Zwei Erlebnisse noch, die sich seltsam verbinden und wovon eines auch bebildert wird, ich danke bereits jetzt dem Künstler. Und zwar war ich einerseits in Hagenbecks Tierpark, wovon ich das meiste aber an anderer Stelle verwenden und berichten werde, und zweitens in einem Kletterwald. Klassische Ausflüge zur Ferienzeit. Die Herbstferien sind hier nicht lange her, man vertrieb sich die Zeit, bzw. wir Eltern eher die Zeit der Söhne.

Es ist beim Schreiben oft so, dass ich auf Muster achte, oder eher sogar so, dass ich ein Muster nicht suche, sondern schlicht sehe und darin im besten Fall dann auch schon eine Pointe erkenne, also wenn ich Glück habe (es ist tatsächlich wohl eher Glück als Verstand). Mustererkennung ist oft die Grundlage von mehr oder weniger humoristischen Einlassungen, sieht man Muster, kann man leicht kreativ sein, in welcher Form auch immer. Im besten Fall verbindet ein Muster Bezüge und Inhalte, die nicht zusammenpassen und überraschen, so die einfache Theorie. Vermutlich geht Humor auch ohne Muster, wobei ich da allerdings kein Spezialist bin. Und manchmal machen Muster auch, was sie wollen, sie erscheinen einfach, ob mir dazu nun etwas einfällt oder nicht. Sie machen sich vielleicht manchmal über mich lustig, was ihnen gewiss auch zusteht, bei all den Scherzen, die ich schon über sie oder mit ihnen gemacht habe.

Am klassischen Beispiel des Leopardenmusters, also vermutlich unerwartet wörtlich: Das sah ich im Zoo. Ein klein wenig Leopardenmuster sah ich da, denn die Raubkatze, also die Inhaberin des Musters, lag unter einem Strauch versteckt im Halbdunkel eines lichtergefleckten Käfigbodens. Sonne fiel durch Gezweig und Blätter, wobei man sehr schön erkennen konnte, wie gut ein Tarnmuster wirken kann. Denn man sah dieses Stück Leopard, es handelte sich genauer um einen Leopardenpo, überhaupt nur, weil man als Gast im Tierpark wusste, dass da irgendwo im Geäst etwas zu erwarten war. Also graste man da mit den Augen alles ab, was dort zu sehen war, jedes Stück Boden, jeden Ast – und so viele Stücke und Äste waren das auch nicht, es ist ja kein Safaripark mit reichlich Auslauf. Es war nur eine Art Käfig, es war nur etwas Geäst, darin ein Leopardenpo im Zwielicht. Davor etliche Menschen, die dahin sahen, zeigten und „Da!“ riefen. Immer wieder.

Dann der Kletterwald. Es wird gleich etwas absurd, verbleibt aber ohne Pointe, das ist manchmal so. Da habe ich, während die Söhne und die Herzdame oben gut gesichert durchs Geäst turnten, unten gesessen und Leute beobachtet. Was man eben so macht, wenn man nichts macht. Unter diesen Gästen war auch eine junge Frau in etwas, das wie ein Jumpsuit mit Leopardendruck aussah. Ich habe in den letzten zwei Wochen schon drei Exemplare von diesem Jumpsuit gesehen. Entweder es ist ein Trend oder es ist ein reichlich fortgeschrittener Zufall. Diese Frau jedenfalls kletterte auch, und kletterte dabei an dem Platz vorbei, an dem ich saß, wobei für einen Moment, ich gebe zu, es klingt seltsam, ihr mit diesem Muster bekleideter Po so aus dem Laub sah, dass es exakt dieses Bild ergab, welches ich im Tierpark gesehen habe. Leopardenpo an Laub. Was sagt einem das? Es sagt einem gar nichts. Es ist nur. Wirre Gedanken über Wahrscheinlichkeiten hat man da. Aber noch Tage später dachte ich immer wieder an diese Duplizität der Leomuster, an das etwas obskur gedoppelte Bild, und wie das wohl zu verwerten sei und ob überhaupt. Es kam aber wieder nichts dabei heraus, als nur ein weiterer Blogeintrag. So ist es manchmal, selbst bei sehr auffälligen Mustern in der Wirklichkeit.

