Wir werden langsamer, wir stürzen

Ich lese weiter in den Tage- und Notizbüchern der Patricia Highsmith. Das Buch muss Sie nur interessieren, wenn Sie sich entweder besonders für Tage- und Notizbücher oder aber sehr für Patricia Highsmith interessieren, sonst eher nicht. Es ist ein spezielles Vergnügen, ich lese es sehr gerne, aber ich ahne eine kleine Zielgruppe.

Ich hatte da gerade einen besonderen Lesemoment, den ich hier verzeichnen möchte, weil er etwas abgrenzt. Wir haben den etwa 21. Monat der Pandemie und jetzt erst ist es mir nämlich passiert, dass mir beim Lesen von Alltagsschilderungen – sie geht da abends immer wieder aus, sie trinkt ein paar Drinks mit Freunden, sie knutscht auf Restauranttoiletten wild herum, sie zieht von Bar zu Bar durch die Nacht, sie geht in eine Ausstellung, sie isst mittags in einem Imbiss, sie spricht dauernd mit Menschen, die sie irgendwo persönlich trifft und dabei eventuell sogar berührt, sie lernt vor allem fortwährend neue Menschen kennen und die sozialen Konstellationen ändern sich pausenlos und dynamisch –das Ganze eigentümlich fremd, unwirklich und fern vorkam. Präpandemisch eben. Der Alltag der alten Welt hat etliche Monate vorgehalten und mein Denken nach wie vor bestimmt, war weiterhin meiner Welt zugehörig, es blieb alles präsent und gewöhnlich, aber allmählich überwiegt doch endgültig das Neue, das Veränderte und Pandemische im Erleben. Es ist nicht mehr nur ein Moment, ein Monat, ein Jahr oder zwei, es ist jetzt die Gegenwart. Okay. Oder eben nicht okay, aber was soll man machen. Man hat keinen Anspruch darauf, dass die Welt immer gleichbleibt, das hatten die Generationen vor uns auch nicht.

Ich gehe früh am Montagmorgen zum Einkaufen, weil ich noch vor dem erwarteten Massenandrang nach dem Fest damit durch sein möchte. Um acht Uhr ist alles noch angenehm überschaubar. Als Frühaufsteher gehört man unweigerlich zu einer schrägen Minderheit, das hat manchmal Vorteile. Neue Ware wird überall eingeräumt, Weihnachtszeug wird gerade zur Seite geschoben und mit roten Sonderpreisschildchen versehen. Eine Angestellte beim Discounter steht vor dem Regal mit der gekühlten Festessenaktionsware und fragt einen Kollegen, ob das auch alles rausgeräumt werden solle. „Alles raus“, sagt der nickend, „alles raus.“ Und er macht eine ausholende Geste mit dem Arm, die das ganze Regal umfasst, das ganze Fest, die ganze Saison. Schluss jetzt, weg damit.

Bei den Schnittblumen in den schwarzen Eimern vorne am Eingang, es ist immer schön, wenn etwas berechenbar pünktlich ist, gibt es die ersten Tulpen, rote und gelbe Blüten, etwas mager fallen sie noch aus. Der Mann von der Security sieht grinsend in meinen übervollen Einkaufswagen und fragt: „Sie haben Kinder, was?“ Er kennt das, sagt er dann noch, er kennt das. Ich fülle hinter der Kasse den Einkaufsroller, den Rucksack und die Beutel, ich schleppe und ziehe alles in meinen Bau, in dem die Familie noch in den Betten liegt.

Ich lege mich auch noch einmal hin. Ich schlafe wie ein Stein auf dem sehr grünen Sofa und träume von alten und neuen Zeiten. Ich träume eine bittere Jahresbilanz und ich träume von großer Kälte, das liegt aber nur daran, dass die Heizung schon wieder nicht geht. Ich mache die Augen wieder auf, der Weihnachtsbaum ist noch da und leuchtet direkt vor mir. Der kann dann auch weg. Bald.

Am Nachmittag gehe ich noch einmal los, die zweite Tour, die anderen Geschäfte. Ich möchte alles im Haus haben, ich möchte alles erledigt haben. Es hat geregnet, es hat gefroren, hauchdünnes Eis liegt auf allen Wegen. Neben mir fallen die Leute, schlittern die Kinder, stehen Menschen balancierend mit ausgebreiteten Armen und kommen nicht weiter, es ist zu glatt. Man kommt nur noch pinguinartig vorwärts. „Pass auf, da ist Eis!“, sagt eine Mutter zu ihrer kleinen Tochter, und die nimmt, noch an der Hand, zwei, drei Schrittchen Anlauf und rutscht begeistert, sie reißt die Mutter dabei mit und da liegen schon beide auf den Rücken, immerhin lachend. „Alles okay?“, fragen die noch Stehenden die schon Gefallenen und für ein paar Minuten sind alle um mich herum nett und hilfreich zueinander und kümmern sich, da hat so ein Wetter auch seinen Sinn. Niemand kommt mehr in normaler Geschwindigkeit vorwärts, und ich habe doch gerade vor dem Losgehen noch im Internet gelesen, man solle zwischen den Jahren unbedingt alles mal langsamer machen und auf die Effizienz pfeifen. Das wird jetzt umgesetzt, und gleich von allen, von der ganzen Millionenstadt.

