Metöken, Periöken, Spartiaten

Von gestern ist noch zu erwähnen, dass die Herzdame am Abend mit Sohn II etliches zum Fach Geschichte durchging, es war die finale und intensive Vorbereitung auf eine Klassenarbeit. Und weil sie sich dabei dauernd drillsergeantmäßig und in verblüffender Lautstärke angeschrien haben, nur aus Spaß, versteht sich (wer lacht, lernt besser, sagt die Psychologie), hatte nicht nur ich, sondern hatten vermutlich das ganze Haus und auch Teile der Nachbarschaft etwas davon, und alle wissen daher jetzt etwas mehr über die Metöken, die Periöken und die Heloten. Erinnern Sie sich? Etwa sechste Klasse war das damals, und ist es heute noch. Ich fand es amüsant, dass die Kinder das immer noch so wie wir lernen, über weite Strecken die gleichen Inhalte, die exakt gleichen Stichwörter, die gleichen Zahlen, die man für eine Arbeit unbedingt parat haben muss, weil man dann eben „Klassisches Griechenland“ befriedigend oder sogar gut kann. Die Polis, Plural Poleis, der Rat der 500, die Strategen, Sparta, Attika, Akropolis, die Pnyx, es fällt einem manches wieder ein, wenn man mit Kindern lernt. Brachliegendes Schulwissen, nur bedingt abrufbereit.

Allerdings nannten die beiden die Bewohner von Sparta dauernd „Spartiaten“. Das ist vollkommen korrekt, man kann das nachlesen, aber das war wieder ein Begriff – ich könnte wetten, wir haben damals Spartaner gesagt. Ich könnte wetten, ich habe das Wort Spartiaten noch nie vorher gehört. Aber ob das möglich ist, kann ich da denn richtig liegen? Oder ist das wieder einer dieser typischen Zeugenfehler? Dabei fällt mir ein, was ich gerne einmal hätte, nämlich eine Übersicht der veränderten Inhalte in den Lehrplänen – meine Generation gegen die heutigen SchülerInnen. Das würde mich interessieren, all die Neubenennungen, die frischen Fachbegriffe, die Korrekturen, auch die Methodenwechsel etwa in Mathe, die signifikanten Verschiebungen der Inhalte in Bio und Deutsch etc., was alles weggefallen ist, was es bei uns vielleicht noch nicht gab, das würde ich gerne aufgelistet sehen in einer schicken Tabelle. Aber das wird es wohl nicht geben, ich weiß. Schade.

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Falls Sie beim Nachrichtenkonsum auch leicht ins Monothematische verfallen, was zwar naheliegend, aber vielleicht dennoch falsch ist – es gibt z.B. den Newsletter von Sham Jaff: „What happened last week“. Da fällt einem bei der Lektüre, der Text ist jeweils nicht lang, der Rest der Welt wieder ein. Oder zumindest die Teile davon, in denen schon wieder etwas passiert. Es sind jeweils einige Details und Storys enthalten, die im Strom der Hauptnachrichten und Ticker eher nicht prominent vorkamen. Macht einen nicht dümmer, der Newsletter.

Wenn Sie danach immer noch dringend Ablenkung brauchen, lesen Sie Jasmin Schreibers Naturarium, auch das ist ein Newsletter. Der bringt Sie auf andere Gedanken, neulich etwa ging es um betrunkene Insekten. Da es aber um die Natur geht, fällt nicht immer alles vollständig erheiternd und grundpositiv aus, denn da gibt es bekanntlich auch das eine oder andere Problem, mit dieser Natur. Oder eher mit uns, schon klar. Dennoch ist er empfehlenswert, der Newsletter.

