Ein Link am Nachmittag

Gesehen: Meine Mutter, der Krieg und ich. „Und so hab ich mir auch eingebildet gehabt, dass meine Tamara wird Schönheit.“ Das habe ich sehr gemocht, sowohl den Tonfall als auch die Kameraführung und den Schnitt, schön ruhig war das alles. Also, das habe ich ausgesprochen gerne gesehen. Aber es ist andererseits auch ungeheuer vorhersehbar, was, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, gar kein Nachteil sein muss, wirklich nicht. Es ist so vorhersehbar, dass es sich bei einigen Szenen fast wie ein Déjà-Vu anfühlt, etwa wenn sie den alten Herrn besuchen und er so durch sein Wohnzimmer tapert, unbeholfenen Schrittes, wie er erst allmählich vor den Gästen auftaut, dann doch einmal zaghaft lächelt – oder wie sie da mit dem Kamerateam vor den Häusern stehen und nicht recht wissen, kommen sie da rein, kommen sie da nicht rein, ist es das Haus links, ist es vielleicht doch das Haus rechts, wie sie dann in der Szene darauf nach einem Schnitt schon bei Tee oder Kaffee sitzen, wie der alte, der uralte Mensch unsicher in vergilbten Fotos wühlt, zitternde Finger, Schwarzweißdamalsfiguren, Fragezeichen an den Erinnerungen … wie gesagt, ich mag das und ich kenne das gut auch aus manchen anderen Filmen, etwa über Besuche in Ostpreußen oder Siebenbürgen, über ähnliche Versuchsanordnungen im Baltikum, und es gab auch einmal so etwas mit Sibirien, es gab vieles in dieser Art. Ich sehe gar nicht oft Dokus, aber offensichtlich zieht mich das Thema an, das kann ich wohl ableiten, dieser seltsame Schmerz, dass etwas war und nicht mehr ist.

Wäre ich Filmemacher, ich würde es einmal umdrehen. Ich würde die suchende Hauptfigur in die Fremde fahren lassen, in die völlige Fremde, in eine Gegend, in der sie gewiss noch nie war, in der auch ihre sämtlichen Vorfahren sicher nicht waren, also so sicher, wie man eben nur sein kann, zu der sie also nicht den allergeringsten Bezug hat – aber alles würde so ablaufen wie bei den Herkunftsbesuchsfilmen. Das Bedeutungsschwere auf das Fremde verlagern, nicht auf das Erinnerbare. Vage Landschaftsbilder, und aus dem Begleittext geht dann immer wieder hervor, dass es keine Verbindung gibt, nicht die Geringste. Ein Gang über den Friedhof bei der Kirche, Grabsteine werden freigekratzt vom Moos der Jahrhunderte, Namen werden murmelnd vorgelesen, und keinen hat die Hauptfigur je im Leben gehört, keinen einzigen, wie fremd die alle klingen, wie seltsam. Dann natürlich die obligatorische Hausszene, sie stehen vor dieser etwas arm wirkenden Hütte, sie klopfen, sie erhalten nach etwas Hin und Her Einlass von einem Menschen, und so alt, so uralt ist der, da sieht man schon, noch einmal besuchen sie den sicher nicht, den gibt es bald nicht mehr. Schnitt.

Sie sitzen an dem obligatorischen Küchentisch mit der Wachstuchtischdecke, benutztes Geschirr ist in der Spüle aufgestapelt, die Unordnung im Rest der Wohnung ahnt man, der Schmuddel der Greisenwohnung, die Ablagerungen der vielen Jahre. Familienbilder werden aus einem großen Schrank geholt, langsam werden sie ausgebreitet und die Muhme sagt lächelnd: „Da bist du nirgendwo drauf.“ Die Hauptfigur erwidert nachdenklich, in dem sie auf ein Gruppenbild zeigt: „Nein. Und ich bin mit keinem von denen verwandt. Auch nicht mit dem, trotz der Ähnlichkeit.“

Sie nimmt ein anderes Bild in die Hand, sieht es genauer an und sagt dann, während sie das Foto zurücklegt: „Und mit denen auch nicht.“ Kopfschütteln bei beiden. Das nachdenkliche Nicken der Hauptfigur dabei, er oder sie sieht die Gesichter auf den vergilbten Fotos an, die ihm alle nichts sagen, gar nichts, das aber deutlich und mit einigem Nachdruck, alles ist fremd, so dermaßen fremd. Schnitt.

