Die Auspizien des März

Ich gehe die Wege zwischen den Fennen entlang, von denen ich bis eben gerade dachte, dass sie mit V geschrieben werden. Warum eigentlich? Das Sprachgefühl ist auch so eine seltsame Sache.

Am ersten Graben, über den der Weg geht, steigt dicht neben mir ein Reiher auf, ein riesiger Vogel mit elegant gebogenem Hals, der gemächlich und fast geräuschlos losfliegt, ungemein lässig wirkt das, und er fliegt auch nur hundert Meter weit. Er lässt sich auf der Weide wieder nieder und sieht zu mir herüber, ob ich da bald mal vorbei bin oder was, ich störe nicht unerheblich, sagt sein Blick. Nicht weit von ihm entfernt sitzen etliche rastende Schwäne im Feld, Singschwäne werden es sein, die Schnäbel so hell. Weiter hinten Kanadagänse, der helle Streifen am Kopf, der dunkle Hals, und zwar ist es eine ganze Armee, wenn ich das Wort in diesen Zeiten einmal so friedlich gebrauchen darf. Sie haben einen ganzen Acker besetzt, sie ruhen sich dort ein paar Stunden aus, sie werden bald weitermüssen. Ganz still und unbewegt sitzen sie da, auf den ersten Blick sehen sie aus wie dunkle Steine, weit über das Feld gestreut.

Über ihnen ein aus Vögeln gebildeter Pfeil am Himmel, das ist eine andere Gänseart, nehme ich an. Erkennen kann ich es nicht. Da, noch ein Pfeil, und noch einer. Es ziehen Trupps quer über den Himmel. Pfeile, Geschwader, wilde Horden und auch sortierte Einheiten in strenger Formation. Ich bleibe stehen und sehe nach oben: Der Vogelzug war pünktlich. Es ist eine ungeheure Bewegung unter den Wolken, es ist ein Reisegeschehen, wie ich es noch nie sah, und doch fällt es erst auf, wenn man stehenbleibt und Zeit für das Bild hat.

Auf Eiderstedt ist Nebensaison, nur die Hamburger haben jetzt Ferien, es sind kaum Touristen hier. Aber was da oben gereist wird … Unglaubliche Mengen sind in Bewegung. Aus dem Süden werden sie alle kommen, es geht weiter in den Norden, nach Skandinavien vermutlich, ich kenne mich nicht aus.

Zum ersten Mal im Leben sehe ich auch einen dieser Schwärme unvorstellbarer Größe, die im Flug dauernd die Formation ändern, das kannte ich bisher nur aus Tierfilmen. Eine gewaltige Animation, das Bild wandelt sich, es dreht sich, es verformt sich, eine schwarze Wolke, die disneyhafte Fomen aus sich heraus gebiert, die in zwei Teile zerfällt, wieder zusammenschmilzt, sich mehrfach verdreht und verquirlt, die nach oben aufgeht, dann links und rechts Ausbuchtungen bildet, dann Pfeilspitzen und ich denke kurz, jetzt geht es los, die Zeichen, die Zeichen, aber dann fliegt der Schwarm einfach nur vorüber, in einer Geschwindigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte, jagend wie eine Sturmböe. Ein schwarzes Orakelgebilde, das nicht spricht und nichts zeigt, nur ein abstraktes Gebilde, das vergeht wie verweht, verflogen, verflattert.

Vögel ziehen, sinken auf die Äcker, steigen auf, landen, kreisen, überall ist Flugverkehr. Einige reisen langsam und stetig, andere als ginge es um ihr Leben, in höchster Eile geht es voran.

Auspizien, das Wort kenne ich noch aus Asterix, von dem ich also doch fürs Leben gelernt habe, wir haben es schon damals vermutet. So verweilen und nach oben sehen, den ziehenden Vögeln zusehen, stundenlang.

Nein, das wäre zu anstrengend. Hinlegen müsste ich mich dabei, der Rücken, der Rücken. Ein Feldbett müsste ich haben.

Alle Vogelformationen, die über Nordfriesland ziehen, sind so weit oben, landen so weit weg von mir, dass ich kaum eine Art erkennen kann. Das tröstet mich etwas darüber hinweg, dass ich auch auf zwei Meter Abstand die meisten nicht erkennen könnte, Naturtrottel der ich bin, entfremdeter Stadtmensch. Ich denke Kiebitz und Lerche, also nur als Beispiel, aber ich weiß es nicht genau, es kommt nur so ungefähr hin. Ich denke, es wäre noch etwas schöner, wenn ich es wüsste, wenn ich doch bloß ein wenig mehr wüsste. Da vorne jagen Austernfischer über die Gräben, signalfarbene Schnäbel und strenges Schwarzweiß im Gefieder, die immerhin sind einfach. Aber die ziehen auch nicht.

