Es sind die kleinen Dinge, es sind die kleinen Nudeln

Das Spiegel-Cover zur Impfpflicht haben in meinen Timelines viele als Tiefpunkt empfunden, als ungeheuerliche Entgleisung, als grobe Fehlleistung. Ich sehe das ähnlich, aber mir fiel dabei noch etwas anders auf. Ich folge auf Twitter vielen Journalistinnen, ich habe für sie eine Liste angelegt (Irgendwasmitmedien, findet man in meinem Profil) und es gibt da einen Aspekt, über den ich noch einmal länger nachdenken könnte: Diese Liste informiert mich für meinen Geschmack durch die dort geteilten Links und Statements besser (und wesentlich schneller) als die Medien, für die diese Journalistinnen schreiben. Das ist das eine, aber es gibt noch eine Steigerung: Meine natürlich handverlesene Liste von Leuten aus etlichen Medien wirkt auf mich auch fast durchgehend zurechnungsfähig, verlässlich, ehrlich bemüht, sachorientiert und/oder auf eine Weise politisch bemüht, die ich transparent und oft vollkommen nachvollziehbar finde. Für die Medien, für die sie schreiben und die sie in ihrer Gesamtheit also redaktionell darstellen, gilt das nicht unbedingt.

Und ich würde etwa am Beispiel der Pandemie und im Rückblick sagen, dass es für mich nennenswert sinnvoller war, einer Reihe mir kundig vorkommender Expertinnen zum Thema zu folgen, als einer Nachrichtenseite. Ich meine das nicht als Bashing, daran habe ich kein Interesse, ich schreibe immerhin selbst für Medien und sehe die nicht als „die anderen“, ich finde diese Verschiebung einfach nur bemerkenswert und nicht zwingend erfreulich. Es gibt Medienmarken, die würde ich sehr gerne weiter mögen. Das ist aber nicht immer die leichteste Übung. In den letzten zwei Jahren war es tendenziell sogar recht anstrengend, to say the least.

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Zwischendurch, ohne jeden Zusammenhang zum vorigen Absatz und vermutlich zum wiederholten Mal, eine Newsletterempfehlung: Teresa Bücker. Zumindest was meinen Posteingang betrifft, ist es mit Abstand der interessanteste Wochentext, der per Mail kommt. Mutiges Denken, möchte ich meinen. Siehe auch Patricia dazu.

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Mittlerweile gibt es drei Familien im engeren Umfeld mit Corona-Fällen. Ich halte das eben für die Chronik fest, so sieht es hier jetzt also aus. Statistisch gesehen habe ich es vermutlich schon und weiß es nur noch nicht. Bei jedem Husten „Na, jetzt?“ denken. Oder die Herzdame in diesem Sinne fragen, die Söhne, die morgen routinemäßig wieder zur Schule gehen, bis sie das wöchentlich größer werdende Infektionsangebot dort doch noch annehmen. Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden, es klingt vielleicht durch.

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Beim Brötchenholen am Sonntagmorgen singt ein Vogel erstens überhaupt und zweitens auch schon mit diesem gewissen Schmelz … Ich bleibe kurz stehen, ich höre kurz zu, ich lächele womöglich entgegen der Gewohnheit. Beim Bäcker gibt es 20% auf alle Weihnachtsartikel, auf Lebkuchenmänner im Rentenalter und schon etwas blass gewordene Kekse in Tannenbaumform mit buntem Zuckerguss. Ich finde, das reicht nicht als Rabatt, wenn doch die Vögel am Morgen schon so singen, mit diesem Schmelz. Ich finde, Weihnachten muss sofort weg, alles muss raus, und zwar dringend. 50% Nachlass müssten dort stehen, 75%, ach was, umsonst wäre noch zu viel. Wer will das jetzt noch essen, macht Platz auf der Verkaufstheke, backet dem Herrn neue Kekse. Ich bin grauenvoll unduldsam, wenn etwas durch ist. Jahreszeiten, Feste, Phasen – was weg kann, das musss weg.

Am Nachmittag merken die Herzdame und ich, dass es spürbar später dunkel wird, dieser jährliche Moment, in dem man auf die Uhr sieht und gemeinsam nickend „Ach guck!“ sagt. An einer der struppigen Hortensien in einem Straßenbegleitbeet prangt eine fette Knospe in derart leuchtendem Grün, in so unerwartet draller Üppigkeit, man sieht direkt einmal dahin, wo man sonst nie hinsieht, wenn man nicht gerade einen Hund dort kacken lässt.

