Der Mensch ist ein geselliges Wesen mit Rädern dran

Sonntag, Saisoneröffnung. Ich war das erste Mal im Garten und bin von da aus zu Fuß nach Hause gegangen. Etwa eine Stunde Weg ist das, eher noch etwas mehr. Im Garten die Schneeglöckchen und jetzt auch die Krokusse, einige wenige Blüten sind schon offen und leuchten in intensivem Lila. Die Fäden in den Blüten ein kräftiges Orange. In anderen Gärten sind es schon mehr Blümchen, da wimmelt es seit Tagen von Farbtupfern auf dem Rasen. Spaziergänger bleiben stehen und zeigen darauf, machen Fotos. Es gibt bei uns im Garten einen Mangel an geschützten sonnigen Stellen, wir haben einen Windgarten, eine Sturmeinfallschneise, da fehlen immer ein, zwei Grad. Das macht tatsächlich etwas aus und ist nur bei Hitzewellen nett, dann allerdings sehr. Dennoch sehen wir auch bei uns überall das frühe Austreiben, die grünen Spitzen in jedem Beet, wie energisch das alles emporbricht, durch das welke Laub, durch die toten Staudenstängel, das wird alles beiseitegeschoben von der nächsten Saison, demnächst in diesem Theater.

An der Kornelkirsche die Knospen, sie sind so kurz davor, so dermaßen kurz davor sind sie, man möchte daneben stehenbleiben und zusehen, es muss doch gleich so weit sein, denkt man, in der nächsten Stunde vielleicht schon, wenn nicht sogar jetzt. Am Flieder sind auch schon die prallen, dicken Knospen und guck mal, an der Blutjohannisbeere auch und an diesem Busch da, was für einer war das denn noch und wann haben wir den gepflanzt. Am Ende wird, wir kennen das schon, das Stachelbeerenquartett, dem man heute noch gar nichts ansieht, wieder über Nacht alle überholen, als sei das die leichteste Übung. So geht es manchmal zu mit den Unscheinbaren, den Kleinen, den Introvertierten, den Stacheligen. Ich mag Stachelbeeren sehr, ein unterschätztes Obst.

Ich stehe vor den Knospen und freue mich, obwohl sie vermutlich zu früh sind, der Klimawandel, die Klimakatastrophe, alles verschiebt sich, das ist nicht gut, das weiß man. Der phänologische Kalender ist längst verrutscht, und wie der verrutscht ist, um vier Wochen mittlerweile im Schnitt oder so, ich müsste es noch einmal nachlesen. Der Herbst wird länger, der Winter wird kürzer, der Frühling kommt früher, der Früherling, wir müssen ihn umtaufen. Noch aber sind wir im Vorfrühling (Schneeglöckchen), dann kommt der Erstfrühling (Forsythie), dann der Vollfrühling (Flieder und Apfel). Februar jedenfalls, die Älteren erinnern sich – eigentlich ist das kein Frühlingsmonat.

In Hamburg gab es in diesem Winter bisher keinen einzigen Wintertag, der den Namen verdient gehabt hätte. Es gab nur ein durchgehendes Grau von November bis jetzt, das erklärt auch bei manchen die Stimmung. Nein, kein einziger schöner Wintertag war dabei, kein Raureifzauber, keine Schneepracht, keine Ruhe der Eislandschaft, null, nada. In den letzten Wochen fiel dafür so viel Regen, dass einige Parzellen in der Kolonie komplett abgesoffen sind und das Holz der Zäune, Lauben und Hochbeete wegrottet und verpilzt, wo man nur hinsieht. Das ist dann jetzt der Winter in der norddeutschen Großstadt, eine geschlossen graue Wolkendecke von Herbst bis April und jeden Tag eine Sturmflutwarnung, eine Orkanwarnung oder eine Starkregenwarnung, man sieht schon nicht mehr hin. Am Donnerstag der nächste Sturm, der ist schon eingebucht. Es kommt auch nicht mehr darauf an, was nicht fest ist, das wurde längst fortgeweht.