Für einen Moment sehe ich eine rote Fahne in den Ackerfurchen, da läuft ein Fuchs, die Jäger sagen Lunte zu seinem Schweif. Am Wegrand liegt ein halber Hase, der Unterkörper wurde schon verzehrt, dunkles Blut im Gras. Nicht weit davon sitzen zwei Krähen und lassen mich erst einmal passieren, bevor sie sich diesen Hasen einmal näher ansehen.

Der Wind kommt von der Nordsee und ist noch winterlich kalt, was kann man Mitte März erwarten. Hier und da stehen hoch oben strahlend weiße Möwen im drängenden Wehen, auch große Greifvögel sehe ich als Silhouetten über den Feldern, geduldig beobachtend. Die Schwäne auf dem Feld knabbern an Halmen, der Wind knabbert an meinen Ohren.

An den Rändern der Gräben das verdorrte hohe Gras aus dem letzten Sommer, es zischelt im Wind, es flüstert, es tänzelt im Südwest. Wellen gehen unaufhörlich durch die Reihen, choreographiert sieht das aus. Hinter einer Wegbiegung steht eine große Scheune, gelbe Flechten auf dem längst vergrauten Holz, dicke Moospolster auf dem Dach. Hinter dem Gebäude ist es auf einmal windstill, ist es schon Mai. Die Luft ist hier ungeahnt warm in der Mittagssonne und duftet überwältigend intensiv nach Kraut und Erde. Auch die Vögel klingen hier anders und ein erster Schmetterling schwankt bunt über kurzhalsige Narzissen, Mückenpünktchen um ihn herum. Zehn, zwanzig Maimeter gehe ich nur durch diese Wärmeinsel, dann ist schon wieder gnadenlos März. Wieder der Eiswind, das mattgelbe Grasgeschaukel, die müdgrünen Weiden mit den sandfarbenen Flecken der Winterkargheit, die betongrauen Wege, der nur blassblaue Himmel, die harsche Seeluft.

Ein Strauch am Wegrand. Ein hingehockter Strauch mit kräftigem Stamm, der ist im Sturm großgeworden, und das sieht man ihm an. Moosbesetzt ist auch er und seine Zweige sehen aus wie angespannte Muskeln, als würde er mit großer Kraftanstrengung alles von sich im Wind zusammenhalten, die ganze Zeit, sein Leben lang, nie nachgeben, keine Lässigkeit jemals. Sehr groß ist er nicht dabei geworden, aber doch stark und dicht, und in seinen Zweigen zwitschert es, ohne dass ich einen Vogel sehen könnte. Das Geäst ist zu verworren, darin wohnt es sich gut, im größten Gewirr brütet man gerne. Wer kennt es nicht.

Ich sehe wieder nach oben, die Vögel ziehen über mich hinweg. Über Eiderstedt, über Nordfriesland, über Schleswig-Holstein und weiter, hunderttausend Vögel und mehr. Ich sollte mehr rausgehen, das deute ich aus der Vogelschau. Der Augur auf weiter Flur.

Ich gehe zurück auf den Hof (keine bezahlte Werbung, nein, aber wir sind zum neunten Mal hier, das sagt auch etwas aus), ich sehe mir die Schafe, die Lämmer, die Pferde, die Katzen und den Hund an. Dafür gibt es keinen lateinischen Begriff, glaube ich, aber schön ist es ebenfalls. Unter den Dachbalken des Stalls sehe ich noch keine einzige Schwalbe, aber lange dauert es nicht mehr, bis auch ihre Saison beginnt. Vielleicht kommt die erste schon morgen, übermorgen, am Wochenende. Die alten Nester sind noch da, bezugsfertig hängen sie unterm Dach.

Wenn ich das nächste Mal nach Eiderstedt komme, füttern sie schon wieder Nachwuchs darin. Ich werde berichten, nehme ich an.

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3 Kommentare

  1. Das Hohe Venn in der Eifel ist ein V-Fenn, aber schonmal auch nur auf der deutschen Seite. Dann gibts noch die Fens in England. Übrigens alle schon verwurstet als Schauplätze fieser Morde in Krimis.

  2. Warum kommt Ihnen bei Fennen das V in den Sinn? Gibt es doch im deutsch-belgischen Grenzgebiet das Hohe Venn. In dem zugehörigen Wikipedia-Artikel werden beide Schreibweisen fast gleichwertig genannt.

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