Auch mal notieren, wie sich das Älterwerden im Alltag manifestiert, in Kleinigkeiten und Trivialitäten nämlich. Ich war bei einer Ärztin und wurde im Gespräch dort ganz nebenbei und in einem sicher hundertfach aufgeführten Routinedialog gefragt, ob ich denn schon über sechzig Jahre alt sei. Dann ihr kurzer, prüfender Blick auf den Computer, ach nein, ein paar Jahre hat er ja noch, okay. Eine kleine Änderung am Horizont war das. Noch nie vorher habe ich dieses Alter in Bezug auf mich gehört, jetzt ist die Zahl auf einmal zu sehen. Wie bei einer Fahrt über die Nordsee, wenn man weiß, wo Helgoland ist, dann sieht man es auch irgendwann, da hinten, da hinten, rufend an der Reling, ein Finger weist dorthin, dann kommt es bald näher und wird größer.

Meinem auf einmal weit fortgeschrittenen Alter entsprechend schäle ich abends am Küchentisch sitzend Kartoffeln aus dem Schrebergarten für die Gulaschsuppe, eine geruhsame Beschäftigung. Schwarze Erde bröselt von den Schalen und es steigt ein Duft auf, den die Kartoffeln aus dem Supermarkt nie haben. Der große Kartoffeleimer steht normalerweise in der Abstellkammer, in der ich gelegentlich auch arbeite. Wenn ich jetzt dort sitze und schreibe, riecht es dabei dezent nach Herbst und Essen, das ist schön. Diese Kartoffeln reichen schon eine Weile und gewiss noch für weitere zwei, drei Wochen, eine ergiebigere Ernte hatten wir noch nie. Die Kürbisse wurden sämtlich bereits versuppt oder gestampft. Einige Äpfel wird es noch geben, klein, aber gut, Jonagold und andere Sorten. Die Birnen fielen in diesem Sommer aus, die Pflaumen haben wir direkt vom Baum gegessen, alle zwölf. Die zahlreichen Himbeeren gab es sämtlich gleich von den Ranken, und immer gleich nach der Ankunft im Garten. Einige Zwiebeln gibt es auch noch, die vergesse ich schnell, sie sind so selbstverständlich. Im Kühlschrank steht die Kirschmarmelade, die bleibt uns am längsten, bis über Weihnachten sicherlich, vielleicht sogar bis ins nächste Jahr. So kommt auch das in Sicht.

Saisonende. Demnächst Laub harken und allmählich schon Zeug aus der Laube holen, alles wieder einkellern. Das Trampolin auch abbauen, damit es in den Herbststürmen nicht stiften geht, wie es mehrere seiner Art in der Kolonie tatsächlich schon getan haben, randalierend über die Wege und Hecken, durch die Beete und Büsche. Das Wasser müssen wir vor dem ersten Frost abstellen, da mal den Wetterbericht im Auge behalten. Oktoberrituale.

Die Söhne haben den letzten Schultag und fallen am Nachmittag erschöpft in die Herbstferien wie Hallensportler in die großen Matten. Das würde ich auch gerne, mich so hinsinken lassen, aber die Herzdame und ich haben keinen Urlaub mehr übrig, oder doch nur zwei, drei Tage. Die füllen sich von selbst mit Terminen, kaum passt man mal eine Stunde nicht auf.

Immerhin aber habe ich es geschafft, an diesem Wochenende ziemlich ernsthaft frei zu haben, nur kleine Korrekturen an nahezu fertigen Texten fallen noch an, die mache ich gerne. Es sind die kleinen Erfolge, daran mal schön festhalten.

Ich höre bei der Hausarbeit und beim Kochen weiter Roger Willemsens „Die Enden der Welt“. Reiseberichte, die in mir kein Fernweh auslösen, ich bin dafür allerdings auch überhaupt nicht anfällig. Reisen ist nicht so meins. Ich bin gerne, wo ich bin, ich bin gerne hier auf dem Sofa. Aber ich mag weiterhin, wie der Herr Willemsen beobachtet, was ihm alles auffällt und wie er es beschreibt, das mag ich auch ausreichend oft, und ich versuche, etwas zu lernen. Ich denke wieder daran, wie er einmal beim Bäcker hier um die Ecke vor mir in der Schlange stand und dann ein Schwarzbrot gekauft hat, wie er die Auslage mit den Broten und Kuchen so angesehen hat, wie er vielleicht alles angesehen hat, freundlich interessiert.

Ich lese abends in den Dublinern von James Joyce, die mich trotz des gewaltigen Sekundärliteraturdrucks nicht recht beeindrucken. Ich lese eine Geschichte, ich lese noch eine Geschichte, ich lese dann etwas über die Geschichten nach, dann noch etwas, ich denke: „Na, meinetwegen. Es wird schon stimmen.“ Es wird selbstverständlich an meiner mangelnden Bildung oder schlicht und wie fast immer an einer falschen Phase liegen, aber es ist auch vollkommen egal. Das Gutfinden von Literatur ist nach wie vor eine freiwillige Leistung, glaube ich. Als ich damals ungefähr im Alter der Söhne war, waren Joyce und Kafka noch die Posterboys der damaligen Intellektuellenszene, fällt mir ein. Postkarten und Bilder mit Portraits und Zitaten von ihnen in WG-Küchen und Lehrerwohnzimmern, keinen Literaturkalender gab es ohne ein Blatt für sie, und sie nahmen auch noch erstaunlich viel Platz in den Feuilletons ein. Virginia Woolf als weibliches Pendant. Ich weiß gar nicht, wer heute diese Geltung hat, wenn überhaupt jemand. Gibt es bei Ikea wohl Schriftstellerinnenposter? Damals gab es diese Bilder bei Karstadt in Lübeck. Hermann Hesse war auch dabei, das war dann die etwas weniger intellektuelle Variante, die Zitate darauf mit einem Zug ins Liebliche.

Ich lese zum Einschlafen in den Gedichten der Kaléko und freue mich über jedes. Ein Lieblingsbuch. Was für ein überaus erfreuliches Gesamtwerk, und wie schön, dass es hier liegt.

Es gibt Neues von Bedouine.

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