Die Tage zerrinnen wie Wasser, eher uninteressant, schnell und unaufhaltbar. In der nächsten Woche, so sagen die Söhne, beginnen hier schon die Ferien, wie ist das nun wieder möglich? Man weiß es nicht. Herbstferien. Danach gleich die Weihnachtsferien, so ist es ja immer. Man tunnelt sich so durch.

Das defizitäre Gefühl bleibt, der Coronakraftrückstand. Vielleicht lässt sich der auch gar nicht mehr beheben, vielleicht gehört das alles jetzt so? Das ist am Ende auch eine Möglichkeit. Wenigstens wird es draußen zusehends kalt und ungemütlich, das ist mir recht. Die meteorologische Sofalizenz, ab Oktober erlaube ich mir auch Lebkuchen dabei. Im September kaufen nur durchgeknallte Irre so etwas, ab Oktober ist das aber vollkommen okay, heute Nacht also die Grenze. Der Mensch braucht Regeln, und seien es selbstgemachte. Lebkuchen und Sofa, ich habe viele, natürlich zu viele Bücher bereitgelegt, ich bin vorbereitet. Meinetwegen kann es wochenlang regnen. Heute ist es immerhin schon kühl und windig, ein Nordseetief rüttelt im Vorbeiflug an den Dachfenstern. Ein Geräusch, das beim Lesen so dermaßen gut ist, keine Chill-Playlist kann je dagegen ankommen.

Ich gehe abends in die Stadt, ich suche Bilder und Szenen für einen Text. Ich lungere herum, ich strolche durch die Gegend, ich warte auf irgendetwas, ich gucke allen und allem zu, Jäger und Sammler. Ich lehne mich an eine Hauswand und schreibe etwas in mein Notizbuch. In dem Haus ist ein Schreibwarengeschäft, das finde ich passend. Auf der anderen Seite des Schaufensters steht ein anderer Mann, der hat auch ein Notizbuch in der Hand, der schreibt auch etwas hinein. Er bemerkt mich im gleichen Moment wie ich ihn, wir lachen, wir grüßen, dann stecken wir die Notizbücher weg und gehen in verschiedene Richtungen weiter. Er sitzt jetzt vielleicht auch irgendwo und schreibt ähnliche Sätze, wer weiß – und warum auch nicht. Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich der Einzige, der …“ beginnen, können grundsätzlich verneint werden. Das habe ich einmal als Lebensweisheit gelernt, und ich fand sie viel nützlicher als viele andere Erkenntnisse. Ich finde es immer noch. Der Satz stimmt, und er kann tröstlich sein.

Ich sehe im Weitergehen in einen geschlossenen Frisiersalon, ich sehe mir heute alles genau an. Die Spiegel vor den Stühlen spiegeln sich gegenseitig und mich vielfach, ich komme da sechs- oder achtmal vor, im Halbdunkel des Salons. Bin ich eigentlich der Einzige, der sich hier spiegelt, könnte ich mein Spiegelbild fragen. Aber welches.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!