Ich gehe in Zeitlupe vorsichtig zur Änderungsschneiderei, ich hole dort etwas für die Herzdame ab. Wie immer kann die Frau des Änderungsschneiders die Sachen nicht finden. Sie fragt, was das denn gewesen sei und welche Farbe das habe, ich sage, es seien Strickjacken, eine sei grau, eine sei rosa, und sie sieht mich an, als hätte ich etwas vollkommen Verrücktes beschrieben, etwas, dass sie sicher noch nie gesehen hat. Eine rosa, eine grau? Das wüsste sie doch, und sie schüttelt den Kopf. Zwei Minuten später fragt sie es noch einmal, was war das noch, und dann kurz darauf erneut. Die Schneiderei ist winzig, es liegt auch nicht viel darin, es ist alles eher übersichtlich, aber sie findet nie etwas. Dann fragt sie ihren Mann, der sie fragt, was es gewesen sei und welche Farbe … das fragt sie aber lieber erst wieder mich. Die beiden suchen dann gemeinsam und geben sich Tipps, guck du mal hier, ich guck mal da, sie fassen alles mehrfach an und dann, ich kenne das Drehbuch schon gut, finden sie das Zeug endlich da, wo sie zuerst nachgesehen hat. So ist es immer, es gehört dazu, und ich nehme es als Übung, nicht gestresst zu sein, auf die Effizienz zu pfeifen und Geduld zu haben. Die beiden sind so freundlich und bemüht. Der alte Schneider gibt mir die Sachen und verbeugt sich, wer verbeugt sich heute schon noch. „Ich wünsche ihnen ein schönes Neues Jahr, mein Herr“, sagt er bei der Verbeugung, und ich höre es in diesem Dezember zum ersten Mal und gleich formvollendet, wie angenehm ist das denn.

Im Drogeriemarkt wünscht die Kassiererin der Kundin vor mir einen schönen Nachmittag, und die bedankt sich und antwortet fröhlich und etwas zu laut, dass doch ein schöner Abend noch viel wichtiger sei, nicht wahr, und den wünscht sie dann auch, mehrfach. Dann kommen die beiden darauf, dass die Tage ja wieder länger werden und dass doch gerade erst die Sonnenwende war, wann war denn das genau. Sie überlegen gemeinsam, wie viele Minuten wir jetzt schon gewonnen haben, ob man das schon merkt, darüber denken sie auch nach, sie reden immer weiter und das Einpacken wird dabei leider vollkommen vergessen, es geht hier nicht weiter. Ich habe Geduld, so denke ich zumindest, meine Güte, was habe ich heute Geduld. Alles mal langsamer machen, ja, ja. Schon schön. Ich schubse versonnen meine Packung Entspannungstee auf dem Kassenband herum. Vor dem Geschäft fliegen Leute auf den Gehweg, ich sehe es durch die offene Tür. Der Verkäufer der Obdachlosenzeitung warnt vor den schlimmsten Stellen. Noch etwas mehr Regen auf den eisigen Boden und die ganze Stadt ist eine schlimme Stelle.

Nein, es ist wahrhaftig kein Tag für Geschwindigkeit. Ich mache mal langsam, so soll es sein, zwischen den Jahren, auch das ist ein Ritual. Siehe auch hier, sich einfach hängen lassen. So geht das.

Ich gehe nach Hause, ich lese Adalbert Stifter, die Bunten Steine. Stifter ist so etwas von langsam, Stifter besteht hauptsächlich aus Naturbeschreibungen und Stifter ist auch nicht aus dieser Zeit, denke ich. Das ist gut, das lenkt vielleicht ab, es gibt so vieles, von dem man sich jetzt ablenken sollte. Ich lese den Abschnitt Granit, da heißt es:

Es war einmal in einem Frühlinge, da die Bäume kaum ausgeschlagen hatten, da die Blütenblätter kaum abgefallen waren, daß eine schwere Krankheit über diese Gegend kam und in allen Ortschaften, die du gesehen hast, und auch in jenen, die du wegen vorstehender Berge nicht hast sehen können, ja sogar in den Wäldern, die du mir gezeigt hast, ausgebrochen ist. Sie ist lange vorher in entfernten Ländern gewesen und hat dort unglaublich viele Menschen dahingerafft. Plötzlich ist sie zu uns hereingekommen. Man weiß nicht, wie sie gekommen ist: haben sie die Menschen gebracht, ist sie in der milden Frühlingsluft gekommen, oder haben sie Winde und Regenwolken dahergetragen: genug, sie ist gekommen und hat sich über alle Orte ausgebreitet, die um uns herum liegen. Über die weißen Blütenblätter, die noch auf dem Wege lagen, trug man die Toten dahin, und in dem Kämmerlein, in das die Frühlingsblätter hineinschauten, lag ein Kranker, und es pflegte ihn einer, der selbst schon krankte.

Ich lege das Buch entnervt wieder weg. Bücher helfen auch nicht immer. Ich mache die Augen zu, ganz langsam mache ich sie zu.

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2 Kommentare

  1. „Die bunten Steine“ kenne ich noch nicht. Danke für den Tipp.
    Ansonsten habe ich einerseits den Eindruck, die Zeit (oder die Pandemie?) geht nicht vorbei, andererseits verschwindet mein Leben tageweise recht schnell.

  2. Je schlimmer die Zeiten, desto großartiger die Texte von Herrn Buddenbohm.

    Herzlichen Dank für diesen Trost!

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