Bemerknisse aus der Bandscheibenwoche

Ich soll also nicht sitzen, ich soll liegen oder gehen. Ich gehe weisungsgemäß herum. Viel. Beim Friseur um die Ecke steht eine Trockenhaube am Fenster. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass da groß „Voyager“ draufsteht. Ist das nicht schön? So ein statisches Gerät, so ein in die Ferne weisender Name. Setzen Sie sich hin, dann sind Sie weg. Gefällt mir.

Den einen Tag gehe ich zu Fuß in den Garten. Da ich keine Gartenarbeit machen kann, besehe ich mir da alles nur ein wenig, danach gehe ich zurück. Dann ist der Tag auch schon vorbei. Wie langsam man werden kann.

Sowohl hier auf dem Balkon als auch im Garten, im Geäst der immer noch leuchtrosablühenden Tulpenmagnolie, sitzen wieder Amseln. Nach dem großen Amselsterben sind es die ersten, die mir wieder etwas vorsingen, und wie schön das ist, es hat doch gefehlt. Die Magnolienamsel guckt, was ich im Garten mache. Sie legt den Kopf schief und wartet ab, was steht der da nur so herum? Macht der was? Gärtner machen doch sonst immer was? Macht der vielleicht gleich noch was, wobei am Ende ein Wurm auftaucht? Das mal abwarten. Ganz genau besieht die Amsel sich, wie ich da sinnlos herumstehe. Plustert sich einmal auf, macht sich wieder schlank und geht etwas tiefer in die Hocke, also wenn du da nur so stehst – ich kann das auch. Und dann guckt sie und wartet wippend. Vögel sehen dich an. Vorne auf der Weide die Heckenbraunelle, singend. In der Hecke randaliert das Rotkehlchen, im Weißdorn toben die Meisen. Oben in der Birke sitzt auf schwankendem Zweig eine ungeheure Rabenkrähe, durch den Ginster stiebt hastig der Eichelhäher, da funkelt es bunt im Vorbeiflug.

Die Äpfel, die Birne, die Kirschen, die Pflaume, alles blüht. An den Stachelbeeren, an den Heidelbeeren, an den Johannisbeeren schon die grünen Früchte. Auch winzige Erdbeeren gibt es, noch keine Spur von Farbe haben sie, Anfänge sind es erst. Der Rittersporn nimmt großspurig Anlauf für den großen Auftritt. Die Maiglöckchen sind pünktlich in Paradestellung angetreten. Dazwischen überall die Knoblauchrauke, die im letzten Jahr Pause gemacht hat.

Die Radieschen kommen, die Zuckererbsen, die Zwiebeln. Der Liebstöckel steht da als Hochbeetherrscher, mit ausgeprägtem Interesse auch am Nachbarbeet. Die ersten Kartoffelblätter kommen, und da steht noch junger Kohlrabi, den die Schnecken bisher nicht gefunden haben.

Vergessener Mangold aus dem letzten Jahr treibt wieder aus, die schönsten Stiele weit und breit. In frischer Farbe leuchten sie, irgendwas zwischen Pink und Lila, psychedelisch rauschhaft, solche Farben kann es an Pflanzen gar nicht geben.

Der Rasen dagegen wird allmählich dürregelb, es regnet immer noch nicht.

Ich habe einen Arzttermin in Harvestehude und stehe da an einer Ampel und lache, weil es so komplett absurd ist, wie sich hier von Stadtviertel zu Stadtviertel die Mode unterscheidet. Wie drastisch das abweicht, was im Alltag getragen wird. An dieser Ampel drei Männer, etwa zehn, fünfzehn Jahre älter als ich werden sie sein. Vom Typ her – der eine privatisierender Notar, hin und wieder betreut er noch ein paar Mandanten. Ein Apotheker, er wird das Geschäft bald seinem Sohn übergeben. Ein Privatbankier, da vorne im Eckhaus sein Büro mit dem dezenten güldenen Schild. Diese Art Männer. Sie tragen faltenfreie Hosen in Herrenausstatterfarben, die im kleinen Bahnhofsviertel bei uns einfach nicht vorkommen. Ein ungewöhnlich leuchtendes Curry, eine Art Kraftcurry, vielleicht auch Signalsenf, es variiert je nach Licht. Ein intensives Dunkelrot, Ahornoktober, Indiansummerverdichtung zur Abendstunde. Daneben Pastellmint, so ein Edelblassgrün. Kaschmirpullover über den Schultern, Wildlederschuhe, Hornbrillen. Im Grunde Einheitslook auf hohem Niveau.

Ich höre einen Podcast über die Lage in der Ukraine, den finde ich interessant: Freiheit Deluxe von Jagoda Marinic mit Katja Petrowskaja, Juri Andruchowytsch und Timothy Snyder.

Ich höre wahllos irgendwas von Hanns Dieter Hüsch, er beschreibt da gerade, wie er Zug fährt und am Abend hinaussieht auf die vorbeiziehenden Vorstädte. Er verwendet dabei das Wort „Lichtermarmelade“, es wirkt bei mir seltsam fernwehauslösend. Lichtermarmelade. Die würde ich jetzt auch gerne sehen.

Ich fahre nicht Zug. Ich gehe an der Alster entlang langsam nach Hause, eine halbe Runde ist das immerhin. All die Menschen, die da spazieren und Zeit zu haben scheinen. Gehen da so gemächlich herum, gucken über das Wasser, zeigen auf Segelboote, sitzen auf Bänken, essen Eis. Seltsam.

Haben vielleicht alle Bandscheiben, denke ich mir, das könnte es erklären.

Nächste Woche wieder versuchsweise ins Büro.

„So it’s goodbye to the sunshine
Goodbye to the dew
Goodbye to the flowers
And goodbye to you
I’m off to the subway
I must not be late
I’m going to work in tall buildings“

Das ist von John Hartford, den Sie vielleicht nicht kennen. Der hat aber „Gentle on my mind“ geschrieben, das kennt vermutlich jede und jeder in der Version von Glenn Campbell oder von Frank Sinatra oder von Dean Martin oder Elvis usw. (es gibt auch eine hervorragende Version von Seasick Steve). Aus der Wikipedia: „Die Einnahmen aus „Gentle on My Mind“ erlaubten es ihm 1972, eine Auszeit zu nehmen und sich seinen Jugendtraum zu erfüllen, ein Steuermann auf einem Mississippi-Raddampfer zu werden.“ Von wo aus er dann die Lichtermarmelade am Ufer gesehen hat, nehme ich an.

Der zitierte Satz passt jedenfalls sehr schön zu diesem Song von ihm, den man wunderbar im Berufsverkehr summen kann.

***

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2 Kommentare

  1. Da Sie solche Beobachtungen notieren können, hat das langsame Tempo einer Bandscheibenwoche, vielleicht auch etwas Gutes. Man könnte aber gern auch ohne die Schmerzen. Ich wünsche gute Besserung.

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