Auf den Tag genau

Ich gehe mit einem Sohn in die Stadt, um für den Geburtstag der Herzdame etwas zu besorgen. Wir gehen in drei Läden und erleben dabei die Dreifaltigkeit der pandemiebedingten Checkmöglichkeiten, es wirkt heute wieder arg drehbuchmäßig. In einem Laden will man alles genau sehen, die Impfzertifikate und die Ausweise. Im zweiten Laden reicht schon der flüchtige Blick auf die erhobenen Handys, dann bereits das lässige Durchwinken. Im dritten Laden will man, da wird es originell, nur die Ausweise sehen, guckt kurz auf unsere Namen und nickt dann. Da war jemand überarbeitet, nehme ich an, es war auch schon spät am Tag. Ich habe tendenziell Verständnis für überarbeitete Menschen, ich stehe gerade auch eher neben mir als mitten im Leben. Keiner der Läden ist voll. Das ist mir angenehm, aber geschäftlich muss man doch Bedenken haben, to say the least. Es ist ein merkwürdiges Bild: Die Stadt ist voll, sogar sehr voll, mit Gedränge und Geschiebe, die Läden und die Restaurants, Kaffees etc. sind es aber nicht. Die Weihnachtsmärkte stehen noch, aber sie werden in diesem Jahr früher beendet, lese ich. Aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Söhne gehen zur Schule. Immer weiter der Druck, die Anforderungen, die Zensuren. Wir lernen Grammatik. Ich kann nicht mehr, du kannst nicht mehr, er, sie, es kann nicht mehr. Repeat after me, encore une fois. Bei dem einen Sohn geht es gerade um defining and non-defining clauses. Was da was ist und wo dabei die Kommas sind. Ich starre das Thema an, ich denke nach, ich denke angestrengt nach – ich habe nicht die leiseste Erinnerung, davon jemals etwas gehört zu haben. Sonst habe ich zumindest eine vage Ahnung von den Themen in den Schulbüchern, jedenfalls bis etwa zu 8. Klasse, bei diesem Kapitel habe ich vielleicht damals gefehlt, denke ich. Die Windpocken? Die hatte ich irgendwann in dem Alter, das kommt vielleicht hin. The chickenpox gap. Ich hatte mich damals mutwillig angesteckt, um nur bloß nicht mehr in die Schule zu müssen, da sehen Sie mal, wo solche Dummheiten hinführen – ein paar Jahrzehnte später hat man auf einmal ein Problem damit. Das also lieber nicht nachmachen, es holt einen alles wieder ein. Die Windpocken auch, das schlafende Virus, ja, ja, ich weiß.

Ich lese meine Tagebücher nach, das mache ich immer zum Jahresende, wenn der Urlaub endlich beginnt. Ich bestehe zu einem so großen Teil aus Ritualen, die katholische Kirche ist im Vergleich zu mir spontan und flippig. Ich lese die Jahre 2020 und 2021. Darin gleichen sich einige Abläufe und Meldungen dermaßen, dass es ausgedacht wirkt, manipuliert und planvoll zurechtgebogen. Eine Anmerkung zu Lockdownvermutungen in Deutschland und eskalierenden Fallzahlen in UK wiederholt sich auf den Tag genau. Ich lese die Stelle aus dem letzten Jahr, ich lese danach noch einmal die Stelle aus diesem Jahr. Ich lese beides erneut, es sieht aus wie copy & paste. Ich ahne, dass man das später nicht mehr plausibel finden wird, was dort steht, dass nicht einmal ich selbst das noch plausibel finden werde, schon in ein paar Jahren nicht mehr. Aber das gilt vielleicht auch für die oben beschriebenen Szenen in den drei Läden. Glaube ich mir das später noch? War das so? Das war so, ich weiß es heute. Die Pandemie hat Begleiterscheinungen und Umstände, Szenarien und Abläufe, die wird man später nicht gut erzählen können. Sie sind zu flach, zu absehbar, zu billig.

Ich lese im Internet einen Artikel quer, es geht um FFP2-Masken für Kinder, die sollen denen nicht gut passen, steht da, die taugen eher nichts. Die Tür geht auf, die Herzdame kommt herein: „Ich habe in der Apotheke eben FFP2-Masken für Kinder gesehen und mitgebracht.“ Was sind das für Szenen, was ist das hier, eine Vorabendserie?

Nur noch ein paar Tage bis Weihnachten, bis Neujahr, bis zur mittlerweile sicher erwarteten Omikronwand. Ich gehe abends an einem kleinen Weihnachtsmarkt im Stadtteil vorbei, die dort noch Trinkenden singen gerade in fröhlicher Runde das Lied aus den Lautsprechern mit, die Version ist von der Hermes House Band: „Que sera, sera.“ Auch das ist so, ich sehe das, ich höre das. Aber das kann man doch keinem erzählen, was ist das denn für ein Niveau.

Vor einem anderen Weihnachtsmarkt stehe ich in der Schlange am Einlass. Die üblichen Kontrollen, der Mann von der Security sagt zu jeder und jedem, nachdem er alles genau geprüft hat, mit einem Fingerzeig zum QR-Code der Location: „Bitte einchecken und viel Spaß.“ Das vielleicht schon einmal vormerken für Silvester, damit dann das neue Jahr begrüßen, es wird schon passen, wir sarkastisch auch immer: Bitte einchecken und viel Spaß.

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2 Kommentare

  1. Mag das kommende Jahr bringen und hinführen was und wohin es möchte…..
    Solange ich weiter in diesem Blog stöbern und Sätze wie „Ich bestehe zu einem so großen Teil aus Ritualen, die katholische Kirche ist im Vergleich zu mir spontan und flippig“ lesen darf, wird alles gut.

    Bereits an dieser Stelle, denn man weiß ja nicht, wo die Gedanken letztendlich verbleiben, wenn der Heilige Abend näher rückt, frohe Weihnachtstage!

  2. Dieser Satz „…die katholische Kirche…“ der schon von meiner Vorkommentatorin Julia Rauch zitiert wurde, ist es, der auch mich heute lachen ließ. Wenigstens einen solchen finde ich ja meistens bei Ihnen, lieber Herr Buddenbohm. Und darüber freue ich mich sehr!

    Für gute Wünsche ist es, glaube ich, nie zu früh.

    Frohe Weihnachten für Sie und Ihre Familie!

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