In einem Kommentar zum letzten Text wurde zum wiederholten Male vorgeschlagen, das Abschlusslied doch bitte gleich voranzustellen, so dass es beim Lesen als Soundtrack laufen kann. Tatsächlich schreibe ich auch so, es ist der Soundtrack beim Tippen. Es ist einen Versuch wert, heute läuft zum Blogartikel im Hintergrund also bitte: Echoes in the wind von den Lost Brothers. Es passt schon.

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Ich gehe abends durch den Hauptbahnhof. Am Zug in eine andere deutsche Großstadt stehen zwei und küssen sich. Sie hält einen Koffer und eine Tasche mit Proviant, er hält nur sie, und wie er sie hält. Ganz eng stehen sie und küssen die Stellen, die bei vollbekleideten Herbstmenschen für Lippen irgend erreichbar ist. Zwischendurch zeigt sie immer wieder auf die offenen Türen des Zuges, sie geht auch kurz darauf zu, dann aber doch zwei Schritte zurück und ein letzter Kuss, noch einer und noch einer, und dann fährt der Zug schließlich ab, sie ist nicht drin und sie lachen und küssen, sie gehen Hand in Hand zur Rolltreppe, er nimmt ihren Koffer und wir blenden hier ab.

Ich sitze auf einer Bank am Gleis. Der nächste Zug fährt nach Wien, es ist ein dunkelblauer Nachtzug, vor dem küsst sich niemand, aber das wird nur Zufall sein. In einem Abteil für vier Personen sitzen auf den unteren Pritschen zwei Frauen, sie öffnen eine Flasche Prosecco, es schäumt, sie lachen. In kein anderes Fenster kann man bei diesem Zug hineinsehen, heruntergelassene Jalousien überall, als sei es schon mitten in der Nacht.

Ich gehe in einen Drogeriemarkt im Bahnhof. Das junge Paar vor mir kauft mehrere Packungen Kondome, diskutiert aber in der Kassenschlange leise, wer überhaupt Geld dabeihat und wer die jetzt bezahlt. Ich habe auf dem Weg zu diesem Einkauf Tschechow gehört, die Geschichte von der Dame mit dem Hündchen. „Diesmal aber liebte er wirklich“, der entscheidende Satz. Ich habe die Geschichte mittlerweile zum dritten Mal gehört, glaube ich, sie wird immer besser. Ich höre beim Spazierengehen sicher ein Fünftel der Texte nicht, weil ich mit den Gedanken woanders bin. Ich müsste alles fünfmal hören, um es wirklich zu kennen, mindestens. Es ist aber auch egal, ich muss über die Texte keine Klausuren schreiben, es geht hier nicht um Leistung.

Man kann jetzt abends wieder auf diese Winterspaziergangsart in hell erleuchtete Restaurants hineinsehen, das mag ich. Zwei volle Rotweingläser werden in einem Fensterausschnitt erhoben und stoßen in meinem Augenwinkel aneinander, das freundliche Pling denke ich mir im Vorbeigehen dazu. Kellner beugen sich mit blaugrünen Wasserflaschen über Tische und schenken jemandem nach. Ein junger Mann hilft einer älteren Dame in einen sehr roten Mantel, sie lächelt und nickt. Weiße Stoffservietten werden geknüllt und auf leere Teller geworfen. Zwei Frauen in einem asiatischen Restaurant stecken die Köpfe über zwei Suppenschüsseln zusammen, dass ihre Stirnen sich fast berühren, sie sehen Fotos auf einem Handy an. Ein Mann greift in einer fast leeren Hotellobby nach der Hand einer Frau, die unsäglich gelangweilt zum Fenster sieht, wie lange dauert das hier noch. Er senkt den Kopf über ihre Hand. Ein Kellner geht auf die beiden zu und dreht kopfschüttelnd wieder ab.

Vor einem Restaurant steht eine Raucherin ohne Jacke fröstelnd in der Kälte, zündet sich eine Zigarette an und schließt beim ersten Zug lange die Augen.

Im Blumenladen auf der Ausgehmeile gibt es rosa Pfeffer, den Stiel zu 2,50, so steht es auf einem handgeschriebenen Schild. Den geliebten oder geschätzten Menschen ruhig einmal Pfeffer mitbringen, warum auch nicht. Ich stehe vor dem Schaufenster des geschlossenen und nur schummerig beleuchteten Ladens und denke, so also sieht das Laub vom Pfeffer aus. Wieder was gelernt heute. Doch gut, wenn man mal vor die Tür geht.

An der Ampel fährt ein Auto an mir vorbei, das hat einen Anhänger hintendran, einen kleinen Viehanhänger, einen ganz kleinen. Auf dem steht eine Kuh, eine Schwarzbunte. Es ist sicher naheliegend, dass es Anhänger für einzelne Kühe oder Bullen gibt, es ist nur ein so überaus seltsamer Anblick in der Mitte der Millionenstadt, dass da jemand am Samstagabend sein Rind durchs Szeneviertel fährt. Es wird einen Grund geben, es gibt immer einen Grund, und irgendwer kann immer alles erklären. Ich sehe diesem Tier nach, wie es weitergefahren wird.

Später lerne ich noch Geschichte mit Sohn II, nächste Woche die Klassenarbeit. Es geht um den Übergang vom Paläolithikum zum Neolithikum, etwa 9000 v.Chr. war das. Erst die Altsteinzeit, dann die Jungsteinzeit, der Mensch wird sesshaft, baut Korn an und hält Tiere. Er erfindet dabei versehentlich auch die Arbeit und den Besitz, was wir übrigens bis heute ausbaden müssen, wie bitter ist das eigentlich. Elftausend Jahre meins, meins, meins, elftausend Jahre das morgendliche „Wir müssen jetzt aufstehen.“

Ich schlage das Geschichtsheft des Sohnes auf und sehe mit väterlicher Freude seinen ersten Satz. In großen schwarzen Buchstaben und fett unterstrichen steht da auf dem Deckblatt, noch vor dem Erscheinen des Menschen im Holozän: „Was bisher geschah.“

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