Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 15.3.2022

Es gibt ukrainische Knoblauchbrötchen. Der einleitende Absatz dort ist in dieser Art jetzt öfter zu lesen – man möchte das Thema gar nicht, es ist aber nun einmal da, man kommt nicht daran vorbei, seelisch nicht, auch sonst nicht. Und helfen will man doch, und man tut es dann auch. Unten im verlinkten Artikel folgen weitere Rezepte aus der Ukraine, man kann vielleicht noch mehr Foodblogs so entdecken. Ich finde es nicht abwegig, sich auch über die Küche der Krise anzunähern, ich finde das eher naheliegend und richtig.

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Ein Literaturhinweis zu Odessa: Isaak Babel, den auch einmal vormerken. Und hier noch ein ganz kleines Fundstück, ein Satz ist es nur – da mal drüber nachdenken, wie das auch für uns gerade gilt, wie es in jedem Jahr gilt. Ich neige dieser Haltung vor jedem Jahreszeitenwechsel zu, auch zum Herbst hin. In einem anderen Blog eine Rezension zu Kurkow: „Es ist ein ganz besonderes, ja aufregendes Buch und ich wünschte, es wäre nicht erst der unselige Angriffskrieg auf die Ukraine gewesen, der mich überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht hat.“ Kurkow steht hier auch auf der Leseliste.

Ich habe gerade „Mitternachtsblüte“ durchgelesen, ein Roman von Maria Matios, aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck, hier eine Rezension dazu. Das Buch fand ich hervorragend. Es erhellt die Geschichte der Bukowina, wenn man bei der Gegend von Erhellen überhaupt reden kann, das Wort passt nicht einmal, bei der furchtbaren Geschichte. Es spielt im letzten Weltkrieg, also in Nummer II, wenn wir einmal annehmen wollen, dass Nummer III noch nicht begonnen hat. Die Meinungen gehen da gerade auseinander, wie man wohl sagen muss. Jetzt lese ich „Internat“ von Serhij Zhadan, aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr, da ist man im aktuellen Kriegsgeschehen, und zwar tief drin. Auch dazu eine Rezension. Es gibt eine auffällige Verbindung zwischen den Büchern und damit auch zwischen den Kriegen, das sind die Opfer, die manchmal nicht einmal verstanden haben, wer da nun gerade wen und warum – und es ist auch egal, es ist immer das gleiche Leid, der gleiche Tod, die gleichen Verletzungen.

Von Zhadan habe ich schon letzte Woche „Die Erfindung des Jazz im Donbass“gelesen (Deutsch wieder von Durkot/Stöhr), und wenn Sie eine Ahnung bekommen wollen, wie die Gegend da eigentlich aussieht – lesen Sie diesen Roman, da entsteht ein Bild.

Der Kaffeehaussitzer denkt auch über den Krieg nach, er fängt bei Remarque an und endet bei den Nachrichten: „Das alles geht mir durch den Kopf, während dieses über neunzig Jahre alte Buch neben mir liegt. Es sind ungeordnete und unstrukturierte Gedanken; voller Fassungslosigkeit und Wut ob der Nachrichtenmeldungen aus der Ukraine, die täglich schlimmer werden.

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Es ist Krieg, was soll ich noch schreiben. Eine Frage, die sich viele jetzt stellen. Wenn man aber an die letzten Kriege denkt – wir können an diese Kriege nur denken, weil Menschen geschrieben haben. Wir haben Tagebücher, Romane und Geschichten aus diesen Zeiten gelesen, wir haben sie lesenswert gefunden. Nun sind wir die Schreibenden, es ist eine Feststellung ohne Dünkel, Pathos oder Beben. Es ist einfach so. Weitermachen.

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Über leere Blicke.

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Frau Herzbruch über Logik und Vorhersagen.

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Bei anderen Themen kommt der Krieg am Rande vor, etwa hier, bei der Aussaat, da ragt er in einen Halbsatz des Textes, der ansonsten von der Schönheit der Fachvokabeln geprägt ist. Ich verstehe gar nicht alles, es ist ein wenig wie bei maritim geprägten Texten, in denen detailreich die Besonderheiten der Takelage erklärt werden – es klingt gut und anziehend, aber wiederholen könnte man das nicht, wenn man kein Segler oder Matrose ist. Ich finde es, pardon, das passt hier gar nicht her, ein wenig schade, dass mein Brotberuf nicht auch von altehrwürdigen Fachvokabeln geprägt ist, sondern von hohlen Anglizismen der eher depperten Art. Als ich damals noch im Antiquariat gearbeitet habe, als ich dort gerade begonnen hatte, las ich dauernd im Hiller, „Wörterbuch des Buches“, denn darin stand alles, was es an Fachvokabular zum Thema Buch gab – also zur Hardware, nicht zu Texten darin. Ich habe die sehr gemocht, diese Vokabeln, es fühlte sich bereichernd an, die zu kennen.

Ich schreibe dies auf Eiderstedt. Direkt neben mir, nur eine Wand weiter, ist ein großer Schafstall, in dem über hundert Schafe mit ihren Lämmern stehen. Je Schaf sind es ein bis zwei Lämmer, und der Bauer hat viele Bereiche mit Gattern abgesteckt. Es gibt lauter Einzelzimmer für Mutterschafe in der großen Scheune, und so ein abgesteckter Bereich, das ist ein Hock, Mehrzahl Höcker. Wieder etwas gelernt. Auch friedliche Dinge lernen, das ist wichtig.

Apropos Landwirtschaft. Wenn Sie sich bitte mal kurz einen norddeutschen Geflügelzüchter vorstellen, etwa Richtung Ostholstein, mit einer sehr breiten und gemächlichen Aussprache, und wenn dieser Landwirt dann von seinen Puten spricht – dann ist dieser Plural Puten im Klang identisch mit dem, was die Amerikaner in den Nachrichten sagen, wenn es um Putin geht. Es klingt genau gleich. Faszinierend. Aber das nur am Rande.

Sprühkunst: Der Kopf von Putin, daneben steht "Putina"

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3 Kommentare

  1. „Höcker“ klingt völlig plausibel. Schließlich ist bei uns im Norden „Stöcker“ ja auch der Plural von „Stock“.

  2. @Carola
    Vielen Dank für den Link, ein guter Artikel. Wie ist das alles doch so traurig.

    Und zu Remarques „Im Westen nichts Neues“ kann ich mich der großartigen Rezension des Kaffeehaussitzers nur aus vollem Herzen anschließen. Das Buch gehört zu denen, die mich seit Jugendzeiten am nachhaltigsten beeindruckt haben. Mein Bruder, Jahrgang 1940, musste seine Wehrdienstverweigerung noch vor Gericht durch zwei Instanzen verteidigen. Ganz ähnlich dem Muster, das Franz Josef Degenhardt so herrlich auf den Punkt brachte in der „Befragung eines Wehrdienstverweigerers“.

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