Im Umland sah es zwischendurch etwas besser aus, ich bekam es gelegentlich auf Instagram mit, manchmal so weiße Bilder, Winterpostkarten, ganz hübsch und immerhin. Das war gar nicht weit von hier, 15 Minuten mit dem Auto. Aber bis in die Stadt reichte es nie.

Egal. Heute die Sonne, heute raus, eine Stimmung wie beim Osterspaziergang, auch mal wieder Goethe lesen, nein, deklamieren. Die Menschen treten aus den Häusern und eilen in die Parks und auf die Grünflächen, man zeigt auf Krokusse, man macht nach alter Regel alberne Krokuspluralwitze, hält sein Gesicht in die Sonne, sagt „Ah!“ und bastelt am Vitamin D. Die nächste Tablette vielleicht doch mal weglassen.

Ich gehe durch einen langgezogenen Park, überall tummeln sich Familien mit Kindern. Und die Kinder haben, es wirkt fast schon herbeiinszeniert, alle irgendwas mit Rollen dran dabei, die fahren Inliner, Skateboard, Roller, Dreirad, Hoverboard und wer weiß was noch alles, wie heißen denn diese Dinger überhaupt, die nur ein Rad haben? Ich weiß es gar nicht, ich bin vermutlich zu alt dafür. Große Kinder, kleine Kinder, alle fahren irgendwas, sogar ganz kleine Kinder, die noch bunte Schneeanzüge tragen, da stürzen sie weich. Eltern dabei, drum herum und hinterher, die fahren in vielen Fällen auch was, diese Eltern, denn der Mensch ist ein geselliges Wesen mit Rädern dran, zumindest sieht es hier eindeutig so aus. Hingefallene Kinder, tröstende Eltern, hingefallene Eltern, lachende Kinder, es ist alles dabei und ich gehe altmodisch und stockkonservativ dadurch, einfach so, zu Fuß. „Wer ein richtiger Konservativer ist, der ist es auch in kleinen Dingen.“ (Fontane, aus Irrungen, Wirrungen.)

Zwei kleine Mädchen rollen mir auf rosafarbenen Rollern mit Glitzer in den Weg. „Lasst mich durch“, sage ich, „Ich bin Brauchtumsblogger, ich muss das alles aufschreiben.“ Da gucken sie aber.

Ich komme zu Hause an und denke überrascht, das hat gar nicht gereicht. Ich gehe noch weiter und weiter, ich gehe durch die halbe Stadt und ich müsste lange nachdenken, wann das zuletzt passiert ist, dass ich einmal ein Gefühl von Energie hatte, es fühlt sich ausgesprochen seltsam an.

Der Frühling ist zu früh, aber immer ist er recht, da kann man nichts machen. Wir sind nun einmal so.

***

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1 Kommentar

  1. Der Krokus und sein Plural, das brachte mich auf Ideen. Denn einfach nur Krokusse,
    ja, ja, die kennt ja jeder.
    Viel lieber mag ich Kroküsse.

    Gut gefallen mir auch Krokeen, so wie Kakteen.

    Süß und knusprig finde ich Krokanten, ein bißchen zu altphilologisch allerdings kommen mir die Krokoi oder Kroqui daher.

    Aber mit drei Michelin-Sternen garniert lasse ich mir ein „Parfait aux crocuses“ auf der Zunge zergehen, nach dem Rezept von Bocuse.
    Und geradezu beschwingt werde ich, höre ich Krokellen. Da wippt doch sofort das Tanzfüßchen.
    Na, und die Kroquetten erst, da denke ich doch gleich ans Maxim (ilian),
    in Paris, wo Krokeusen dereinst Krokarien trällerten.
    Ach ja Paris.
    Fernweh meldet sich auch, denke ich an die hohen Krokesen und weiten Kroküsten.
    Aber genug jetzt, das soll genügen mit Krokagen und Blamagen.
    Lieber Herr Buddenbroock (äh) Buddenbohm schreiben Sie weiter. Ihre Texte
    bereiten mir großes Plaisir.

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