Es wird jemand kennengelernt, der Pastor des Ortes vielleicht, natürlich wie zufällig, im Vorbeigehen, an einem Gartenzaun etwa, er schneidet gerade Rosen oder erntet Radieschen, er grüßt freundlich. Er ist Hobbyhistoriker, natürlich ist er das, er weiß auch, wo im Kirchenbüro die alten Chroniken liegen, kaum noch sind sie zu entziffern. Er erzählt dem Filmteam also – Küchentisch, Kaffee oder Tee – von dem Ort und von den Geschichten, er erzählt von all den Familien, die zu den Geschichten und Familien der Hauptfigur keinen Bezug haben, die weit, weit weg von ihm sind und dazwischen immer wieder die Landschaft, die Wege. Als leerer Möglichkeitsraum wird das alles filmisch nur angedeutet, Ortsschilder und Feldwege im Ungefähren. Alles könnte da sein, das ahnt man, denn es gibt keine erinnerbare Bedeutung, es gibt nur Möglichkeiten, und zöge die Hauptfigur dort morgen hin, sie könnte vollkommen neu anfangen. Mit allem. Das wird nicht gesagt, aber man weiß es doch. Eine Erwähnung wie nebenbei vor einem Haus, es ist nur eine Sekundenszene, leicht bekommt man sie nicht mit. Das Haus da kann man mieten, das ist gar nicht teuer, ein Schild im Fenster, eine Bemerkung, „So wenig, wirklich?“, dann ist der Moment schon vorbei und die Hauptfigur, versteht sich, sieht einmal über die Schulter zurück zu dem Haus, das nachdenkliche Gesicht.

Die Hauptfigur geht dann noch weiter und etwas ziellos wirkend durch die Gegend und denkt im laut geführten Selbstgespräch über das Fremdsein nach, gute Gedanken hat sie, man möchte sie fast mitschreiben, so gut sind sie, sie scheinen uns alle zu betreffen und auf eine subtile Art wichtig auch für unser Leben zu sein. Der Pastor begleitet die sprechende Figur auf einmal, zuerst nur ab und zu, dann dauerhaft. Man versteht sich gut, man redet viel, man kommt sich näher, der Pastor ist aber auch ein Sympath der besonderen Art, das wird immer deutlicher, und das merken wir auch als Zuschauer.

Bei der Abreise wird schließlich und erwartbar deutlich, dass es zum Pastor nun eine fast freundschaftliche Beziehung gibt, das fiel in den letzten zwanzig Minuten so nach und nach erst auf, und dass also das Fremdsein an diesem Ort damit für immer verloren ist, dass es unrettbar von diesem Dorf und seinen Menschen losgelöst wurde, dass kein Zurück dorthin mehr möglich ist.

Bedauernde Blicke im Rückspiegel, als das Filmteam abreist: „Da kenne ich jetzt jemanden.“ Schlussgedanken über die ernüchternde Unmöglichkeit des Fremdseins in dieser Welt, übe diesen seltsamen Schmerz, dass wieder etwas vertraut geworden ist. Abspann.

So ein Film würde mir auch gefallen, glaube ich.

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2 Kommentare

  1. So ein Film würde mir gefallen. Das Fremdsein, das von uns abfällt, sobald wir jemanden kennen.
    Fremdheit. Freundschaft. Der kleine Schritt vom einen zum anderen.

    Ein Text, der mich trifft. Und den ich sehr gern gelesen habe.

  2. Eine interessante Perspektive, der Text berührt mich. Ja, das wäre ein schöner Film, den würde ich auch gern sehen. Wie schnell man in der Fremde etwas/jemanden kennt, so dass sie nicht mehr fremd ist… und das Bedauern darüber, das ist das für mich neue. Da mal drüber nachdenken.

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