Ich aber werde nur nass

Ich erwähne also im Blog, dass es bei uns einen Mangel an Regen gibt und wohl auch weiterhin zu wenig regnen wird. Als wahnsinnig witziger Kommentar zu meinem Text regnet es am Montag so, wie es lange nicht geregnet hat. Es regnet ergiebig, ausdauernd und mit Spezialeffekten, es stürmt nämlich auch noch dabei und es schüttet also in ungewohnt klatschendem Schwall und kübelt quer. Eine Geräuschkulisse auf und vor den Dachfenstern, als sollte für ein Kinderhörspiel von Europa „Sehr schlechtes Wetter“ als Regieanweisung umgesetzt werden. Stark übertrieben sind diese Geräusche, aber deutlich, keine Frage. Man erkennt sofort: Unwetter. Okay.

Keinen Hund möchte man bei diesem Wetter vor die Tür schicken, nur die Söhne, wie immer. Und mich selbst, merke ich dann, nachdem ich eine Weile dem Dachfensterkonzert zugehört und versucht habe, es schön zu finden, wobei ich wie immer stets bemüht bin. Mich selbst muss ich auch rausschicken. Denn ich muss in den Garten, fällt mir ein. Dringend. Diesen Sturm habe ich im Wetterbericht nicht gesehen, vielleicht war er dort tatsächlich nicht, vielleicht habe ich wieder nicht aufgepasst. Ich passe oft nicht auf, das stand schon in den Grundschulzeugnissen. „Ist oft abgelenkt“, so wurde es dort vermerkt. Wo war ich.

Im Garten ist ein halb aufgebautes Trampolin nicht gesichert und Trampoline wandern gerne einmal beim Sturm durch die Kolonie, sie marodieren über die Hecken und durch die Beete, das sollen sie nicht. Außerdem steht da noch ein ungestütztes Zaunfragment, das auf neu gepflanzte Heckensträucher kippen kann Das geht so alles nicht, ich muss dahin, ich muss mich kümmern. Windstärke 9 in Böen immerhin.

Ich gehe zur U-Bahn, die ist hier um die Ecke. Ich werde auf den paar Metern schon nass wie unter der Dusche. Ich fahre U-Bahn gemeinsam mit anderen durchnässten Menschen, die alle diesen zusammengerissen schlechtgelaunten Blick haben, dieses ausgeprägte „Muss ja“ im Gesicht, dieses angestrengte Durchhalten. Wir sitzen und tropfen. Ich steige aus, ich gehe zum Garten. Der Weg von der Station zur Insel ist noch ein ordentliches Stück, es reicht für viel Wettererfahrung und ich mache sie allein, kein Mensch ist außer mir auf den Wegen zu sehen, nur vorbeijagende Autos. Ich setze mir die Hoodie-Kapuze und auch die Outdoorjackenkapuze auf, ich hoffe, dass die Kopfhörer darunter halbwegs trocken bleiben. Ich höre beim Gehen immer weiter „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin. Und auch wenn ich dabei gerade, wie bei allen Familienerzählungen, durcheinanderkomme, wer da nun gerade mit wem wie verwandt ist und um was genau es geht (das liegt nicht am Buch, das liegt an mir), bleibt unterm Strich der stark relativierende Eindruck, dass alles, was die Personen in der Geschichte erleben und erleiden, schlimmer ist, als nur ein paar Meter durch den Regen zu gehen. Wieder der Kempowski, mir geht‘s ja noch gold, ich murmele es verbissen, klappernd und frierend und halte die Kapuzen fest, an denen die Böen wie irre herumzerren. Das ist alles nur Wetter, das ist nicht schlimm.

Im Grunde bleibt es unfassbar, was in der im Buch beschriebenen Weltgegend alles wem angetan wurde. Da stirbt niemand eines natürlichen Todes, da bringen sich alle selbst oder gegenseitig um und es ist fast egal, welche Truppe da gerade gegen welche ist, als Mensch war und ist man dort allzu häufig Opfer, entweder im Jetzt oder potenziell demnächst, und die Nachrichten, ich komme da nach wie vor nicht drüber weg, zeigen es aktuell wieder. Das Buch ist ein Lehrstück über die Gemeinheit des Menschen, über seine unfassbare Bosheit, Verkommenheit, Grausamkeit und bitte, wie kann das in einer Gegend so zusammenkommen, durch die Jahrzehnte, in Wellen, immer wieder von vorne. Es ist ein Buch, das einen nicht mit der Menschheit versöhnt, im Gegenteil. Ich aber werde nur nass, okay.

Im Garten setze ich mich einen Moment in die Laube, in der es natürlich rattenkalt ist, aber immerhin windstill. Der stürmische Nordwest poltert gegen die Fenster, es ist klammkalt aber schön hier drin und ich sitze fünf, zehn Minuten und höre mir das an und sehe zu, wie es die Zweige der Magnolie wüst hin und herschlägt, dass die noch ungeöffneten Purpurblüten in Fetzen gehen. Der Frühling wird mit etwas weniger Deko auskommen müssen in diesem Jahr.

Ich lese kurz die Nachrichten auf dem Handy, es geht um den Krieg, es geht um Corona, es geht um das Klima, die drei weltbestimmenden Katastrophen sind heute alle drei auf den Startseiten. Es gibt bittere Neuigkeiten an allen Fronten, gute Meldungen sind nicht dabei und Gründe für Optimismus fallen mir nicht ein. Alles, was normal ist, noch mehr genießen. Ich freue mich darauf, dass ich zuhause trockene Kleidung habe, eine Dusche, eine Heizung, ein Buch und ein Bett, das ist nicht nichts. Ich freue mich vielleicht etwas mehr als sonst.

Dann sichere ich das Trampolin mit Kompostsäcken, den Zaun mit Holzpfählen. Auf dem Rückweg kaufe ich die Zutaten für Hühnersuppe, Prophylaxe ist wichtig. Ich fahre wieder U-Bahn. Es ist gut, dass ich U-Bahn fahre, dass ich nicht das Auto nehme. Es ist gut wegen der Umwelt und jetzt auch wegen Putin, es ist aber in Wahrheit gar nicht moralisch oder politisch motiviert, ich fahre nur einfach nicht gerne Auto. Und zwar ganz und gar nicht gerne. Es gibt Aversionen, die passen manchmal gut zum Weltgeschehen.

Am Abend ein freundlicher Hinweis auf Facebook, wo ich nur selten etwas lese: „Es gibt einen beliebten Beitrag, den du vielleicht verpasst hast.“ Der Beitrag enthält: Die grauenvollen Bilder aus Butscha. Es ist so eine Sache mit den Algorithmen, es ist so eine Sache.

Die Söhne, die wie nasse Hunde nach Hause kommen, melden aus der Schule, dass trotz der Lockerungen alle weiterhin Masken tragen, die SuS und auch die Lul, wie man heute sagt. Ich denke nicht, dass es lange anhalten wird, aber das Bemühen ist schön und ehrenwert.

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2 Kommentare

  1. Ich glaube, das wird mein Motto für die nächste Zeit, wenn wir mal wieder klagen oder uns aufregen müssen über Kleinigkeiten in unserem ansonsten geschützten und bequemen Leben: „Ich aber werde nur nass“ Danke dafür!

  2. In solchen Situationen denke ich an den Standartspruch eine sehr ökologische ausgerichteten Ex-Arbeitskollegin: der Mensch an sich ist wasserdicht und abwaschbar!
    Und dann trocken ins Warme! Bett, Sofaeck oder was auch immer.

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