Eine etwas schmuddelige Veranstaltung

Ich lese Robert Louis Stevenson, Das Licht der Flüsse. Deutsch von Alexander Pechmann, hier eine Rezension dazu. Das ist Stevensons Erstling und vom Stil her etwas, das man heute zwischen Reiseblog und Kolumnenserie einsortieren würde. Dass er schreiben konnte, ist auch in diesem Buch schon nicht zu überlesen. Der hoffentlich große Freundeskreis Stevenson kann sich über zwei Stellen freuen, die auf spätere Werke verweisen, zum einen bei seiner Begeisterung für Landkarten (Die Schatzinsel) und bei einer bemerkenswert modern wirkenden Betrachtung über verschiedene Ich-Zustände (Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde).

Ich mochte besonders eine Umschreibung des Alltags, Stevenson spricht da von der „bärenhaften Umarmung der Gewohnheit“. Den Ausdruck mal merken.

Und dann noch eine kleine Passage für alle, die während einer Reise im E-Mail-Account ihrer Firma eingeloggt bleiben, wie es immer häufiger zu erleben ist, gerade jetzt, wo das Home-Office bis an die Strände und in die Berge und sogar bis zu fernen Inseln reicht. Stevenson hat schon in den späten Siebzigern des Neunzehnten Jahrhunderts, als der Individualtourismus gerade erst erfunden wurde, ganz richtig festgestellt:

„Niemand sollte auf einer Reise Korrespondenz führen. Es ist schlimm genug, dass man schreiben muss, aber Briefe zu erhalten ist der Tod jeglichen Urlaubsgefühls.“

Recht hat er gehabt, aber zu der Erkenntnis müssen viele wieder neu kommen.

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Wir waren ein paar Stunden am Strand von Sankt Peter-Ording. Ein paar Stunden reichen uns dort meistens, wir sind keine Strandfamilie. Das Wetter war aber auch nicht ganz danach, Reste der Oktoberfrische des letzten Sturmtiefs waren noch in der Luft.

Über dem Strand von Sankt Peter-Ording war so dermaßen viel weißblaues Oben, dass man trotz der unweigerlichen Wimmelfülle von Menschen um uns herum dennoch ein Gefühl von Weite und Leere hatte, ein immer wieder faszinierender Effekt.

Der Wind, der Wind, immer der kalte Wind, ohne Strandmuschel ging es nicht. Man brauchte einen Schutz, ohne konnte man dort unmöglich liegen, man brauchte irgendetwas, dass man aus dem Wind und mindestens halb in die Sonne drehen konnte. Natürlich brauchten diesen Schutz alle, was wieder dieses merkwürdig futuristisch wirkende Bild ergab, ein schier endloser Strand voller Plastikhalbkugeln in Neonfarben und allen Stadien der Buntheit, aus denen eingeölte Körperteile in den weißen Sand ragten. Tausendfach, unabsehbar, kilometerweit. Wie anders dieses Stranderlebnis im Vergleich zu den Strandtagen meiner Kindheit ist, das ist kaum noch zu erklären und wird für deutlich jüngere Menschen schwer vorstellbar sein. Wir damals in der aus heutiger Sicht seltsam unfrohen Bademode, die Frauen und Mädchen mehrheitlich oben ohne, die meisten Erwachsenen lässig rauchend und Kippen in die Gegend werfend, nicht eben wenig auch mit Alkohol dabei, und alle, alle waren wir durchweg dunkelbraun verschmort oder krebsrot – es ist doch mittlerweile verdammt lange her, auch kulturgeschichtlich. Aus heutiger Sicht waren wir eine vielleicht etwas schmuddelige Veranstaltung. Und nicht einmal der dick wabernde Geruch von Delial ist uns durch die Jahrzehnte erhalten geblieben. Delial bräunt ideal, an jedem Kiosk stand das damals auf einer gelben Werbefläche mit eingelassenem Thermometer, natürlich nach Süden ausgerichtet.

Heute sind all die kugeligen Windschutzdinger selbstverständlich grellbunt, die Badebekleidung ist es auch. Sogar die dunklen Pfähle im Sand haben Markierungen in leuchtendem Neon-Orange und oben, die vielen, vielen Lenkdrachen, sie knallen genauso. Wenn man über den Strand geht, gerät man leicht zwischen die Strippen der Drachen, überall lässt jemand gerade so ein Gerät steigen. Windschutzkugeln, , Neonfarben und Sportdrachen, ich liege auf dem Rücken in meiner Mupfel und lese und fremdele.

Die Söhne ziehen lieber einen Strandabschnitt weiter, wo sie andere Menschen vermuten, die sie für nennenswert interessanter als ihre Eltern halten, das ist gut und richtig und altersgerecht. Ich liege und lese, was soll man am Strand auch sonst machen. Ich schlafe ein, das ist die Erlösung. Erst am Abend, als wir längst wieder woanders sind, fällt mir auf: Ich habe das Meer gar nicht gesehen.

Ob es wohl da war?

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