Ich saß da auf dieser Lichtung im Kletterwald, um mich herum die hohen Bäume, in die man diese Parcourvorrichtungen aus Brettern und Seilen gebastelt hatte, in denen sich kletternde Kinder, Eltern und Leoparden von Baum zu Baum hangelten. Es war kalt, aber es war schön, es war ein ausgesprochen günstiger Tag, um etwas Wald zu sehen, noch vor der novembrigen Entlaubung.

Moment, ich mache eben Musik an. Ich saß da nämlich und hörte Lee Hazlewood, passend zum angegilbten Laub: My autum’s done come. Das können Sie hier auch anmachen, es ist ein schönes Stück, auch wenn es ohne Video verbleibt.

„Kiss all the pretty ones goodbye
Give everyone a penny that cry
You can throw all my tranquil pills away
Let my blood pressure go on its way

‘Cause my autumn’s done come“

Der Waldboden roch fantastisch intensiv und ich hatte diese etwas schmerzhafte Empfindung, dass ich so etwas zu selten rieche. Wald und Meer, beides müsste ich öfter in der Nase haben, viel öfter und für einen Moment war ich mir sicher, es falsch zu machen, vieles falsch zu machen, weil ich das nicht öfter rieche. Es ist vermutlich gut, dass mich niemand näher beobachtet hat, während ich dort saß und intensiv roch und hörte, ich nehme stark an, man sieht nicht allzu geistreich aus, wenn man sich auf diese Art Mühe mit der Wahrnehmung gibt. Aber egal. Ich saß und roch und hörte, ab und zu fiel ein Blatt von einem Baum, leicht löste sich das Laub der Linde. Es war der Herbst der besseren Art. „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen roch und hörte“, so steht es nicht bei Hebbel, nein, dort heißt es etwas anders. Bleiben wir bei Lee Hazlewood:

„Bring me water short and scotch tall
A big long black cigar that ain’t all
Hang me a hammock between two big trees
Leave me alone, damned! Let me do as I please
For my autumn’s done come“

Mir wurde langsam kalt, es fehlten ein paar Grad, um längere Zeit draußen stillsitzen zu können. Ich ging etwas herum, hin und her über die Lichtung. Oben die turnenden Söhne, die Herzdame, der Leopard und andere Kletterer, an zwei Tischen weiter hinten auf der Lichtung wartende Eltern vor Keksen, Cola und Thermoskannen. Zwei, drei auf dem Boden spielende Kinder, die noch zu klein fürs Klettern waren.

Am Kassenhäuschen diskutierten welche. Was gab es da zu diskutieren? Die wollten rauchen. „Nein, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Wald“, hieß es da. Ein Arm wies im Kreis, tatsächlich, überall Bäume. Blankes Unverständnis bei den Rauchern, das sei ja nun eher eine Lichtung als ein Wald, also genau genommen. Sie zeigten zu den Bänken und Tischen, auf denen keine Aschenbecher standen, warum standen da denn keine Aschenbecher, da hätte man doch welche hinstellen können. „Und wenn wir nur am Tisch?“ „Nein, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Wald. Im Wald raucht man nicht, das weiß man doch.“ Aber, und sie zeigten immer wieder zu den Bänken und Tischen, um diese Tische herum, da sei doch nur so, was war denn das, Sand? Da könnte man doch? Und dann fiel die Antwort, über die ich mich immer noch freue. Es war vielleicht der beste Satz des Monats und ich bin gar nicht sicher, ob das alle nachvollziehen können, warum ich bis heute manchmal daran denke und dann leise lache: „Nein, Sie dürfen hier nicht rauchen. Das ist ein offizieller Wald.“

Vielleicht kennen Sie Gerd Brunzema von Instagram oder Twitter, er macht prima Druckgrafiken. Und gucken Sie mal, er hat eine passende Grafik gemacht, die kann man bei ihm natürlich auch erwerben. Keine bezahlte Werbung, nein. Nur eine Kneipenidee, als wir uns darüber unterhielten, wie man in Druckgrafik und Text mit Ideen und Szenen umgeht. Das kommt dann dabei heraus, wenn man doch wieder ausgeht und Menschen trifft.

Grafik fünf Bäume

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