Noch ein Buch. Ich lese gerade „Februar 33 – Der Winter in der Literatur“ von Uwe Wittstock“, hier einige Rezensionen dazu. Es ist so geschrieben, wie Dokumentationen heute fast zwingend gefilmt werden, also unterhaltend, mit belebten Szenen, teils frei interpretierend, natürlich recht eng an den Fakten, aber doch eindeutig bunt ausgemalt – und wie bei diesen Dokumentationen auch, man kann das mögen oder nicht. Ich finde lesenswert, dass die Bezüge zwischen den Hauptpersonen dargestellt werden, also wer sich wie kannte und wo begegnete, das kommt bei der Beschäftigung mit Einzelnen kurz. Ansonsten ist das Buch selbstverständlich eher bedrückend, und je mehr Fantasie man hat, desto schlimmer ist es. Aber doch, es interessiert mich. Und es geht um eine untergehende Demokratie, man kann sich nebenbei also schön Bezüge zur Gegenwart basteln, falls man versehentlich noch gutgelaunt ist.

Ein Aufkleber mit dem Text: "Der Struggle so real"

Die Büchereibücher, die ich im Urlaub gelesen habe, habe ich gestern wieder weggebracht. Ich weise noch einmal auf die zwei Romane hin, die mir länger im Gedächtnis bleiben werden, zum einen war das die „Mitternachtsblüte“ von Maria Matios, zum anderen war es das „Internat“ von Serhij Zhadan. Die waren gut, diese beiden Bücher, die haben mich sehr beschäftigt. Auf eine andere Art fand ich auch das „Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ von Dmitrij Kapitelman erhellend und horizonterweiternd.

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Am Sonnabend sind wir nicht direkt von Eiderstedt nach Hamburg gefahren. Es fanden mehrere Demonstrationen mit Ukrainebezug im Innenstadtbereich statt, also vor unserer Haustür, wir wären da vermutlich nicht leicht durchgekommen. Daher machten wir Halt in einem „Erlebnisbad“ vor den Toren der Stadt, das ich freiwillig nicht betreten würde, aber ich habe Söhne, die da gerne hingehen. Dort saß ich unter strikter Vermeidung des Kontaktes mit Wasser am Beckenrand und hörte konzentriert „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allen Poe als Hörbuch. Ich kann mit Poe nicht viel anfangen, mit schwarzer Romantik generell nicht, aber diese Geschichte zu hören, während statistisch betrachtet gleich mehrere Gäste hochinfektiös um mich herumalberten – das war schon sehr stimmig. Es ist eine drastische Seuchengeschichte, und wenn Sie eine Poe-Ausgabe greifbar haben, lesen Sie die Story ruhig mal eben nach, sie passt gerade gut und man ist bald durch. Die Geschichte endet schnell, das Leben der beteiligten Personen auch, wie es bei dem Thema und dem Autor naheliegt.

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Hier noch ein lesenswerter Bericht aus dem Berliner Hauptbahnhof.

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Und schließlich Sascha Lobo über Warfluencer. Er benennt da als Beispiel Valeriesssh auf Tiktok, der ich auch folge. Und wenn Sie auf Tiktok sind – ich denke, ihre Beiträge lohnen auch im Nachhinein noch.

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4 Kommentare

  1. Irgendjemand (TM) auf Twitter wünschte sich mal eine Website, auf der man Jahr der Einschulung, Schularten, Bundesland eingibt – und dann ausgeworfen bekommt, welche Lehrinhalte sich seither als falsch erwiesen haben, welche Schulmeinung inzwischen eine andere ist. Würde crowdfunden.

  2. Das mit den Spartiaten ist quasi ein Meme, entsprungen aus dem sehr meme-trächtigen Film 300. Ich habe ihn nie gesehen, aber der Sohn hier hat sich geopfert und lacht sich seither schief darüber. Das geht so:

    Leoniadas: „Spartiaten -aten -aten* – was ist euer Handwerk?“
    Spartanische Krieger, im vollen Männlichkeitsmodus: „AHU! AHU! AHU!“

    Sonst waren die Spartiaten die Top-Spartaner, also die Vollbürger, die die anderen ausgebeutet und umgenietet haben und nur mit Schild oder auf ihm heimkehren durften. Im Sinne des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts ist hier das Unterrichtsziel, zu erkennen, dass das System Sparta eher nicht mit der FDGO vereinbar ist und Leute, die Sparta prima finden, immer erst mal verdächtig sind. Darauf ein herzhaftes AHU!

    *Echo, sehr wichtig, dass man das mitmacht.

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