Der letzte Text ist schon vier Tage her, wie ist das nun wieder möglich, wo sind die Stunden, die Tage. Wo sind sie gebliehieben, das war jetzt kein Schreibfehler. Sie sind verpufft, sie wurden versemmelt, sie wurden veralltagt. Auf einmal steht in der Bäckerei schon die ganze Weihnachtsdeko, komplett mit Rentier aus Stroh und Attrappengeschenkkartons in rotem Glanzpapier, auf einmal gibt es dort wieder Baumkuchen. Schulkinder werden, es ist früh am Morgen, hereingeweht und bestellen Rosinenbrötchen. Es stürmt, es regnet, irgendwo gibt es auch Eisregen, höre ich später im Radio. Eisregen klingt nach Winter. Irgendwo wütet ein Tornado, irgendwo gibt es keinen Zugverkehr mehr.

Zwischendurch melde ich mich einen Tag krank, weil jede Zelle meines Körpers nach Ruhe verlangt. Ich lege mich hin und höre so enorme Mengen Golo Mann am Stück, dass ich hinterher fließend in seinem Satzbau reden kann, es sind sehr schöne erweiterte Infinitive dabei. Ich höre mir den Untergang der Weimarer Republik an. Papen, Schleicher, Brüning, erhebend ist das nicht gerade, also bleibe ich einfach liegen, dann geht es. Sollten Sie die Geschichte Deutschlands von Golo Mann einmal lesen oder hören, achten Sie doch bitte darauf, wie elegant er es vermeidet, einen gewissen rechtsextremen Diktator beim Namen zu nennen. Und mit welcher Sachlichkeit er über seinen schreibenden Vater und seinen schreibenden Onkel schreibt, mit welch nüchterner Einschätzung. Golo Mann war ein durch und durch Konservativer, aber noch einer von der Art, die man aushalten konnte. Die gibt es ja heute kaum noch. Beim Hören aber immer wieder die Frage, ob Geschichtsbücher nicht noch mehr Spaß machen würden, wenn die Schulbildung nicht fast alles gespoilert hätte? Okay. Kleiner Scherz.

Dann sitze ich doch wieder im Home-Office. Die Heizung ist kaputt, ich trinke heißen Tee und trage Pullover, ich sage siehste, es geht auch ohne und so spart man Geld. Die Söhne fragen, ob die Heizung denn repariert wird. Eine gute Generation, denke ich, sie stellen die richtigen Fragen. Ich schreibe mit kalten Fingern am Notebook, es werden keine Texte aus den angefangenen Sätzen, alles bricht ab. Am Haus gegenüber wird ein Gerüst aufgebaut, ein riesiges Gerüst, denn es ist ein großes, hohes und altes Haus mit einem malerischen Hansestadtgiebel ganz oben, historisierende Gründerzeit. Bis über diesen Giebel hinaus ragt das Gerüst jetzt, noch über mein Dachfenster, wo doch sonst nur Himmel ist, krähen- und möwendurchflogen. Die Gerüstbauer fügen die Teile in routinierter Geschwindigkeit zusammen, ein großer Metallbaukasten wird da bespielt. So müsste man schreiben können, denke ich. Einen Satz fest und verlässlich in den anderen verschrauben, bei jedem Wetter, in jeder Stimmung, hier bitte, das Gerüst, da steht es. Der schon recht alte Chef der Gerüstbaufirma steht unten, guckt hoch und nickt knurrend, die Daumen in den Gürtel gehakt: Okay, Feierabend.

Der Sturm rüttelt später wild an diesem Gerüst, das man ihm da einfach in den Weg gestellt hat, und wenn das jetzt fällt, denke ich beim Tippen, dann kracht es mir in mein Dachfenster und auf meinen Schreibtisch, und dann war es das hier aber, memento mori. Ein natürlicher Tod wäre das und so schlecht nicht für einen überzeugten Norddeutschen, bitte, da hast du deinen verdammten Wind.

Ich mache das Dachfenster auf und sehe raus. Der Himmel ist in rasender Bewegung, Wolken in Fetzen, die Luft lärmt tief grollend, unten von der Alster her kommt die Kaltfront direkt auf mich zu. Lass den Sturm ins Herz hinein, und versuche gut zu sein, Wolfgang Borchert war das. Vielleicht hat er es sogar hier in der Nähe geschrieben, ich weiß es nicht. Und an der Elbe, lese ich, steigt die Flut, Katwarn-Meldungen auf dem Smartphone. Das ist alles gut und schön, es ist später Oktober mit einer Ahnung von November, das darf und das soll auch so.

Ein Sohn hastet durch den quertreibenden Regen zu seinen Sozialstunden, er gibt Essen an Bedürftige aus. Die stehen Schlange vor der Tür, die drücken sich in Hauseingänge und an Fassaden und werden nass, sehr gründlich werden die nass. Der Sohn sagt, es waren wieder viele heute.

Die Herzdame und ich gehen zu den LEGs in die Schule der Söhne, Lernstandentwicklungsgespräche, heißt es, glaube ich. Die wievielten das wohl sind? Ich rechne kurz nach, bin mir dann aber nicht sicher, ich komme durcheinander und überhaupt, man muss auch nicht alles zählen. Das habe ich schon am Morgen gedacht, als um den Kirchturm zwölf Krähen flogen. Bin ich Graf Zahl oder was. Ich gehe in der Schule auf die Toilette, an der Wand steht: „Wer das liest, ist doof.“ Die Generation ist okay, originell ist sie nicht.

Der Sturm fordert Laub, der Sturm bekommt Laub, große Mengen davon, die reißt er fort, die rafft er zusammen, die nimmt er plündernd mit, die sind jetzt in Mecklenburg. Was auch immer die da mit unserem Laub machen. In einem Innenhof hier stehen vier junge Bäume schlagartig kahl und sehen dermaßen verschreckt und verprügelt aus, sie werden vermutlich bis Mai brauchen, um sich davon zu erholen.

Ich gehe auf den Wochenmarkt. Am Käsestand sagt der Mann: „Sie müssen nichts sagen, ich weiß doch, was Sie wollen.“ Wenigstens ein Mensch, denke ich, wenigstens einer. Ich bin nicht gänzlich unverstanden.

Im Park spielt ein junges Mädchen mit einem ebensolchen Hund, und das Fell des Hundes hat den gleichen Farbton wie die Übergangsjacke des Mädchens und wie auch das Laub, welches sie herumtollend in der auf einmal durchblitzenden Sonne aufwirbeln. Es ist ein idyllisches Fernsehwerbungsbild, an dem ich da lustlos vorbeigehe, es ist ein ach so schönes Herbstreklameplakat, und ich höre im Geiste die Sanostolmelodie von damals und gehe extra durch tiefe Pfützen. Wenn der Autor häufig lustlos ist, sagt eine Stimme in meinem Kopf. Ich habe damals schon gedacht, warum soll man denn bitte nicht lustlos durch Pfützen schlurfen dürfen, wenn einem doch danach ist? Ich habe damals nicht vieles richtig gedacht, glaube ich, aber das dann doch: Man hat ein Recht auf seine Lustlosigkeit. Kinder gegen Sanostol, die Bewegung gab es nicht, ich hätte sie gründen sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Noch ein trauriges Lied, dann ist Wochenende. Habe ich es geschafft, ganz frei zu haben? Nein, das habe ich nicht. Aber ich werde einfach so tun, als würde ich nur aus Spaß schreiben und wissen Sie was, ich werde es mir glauben.

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