fruchtbrei, mag wochenlang keinen Pflaumenkuchen mehr und dann ist die Saison auch schon vorbei. Wir spielen dennoch ein wenig, denn wir hatten ja einen Plan.

Die Herzdame gräbt im Garten etwas aus dem Rasen und recherchiert diese Pflanze mit verschiedenen Apps. Sie kommt zu dem Schluss, dass es wohl eine Waldsimse ist. Das habe ich noch nie gehört und es könnte für mich auch einfach ein Witz sein, eine Waldsimse aus der Gattung der Simsen, nee, ist klar. Aber es ist kein Witz. Und im Grunde ist es natürlich grandios, ich kann hier den Bogen zum Macfarlane schlagen, zu seiner vielen Natur – es gibt nämlich auch hier, in meiner gewohntesten und vertrautesten Umgebung, auf den paar Quadratmetern, die ich schon tausendmal gesehen habe, immer noch mehr Natur, als ich ahne.

Dann gehen ein Sohn und ich zu Fuß vom Garten nach Hause, das sind etwas mehr als fünf Kilometer, das ist eine Stunde Weg. Wir reden unterwegs über Gott und die Welt. Beide kommen nicht sehr gut weg dabei, aber wir sind viel schneller zuhause, als wir dachten, so ist das mit guten Gesprächen. Wir denken wieder, wir sollten öfter gehen. Wir würden auch gerne die gemeinsame Ostseewanderung wieder aufnehmen, die ist uns nämlich pandemisch abhandengekommen. Die Idee ist jedoch noch da und ja, es geht irgendwann weiter. Es ist sogar noch Leserinnengeld dafür da, ich habe eine geordnete Buchführung. Apropos Leserinnengeld, der Trinkgeldbericht ist überfällig, ich weiß. Demnächst!

Und apropos Bogen schlagen, hier noch eben die Kurve zum Titel und zum gestrigen Text, in dem ich mich vehement beschwert habe, dass in Herbst-Liedern die Tage keinesfalls länger werden dürfen. Ein Lied, in dem sie kürzer werden, wie es sich doch gehört. „But the days grow short when you reach September.“ Geht doch. Und was für eine schöne kleine Szene, nicht wahr.

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