Vom Sturmtief zum März

Die letzten Tage wurden präsentiert von der schlechtesten Laune, die überhaupt nur denkbar war, als würde die Stimmung mit den vorbeijagenden Tiefs korrelieren, was für Norddeutsche auf Dauer nicht die beste Idee ist. Aber es kam hin, die Böen der Aversion gegen die eigene Lage und Person, die Sturmfluten der schwarzen Stimmung. Und was man dann in solchen Lagen so macht, man denkt nach und denkt nach und denkt nach. Ach Gott, was hat er denn, mit sich ruhig auch einmal in der dritten Person reden, das kann helfen, so glauben manche ernsthaft, ja, das gilt sogar als probate Methode. Ich glaube das allerdings nicht, ich bin nämlich nicht nett genug zu mir, ich bin mehr so innerer Drill-Sergeant, stand up and fight, you loser, wer würde sich denn bei so einem Typen auf die Couch legen? Also ich nicht.

Schließlich kam ich aber doch darauf, und zwar in der der ersten Person, was wohl gerade mein größtes Problem ist. Es gibt manchmal bemerkenswerte Blödigkeiten und geradezu lächerliche Schaltverzögerungen, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten geht, also bei mir jedenfalls, und nun weiß ich es also recht gut, wie ich glaube, worum es geht, und siehe da, das Problem ist auf den ersten Blick gar nicht mal so lösbar, na super, das hat sich ja wieder gelohnt, das Nachdenken. Eine echte Challenge, wie man heute sagt, wobei ich bei dem Wort leider seit Jahren schon einen starken Brechreiz verspüre.

Aber egal, ich habe also etwas zu tun, das ist besser als nur zu grübeln, heißt es. Und es stimmt vielleicht auch.

Was noch, wo war ich überhaupt stehengeblieben und worum geht es hier eigentlich, was soll ich texten? Ach, das war ja egal, ich kann hier schreiben, was ich will, richtig. Angenehm ist das, jeder sollte so eine Seite haben, das tut manchmal gut.

Es gab da neue Corona-Beschlüsse – pardon, ich gehe thematisch noch etwas nach, ich weiß, Sie sind schon weiter. Ich habe etwas bemerkt, an mir selbst bemerkt, das einige vielleicht von sich kennen werden, ich werde versuchen, es zu erklären. Ich interessiere mich nicht für Sport, also für keine einzige Sportart auch nur ansatzweise, und ich halte es im Grunde für eine fürchterliche Zumutung, wie oft im Radio und in allen anderen Medien etwas zum Thema Sport vorgetragen wird. In meinem Erleben und Denken ist Sport ein drolliges Nischenthema und ich weiß wirklich nicht, warum ich damit lebenslang so überreich und an dermaßen vielen Stellen behelligt werde. Kultur im weitesten Sinne etwa kommt nicht annähernd so häufig vor, die Finalisten des Halberstädter Hymnenpreises für Langlyrik werden nicht mit großer Selbstverständlichkeit interviewt und nuscheln dann in unverständlichem Dialekt etwas von „Wichtig ist auf dem Blatt“, obwohl ich das tatsächlich interessant finden würde. Aber ich schweife ab.

Ich wollte sagen: Ich höre also dauernd Sport im Radio, aber ich höre es doch nicht, also nicht verstehend. Ich höre Sport etwa so wie Radio Moskau. Ich weiß, da spricht ein Mensch, aber es hat irgendwie keinen Inhalt, keine verständliche Botschaft Da wird etwa die Bundesligatabelle ritualisiert runtergebetet, ich höre jedes Wort, aber es ergibt keinen Zusammenhang und nichts davon bleibt hängen, nichts davon könnte ich hinterher wiedergeben, keinen einzigen Sachverhalt, außer eben grob: Sport. Und so ergeht es mir mittlerweile auch mit den Corona-Beschlüssen, -Regeln, -Maßnahmen, das wollte ich nur eben sagen. Ich höre das, aber es hat keinen Inhalt mehr. Es klingt für mich nur noch wie „Hinrunde Zweitimpfung Relegation Ungeimpfte nach Ecke Kontaktpersonen auswärts Quarantäne Trainingslager.“ Mit beliebigen Verben dazwischen. Kauderwelsch, egal. Hören und Vergessen.

Das gilt auch für das Lesen von Artikeln zum Thema. Ich habe -stets bemüht! – die Beschlüsse selbstverständlich alle brav nachgelesen, aber ich verstehe das alles nicht mehr, mein Hirn macht nicht mehr mit, ich steige mitten in den Absätzen aus.

Ich bin Brauchtumsblogger, denke ich auch bei dieser Gelegenheit, ich muss also gar nichts verstehen. Ich werde einfach rausgehen, hinsehen und das dann aufschreiben. Wenn die Leute da draußen etwas anders machen, wenn sich etwas verändert, dann bekomme ich es hoffentlich mit, dann notiere ich das. Noch aber – ist nichts. Alles ist wie immer, es gibt nur immer mehr und immer buntere Tulpen in den Blumengeschäften, und dieser eine Satz ist jetzt jeden Tag öfter zu hören, dieser eine Satz, dass im März entweder alles aufhört, zumindest aber vieles aufhört, alles wieder einfacher wird, immerhin aber vieles einfacher werden wird, dass man im März mal sehen muss, dass es im März irgendwie besser werden wird, dass es im März lockerer wird, im März, im März, im März, die Menschen um mich herum sprechen das wie im Kanon, wir werden alle verrückt wie die Märzhasen, in zehn Tagen ist es soweit, und dann aber.

Ich werde berichten, versteht sich. Und die alte Bauernregel „Märzenblüte hat keine Güte“, die haben wir selbstverständlich nie gehört. Wir kennen gar keine Bauernregeln.

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5 Kommentare

  1. Hinreißend, diese Beschreibung des Desinteresses für Sport! Hätte zwar – mangels Begabung oder was auch immer – leider nicht von mir sein können, trifft meine diesbezügliche Befindlichkeit zu 100 %.

  2. Es gibt etwas Lästiges im Leben, etwas, wogegen kein Kraut gewachsen ist: Man kann nicht mit Denken aufhören.

    Delphine de Vigan »No & ich«

  3. „In meinem Erleben und Denken ist Sport ein drolliges Nischenthema und ich weiß wirklich nicht, warum ich damit lebenslang so überreich und an dermaßen vielen Stellen behelligt werde.“

    Dem ist nichts hinzuzufügen …

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