Ihr geht da einfach so längs

Im letzten Text hatte ich einen Absatz über das Wort „offenbar“, von da aus kam ich assoziativ erheblich auf Abwege, die ich nicht mehr rekonstruieren kann. Ich las Unmengen seltsames Zeug und landete schließlich bei Aphrodite’s Child. Eine Band des Progressive Rock war das, man kennt heute noch zwei der Gründungsmitglieder mit späteren Superstarkarrieren verschiedener Ausprägung, nämlich Demis Roussos (noch schlank und in Hosen zu der Zeit) und Vangelis. Von dieser Gruppe gibt es ein Konzeptalbum, „666“, das ist die Vertonung der Offenbarung des Johannes, man hatte damals nicht unerheblich Anspruch. Es ist nicht eben die eingängigste Musik, es ist aber sicher ein interessantes Stück Rockgeschichte, da kann man einmal hineinhören, auf Youtube findet man etwa „The four horsemen“. Musik für den späteren Abend, sie musss etwas lauter sein, man hört sehr gut, so meine ich, wie spannend die Epoche musikalisch war. Und es hat auch etwas, heute noch.

Beim weiteren Klicken in diesem Kontext blieb ich bei dem folgenden Video der Band hängen, das ich ganz und gar großartig finde. Es ist das vielleicht schlumpfigste Musikvideo, das je gedreht wurde. Wie unmotiviert kann man denn bitte durch eine Landschaft stapfen? Wie ostentativ kann man beim Dreh erst einmal eine rauchen, wie vollkommen sinnlos biegen sie zum Schluss auf das Feld ab, wie unmotiviert latschen sie durchs Gemüse ins Ungewisse?

Man muss sich die Szene vorstellen, die diesem Video voranging, wie irgendwer sie zu diesem Dreh mühsam überredet hat, ihr geht da jetzt einfach so längs, versteht ihr, ihr geht einfach, ganz entspannt, wir haben keine Zeit für mehr Aufwand und auch kein Geld. Wie sie dann, mit erheblichem Restalkohol oder Schlimmerem im Blut, zurückgefragt haben, ob wohl noch alle Tassen im Schrank seien, einfach da auf dem blöden Feldweg oder was, und Demis singt dann dabei, eh klar, aber was machen wir bitte, in die Landschaft gucken, spaziergangsmäßig, geht‘s noch? Und dann kam also das dabei heraus, ich kann es mir immer wieder ansehen.

Es wäre für die Musikgeschichte bedauerlich, aber sonst doch sehr faszinierend, wenn sie nach 3:12 schließlich verschollen wären. Niemand hat jemals wieder eine Spur von den Dreien gefunden, sie verschwanden dort in dem Wäldchen, mehr weiß man nicht, nur eine Pfeife fand man später, längst war sie erkaltet.

Mir ist das alles jedenfalls sehr sympathisch.

Rain and tears are the same

But in the sun you got to play the game

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3 Kommentare

  1. …beim Anschauen des wirklich sehr, hm, kreativen Videos dachte ich ganz spontan: nein, nicht in den Streifen Gras neben dem Weg laufen. Da ist immer die Hundekacke!
    Man kann einfach nicht aus seiner Haut!
    Liebe Grüße und einen schönen Urlaub,
    Eva

  2. ….so gelacht beim Lesen des Textes! Und nochmal beim Videogucken…
    Etwas Wehmut aufgekommen
    So sahen sie aus die jungen Männer damals…und meiner auch?
    Und soo gefühlvolle Lieder
    Schöne Urlaubstage,Grüsse aus Lübeck!

  3. Ich bin gerade ganz und gar hochgradig erfreut, denn gestern, auf einer langen Autofahrt zu der wir recht wenig Lust hatten, beschloss ich irgendwann zum äußersten Mittel zu greifen und sprach: „Jetzt gehen wir ins Coeur“. Das war verkürzt für „jetzt hören wir die Playlist, die ich einem typischen Abend im Sacre Coeur nachempfunden habe und grölen mit“ und dieses Sacre Coeur war die Disko, in die wir damals, Mitte der Neunziger, alle gingen. So ab drei Uhr morgens liefen dort nämlich die sogenannten Rock-Klassiker: Whole Lotta Love, Locomotive Breath und Sympathy For The Devil und aber eben The Four Horsemen auch. Und ich mag sehr die Idee, dass gestern dieses Stück nach Jahren des irgendwo-herumliegens gleich mehrfach gehört wurde. Sehr sogar.

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