Im Garten, das wissen wir, auch ohne erst nachzusehen, ist die Kornelkirsche wieder uneinholbar weit vorne.

In der Wohnung aber blühen seit gestern die Narzissen im Topf am Fenster, frisches Gelb. Die Hälfte des Januars ist geschafft.

 

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Ich lese weiter in den Tagebüchern der Patricia Highsmith. Am 3.6.1948:

„Telefonate – vor allem Ferngespräche – sind mir zuwider, auch wenn ich sie nicht selbst bezahlen muss. Distanz ist so aufregend, so geheimnisvoll und ja am Ende doch durch die Größe der Erde und die Grenzen der Luftfahrt beschränkt. Ich will nicht, dass eine menschliche Stimme sie einfach überwindet.“

Videocalls wären eher nicht so ihr Ding gewesen, könnte man meinen.

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Ich höre das Buch „Erzählende Affen“, von Samira El Ouassil und Friedemann Karig. Es geht um das Erzählen, also interessiert es mich, und weil es mich interessiert, höre ich nicht zu. Denn ich stolpere dauernd über Sätze, über die ich weiter nachdenken könnte oder müsste, und zack, habe ich schon den nächsten nicht gehört. Ich nehme an, ich höre nur ein Drittel vom Buch, den Rest denke ich durcheinander und nebenbei, um das Wort quer zu vermeiden. Mir fiel früher schon einmal auf, dass ich bei Sachbüchern schlechter zuhöre als bei erzählenden Texten, denn bei Sachbüchern will ich dauernd mitdenken, bei Erzählungen bin ich zumindest etwas passiver und dulde im Kopf, dass sich da irgendwas abspult, für das ich gerade nicht zuständig bin. Mit anderen Worten, ich kann dem Buch über Erzählungen kaum folgen, weil es keine Erzählung ist, wie meta ist das denn. Das Buch ist dennoch interessant, es ist an vielen Stellen auch mein Thema, ich denke, ich werde es auch noch in der gedruckten Version auftreiben und die Verständnislücken dann Stück für Stück auffüllen.

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Ich koche Stifado mit Kritharaki, nach diesem Rezept. Das ist gut. Seltsam und neu, diese Lust auf Rezepte mit einer gewissen zeitlichen Erstreckung und etwas höherem Komplikationsgrad. Zwei Stunden Schmoren, das ist super, da möchte ich bitte die ganze Zeit (jetzt mit Schürze um!) zusehen, wie die Blasen im Bräter aufsteigen, das ist schön. Ab und zu rühren, nebenbei ein Hörbuch laufen lassen, das ist ein guter Nachmittag. Auch eine Pandemiefolge, nehme ich an, das hatte ich sonst nicht.

Der Herzdame schmeckt es. Die Söhne finden Stifado nicht so gut, halten aber die Kritharaki, welche sie noch nicht kannten, für viel besser als alle anderen Nudeln. Die wollen sie jetzt öfter. Auch ein Erfolg, denke ich, auch ein Erfolg. Es sind die kleinen Dinge, es sind die kleinen Nudeln. Morgen mache ich eine Suppe mit diesen Nudeln. Hoffentlich dauert sie lange.

Gerade sehe ich noch, ein Teil der Überschrift dieses Textes kommt auch hier als Schlusssatz vor, das ist doch schön. Und wie heiß es da noch: „Ansonsten passiert nicht viel hier auf dem Lande. Wir warten darauf, dass die Pandemie vorbei ist.“ Nicht nur auf dem Land, möchte man da ergänzen, nicht nur auf dem Land.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

4 Kommentare

  1. Meine Twittertimeline ist glücklicherweise sehr bunt und auch international, ich lese daher meist zuerst die (englischen) FAchartikel und einige Zeit später, manchmal noch am selben Tag, manchmal 3 Wochen später, das entsprechende Thema in den gewohnten deutschen Medien, und dann schwinge ich den inneren Rotstift über alles, was diese Journalisten falsch verstanden oder zu grob vereinfacht haben. (Gestern zB die SZ: „Pazifische Seenplatte“, ja sind wir denn hier in Meckpomm?)

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