Ich lese in der SZ, die ich nach Ewigkeiten mal wieder als Printausgabe zum Frühstück lese, in einem Artikel über unbekannte Wildtiere in Deutschland vom Waldrapp, von dem habe ich noch nie etwas gehört. Jetzt aber würde ich gerne mal einen sehen. Der Vogel hat ein besonderes Begrüßungsritual, ich zitiere die Wikipedia: „Nach der Landung werfen Männchen wie Weibchen den Kopf mit aufgestelltem Schopf in den Nacken und verbeugen sich dann unter lauten Chrup-Chrup-Rufen voreinander.“ Das mal im Büro nachspielen! Mach mir den Waldrapp! Ansonsten fällt mir auf, dass man sich in dieser Zeitung vehement über den Tonfall auf Twitter mokiert, aber dabei exakt in diesem Tonfall schreibt. Es könnte natürlich daran liegen, dass die Autorinnen beides vollschreiben, nicht wahr, die sozialen Medien und auch die gedruckten Zeitungen. So auch ich, fällt mir gerade ein. Alles als Raum für Notizen betrachten.

Ich harke zum ersten Mal wieder Laub im Garten, der Herbstsport, die lange Trainingsrunde beginnt. Unter dem großen Rechen verbluten die letzten und gerade erst gefallenen Kornelkirschen, unerwartet aufspritzendes Alarmrot im nassfrischen Grün des Rasens. Erst jetzt beim Schreiben fällt mir die entsprechende politische Assoziation zu den Farben ein. Ich habe es aber tatsächlich geschafft, im Moment des Erlebens daran vorbeizudenken, das ist mittlerweile auch schon eine erstaunliche Leistung, zumal da ganz in der Nähe auch noch appetitlich gelbgrüne Äpfel unter einem Baum lagen. Ich höre beim Harken etliche Playlists auf Spotify durch, es ist eine fast ideale Beschäftigung, um dabei etwas zu hören. Es ist sogar so dermaßen gut dafür geeignet, ich werde demnächst wohl nur zum Harken und Hören wieder in den Garten fahren und es auch in meine Bio übernehmen – meine Hobbys: Harken und Hören. Ich höre Sadcore und Slowcore. Ich finde die Begriffe gut und vielversprechend, ich habe sie allerdings gerade erst gelernt. Vermutlich habe ich wieder jahrelang nicht richtig aufgepasst und alle anderen kennen sie längst. So geht es mir bei der Musik immer, die trendsichere Coolness ist für mich quasi unerreichbar. Das fing schon damit an, dass ich eine Jugend ohne jeden Konzertbesuch hatte, von den wildbewegten Auftritten der Gruppe Torfrock beim Lübecker Altstadtfest einmal abgesehen. Wir hatten ja nichts.

Die Auswahl Slowcore/Sadcore erfordert allerdings geschicktes und vor allem schnelles Skippen, denn es ist elend viel Gewimmer in hohen Tonlagen dabei, das kann ich nicht gut ab. Ächzende oder nur noch heiser brummende alte Männer sind okay, der späte Cash etwa, der alte Cohen, der reife Waits, immer wieder gerne, aber jammernde junge Männer – nein. Geschmack ist eine seltsame Sache, es lässt sich nicht alles rational begründen. Egal, ich bin der Mann, der schneller skippt als sein Schatten und ich bin auch beim Musikhören Jäger und Sammler. Jedes Stück, dass ich auf eigene Listen abspeichere, ist ein kleiner Erfolg, ist Beute. Ich lande aber schließlich doch wieder bei Americana, siehe ganz unten. Americana und herbstliche Gartenarbeit, das passt sensationell harmonisch zusammen, finde ich.

Das Wetter neigt zu jähen Wechseln. Die Sonne kommt durch und wärmt sogar, ich werfe beim Harken alles von mir und schwitze wie im Juli. Im nächsten Moment wieder dichte, dunkelgraue Wolken und flott heranpfeifender, regennasser Wind, der mir übergriffig ans T-Shirt und an die Nieren geht. Ich flüchte in die Laube und finde dort beim aufräumenden Herumwühlen einen Gedichtband von Karl Krolow, den ich gerade erst in der Wohnung überall und lange gesucht habe. Fluchend stand ich in der letzten Woche vor den Regalen, ich wusste doch, dass ich das Buch besitze, nirgends war das verdammte Ding zu finden. In der Laube lag es neben dem Bett. „Ich höre mich sagen“, heißt der schmale Band. Mein Lieblingsgedicht von ihm ist darin, „Was bleibt“ heißt es. Das auch immer wieder im Herbst lesen, unbedingt sogar, es ist mir wichtig und geradezu heilig. Es kam hier im Blog schon einmal vor, das macht nichts:

Von allem nichts mehr, denn ich habe

genug und ich hatte zuviel.

Ich hatte Gedächtnis. Ich grabe

Darin halb wie im Spiel

 

Noch einmal vergeblich, vergesse,

wie alles eigentlich war

und ein bloßer Schein nur, ich messe

die Zeit nicht mehr, Jahr um Jahr.

 

Ich lasse mir Zeit jetzt und lasse

Den Tag mit dem Tage vergehen.

Von allem bleibt nichts und ich fasse

In Luft nur und nenn‘ es Geschehen.

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Falls Sie übrigens zu den freiberuflich Schreibenden gehören, es gibt bei der VG Wort noch Stipendien, im Rahmen des Programms Neustart Kultur. Das klingt alles sehr gut, da ruhig mal bewerben! Für mich kommt das leider nicht in Frage, ich bin ja ein heikles Mischwesen als Angestellter, Freiberufler und Selbständiger. Ich bin zwischen allen Stühlen und passe weder in ein staatliches Formular noch in eine Bewerbung auf egal was. So etwas wie mich kann es eigentlich gar nicht geben.

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Noch etwas für den Freundeskreis trauriges Liedgut. Ich will da im Oktober und November möglichst oft etwas nachlegen, weil auch das zur Saison passt. Und weil ich es kann. Immer wieder diese aufblitzenden Momente der Freude beim Bloggen, Sie kennen das vielleicht, wenn Sie es auch einmal gemacht haben oder sogar immer noch betreiben: Ich kann hier machen, was ich will. Wie toll das ist. Und Sie lesen das! Das ist dann noch toller.

Heute John Prine, der hat schöne Stücke geschrieben.

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