Klötze zum Zwecke

Gestern war ich, es wurde bereits kurz erwähnt, im Büro, leibhaftig vor Ort. Zwei Bemerknisse dazu, eines ist allerdings schon zwei Wochen her, vielleicht sogar etwas länger, es fiel mir nur gestern wieder ein. Da war ich auch schon einmal im Büro, nach einer langen, langen Home-Office-Phase, und wie lange ich vorher nicht dort war, das fiel mir im Treppenhaus der Firma auf, als ich sekundenlang überlegt habe, in welchem Stockwerk mein Büro noch einmal war. Ich kam dann schnell wieder darauf, aber diese Frage im Kopf war kurz beunruhigend. Wie sehr man Gewohnheitsmensch ist, und wie sehr zumindest bei mir gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die KollegInnen, die ich zwischendurch auf den Fluren getroffen habe, waren hoffentlich neu in der Firma, erkannt habe ich sie nämlich nicht, so ohne eingeblendeten Namen im Fenster der Videocallsoftware. Aber gut, Menschen zu erkennen, das ist eh nicht meine größte Stärke. Und die aus meiner Abteilung konnte ich immerhin sicher zuordnen, das fand ich beruhigend.

Zweitens bin ich zu Fuß zur Arbeit gegangen und habe, nachdem ich eine Woche auf Eiderstedt in der Natur und fast durchgehend zwischen Schafen und anderen attraktiven Nutztieren war, noch einmal neu festgestellt, was für ein unglaublich hässlicher Arbeitsweg das ist, sogar bei ausgesprochen freundlichem Wetter. Dass die Menschen da nicht einmal etwas hingebaut haben, was irgendwie schön sein sollte, sondern ausschließlich Klötze, die geradezu brutal Zwecke erfüllen, dass man da nicht einmal gutmütig sagen kann, es war doch gewiss irgendwie gut gemeint … Nein. War es nicht. Man sieht es. Kein Wille zur Schönheit, nicht einmal zum Design, zum Bild, zur Präsentation. Diese Stadt ist an vielen Stellen nicht nur natur-, sondern klarerweise auch menschenfeindlich, und es gibt an meinem Arbeitsweg ein paar Neubauten an erlesen scheußlichen Stellen, da zahlt man mittlerweile enorm viel Geld dafür, in ausgesprochen unansehnlicher Lage zu wohnen. Ab und zu fällt mir wieder auf, wie erstaunlich das doch ist. Was alles baugeschichtlich schiefgegangen ist, irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg. Oder vor dem Dritten. Pardon, der Zynismus, ab und zu bricht es doch durch.

Auf dem Rückweg von der Arbeit ging ich in den Supermarkt. Da gehe ich fast jeden Tag hin, entweder in den Supermarkt oder in den Discounter, das ist Teil meines Care-Jobs und es kauft sonst niemand in der Familie ein. Mein Einkaufsverhalten führte im Urlaub zu einem heiter misslingenden Smalltalk. Ich sprach mit einem anderen Mann, wir kamen dabei auch auf Lebensmittel und dann lief das Gespräch irgendwie schief, merkte ich, und kam zunächst nicht darauf, woran es lag – aber diese andere geht nie einkaufen, wie er schließlich sagte. Der kennt das alles nicht, was ich da dauernd erlebe. Was ich nur erwähne, weil ich es wieder interessant fand, dass wir schon bei diesen Kleinigkeiten in so grundverschiedenen Welten leben, aber doch dauernd glauben, so viel über andere aussagen zu können und fortwährend auch im Namen anderer herummeinen. Ich bleibe bei meiner Binse: Andere Menschen sind wirklich sehr anders.

Ein Aufkleber gegen Rassismus: "Nationalismus ist keine Alternative"

Beim Einkauf im Urlaub stand ich übrigens an der Kasse, zahlte und wusste: In Hamburg hätte ich dafür etwa zehn Euro mehr bezahlt. Ich kann das gut schätzen, das macht die Erfahrung. Es ist der Großstadt- und Szeneviertel-Aufschlag, und er ist immer noch ein wenig höher, als ich es ohnehin die ganze Zeit vermute, er scheint sich in letzter Zeit sogar noch einmal signifikant erhöht zu haben.

Ansonsten war ich heute beim Urologen, das war der übliche Vorsorgetermin, wovon es nichts zu berichten gibt, abgesehen davon, dass mir im Wartezimmer die Sonne so kraftvoll auf den Rücken schien, dass es auch Juni hätte sein können. Darüber hinaus gab es dabei keine heitere Begebenheit, keinen lustigen Dialog, keine beobachtete Szene, von der dringend erzählt werden müsste, es fiel mir rein gar nichts Besonderes auf, und ich erwähne es überhaupt nur, falls Sie auch mal wieder müssten, oder ein Ihnen nahestehender Mann, versteht sich, dann war das hier nämlich der entscheidende Hinweis.

Immer serviceorientiert bleiben.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Es folgt Werbung für eine Veranstaltung in Hamburg:

Ein Kommentar

  1. ,andere Menschen sind wirklich sehr anders‘, genauso isses. Grund (genug) zum genauen Beobachten, Verzweifeln, Staunen und Sich-alleine-Fühlen.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.