Ich hole Brötchen, es gibt nichts zu sehen

Sonnabend. Ich ging am Morgen Brötchen holen, durch den quertreibenden Regen, durch letzte und versprengte Sturmböen, die noch an den Straßenecken herumlungerten und frühe Joggerinnen sowie brötchenholende Väter wie mich nach Rabaukenart von der Seite anrempelten. Besonders bedrohlich wirkte das Wehen nicht mehr, kein Vergleich war es zu dem, was in der Nacht davor auf mein Fenster eingeprügelt hatte, ein amoklaufendes Wetter war das gewesen. Vielleicht hat es auch den Windstärkenrekord der letzten Jahre gebrochen, das kann gut sein, es klang zumindest überzeugend so, und hätte das Dach über meinem Bett abgehoben, ich wäre unter freiem Himmel, aber wenig überrascht gewesen. Durch den Regen ging ich also, eiskalt war der, scharf war der, winterlich mutete alles auf einmal wieder an, dabei war das Thema für mich doch bereits abgehakt. Gegenstände aller Art lagen überall herum, wo sie nicht hingehörten, der Sturm hatte mit Restaurantstühlen aus der Außengastro gespielt, mit Werbeplakaten randaliert, mit Dachpappenstreifen geworfen, mit Blumentöpfen jongliert, er hatte auch einen hohen Zaun am Weg eingedrückt und im Park einen Baum gefällt, einen der größeren Art sogar und überall, versteht sich, die abgefetzten Äste und Zweige, der verwirbelte und verknäuelte Plastikmüll auch, auf allen Wegen im kleinen Bahnhofsviertel lag Zeug in großen Mengen herum. Hier müsste man aber mal durchfegen, hätte meine Großmutter gesagt und den Kopf geschüttelt.

Exkurs. Ich bin übrigens Sturmspießer, ich bleibe gerne drinnen, wenn es Orkan gibt. Das können Sie uncool finden, das hätte ich früher sicher auch verlacht, das kommt aber so: Als ich noch auf dem Lande lebte und eines Morgens im Orkan zum Bahnhof ging, das war noch weit vor den Möglichkeiten des Home-Offices, man sagte noch nicht einmal Office in jenen Jahren, man sprach noch schlicht und oldschool vom Büro, vom Institut sogar in meinem Fall, da fiel im Sturm etwa vier, fünf Schritte hinter mir eine längst ausgewachsene und also beträchtlich große Buche um. Und die fiel nicht langsam, wie ich es mir vermutlich vorgestellt hätte, wie ich es vielleicht auch von Holzfällerszenen aus Filmen kannte, nein, die fiel wie ein Brett oder wie ein Pfosten, zack, da lag sie, keine Sekunde dauerte das und die äußeren Zweige streiften noch meine Kapuze von hinten. Ich drehte mich um und diese Erkenntnis, dass ich mit großer Sicherheit tot gewesen wäre, hätte ich für den Weg an anderer Stelle nur vier, fünf Schritte mehr gebraucht, nur ein paar Sekunden Bedenkzeit irgendwo – die brauchte lange, um wirklich bei mir anzukommen, ein faszinierender Prozess war das. Vanessa schrieb auf Twitter, dass sie bei Sturm einmal fast von einem fliegenden Blech erschlagen worden wäre und ja, so etwas prägt ungemein. Der Mensch lernt durch Ansicht, und sonst nicht unbedingt. Exkursende.

Ich kaufte die Brötchen für die wartende Familie, ich ging aus dem Laden und da war auf einmal die Sonne rausgekommen, gleißendes, blendendes Licht in der Straße, eine schier unfassbare Helligkeit war um mich herum, die Meisen jubilierten laut und ekstatisch wie in einem Soundtrack an der Stelle, wo im Film das große Glück beginnt, und am Ende der Straße, zwischen zwei Bäumen, in goldenem Licht, das wie über ihr ausgegossen wirkte, stand eine Nonne und betete.

Da war ich dann froh, dass sie wenigstens fest auf dem Boden stand und nicht etwa einen Meter darüber schwebte, denn das wäre doch eine amtliche Erscheinung gewesen, was erstens schon lästig genug gewesen wäre, wenn man sich gerade agnostisch bequem eingerichtet hat, was aber zweitens auch noch bedeutet hätte, dass die Katholiken am Ende Recht gehabt hätten, denn eine echte Nonne dieser Ausprägung schien es mir doch eindeutig zu sein, und Katholizismus und Recht haben, also bitte, irgendwann ist auch einmal gut, bei aller Toleranz in religiösen Fragen. Ich stand und starrte, die Meisen sangen weiter wie bei Walt Disney, die Nonne aber hielt den Blick fromm gesenkt, stand im Licht und das, so dachte ich selbstverständlich, glaubt dir wieder kein Schwein, und doch ist es so.

Sie betete allerdings gar nicht, wie ich dann im Näherkommen sah, sie machte vielmehr, was wir alle machen, was wir sogar dauernd machen, sie sah nämlich nur auf ihr Handy, das sie in beiden Händen hielt, und ich habe es im Vorbeigehen nicht genau gesehen, aber wer weiß, am Ende war es nur ein Level Candy Crush oder etwas in der Art, das eben noch vor der Bäckerei beendet werden musste. Nonnen sind auch nur Menschen und kommen an dieser Stelle der Stadt übrigens öfter vor, die Zentrale der Hamburger Katholiken ist gleich um die Ecke, da sieht man gelegentlich auch recht malerische Mönche oder andere Menschen in aus meiner Sicht schwer deutbaren Kostümen der kultischen Art.

Eine Nonne also, die morgens Brötchen holt, die auf dem Weg mal eben auf ihr Handy sieht, bitte sehr, bitte weitergehen, es gab nichts zu sehen.

So fing das Wochenende an.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

4 Kommentare

  1. Vor ein paar Tagen sah es hier noch anderes aus, oder? Gefällt mir. Und der Text sowieso.
    Ich wünsche eine ruhigere Woche als die vergangene.

  2. Da ich in den letzten Jahren von Baugerüst und Baum fast erschlagen wurde, bleibe ich auch drin und empfehle: auch zwei Tage nach einem Sturm fallen Bäume und Äste noch einfach so – ruhig also mal ein paar Tage länger auf dem Sofa sitzen bleiben.

  3. Ich habe das Wort „Exkursende“ tatsächlich als Gerundium gelesen. Allein das Nachdenken darüber, was eine exkursende Person sein soll, hat mich angenehm beschäftigt, geradezu philosophisch werden lassen. Manchmal fühle ich mich regelrecht exkursend, zur Zeit besonders intensiv. Es ist und bleibt kompliziert dieser Tage.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.