Maritime Möglichkeitsluken

Ich lese am Abend die Nachrichten nach, jemand sagt da gerade irgendwas von einem Möglichkeitsfenster. Ich sehe hoch und aus dem Fenster hier, ob das wohl so eines ist? Und gibt es auch Möglichkeitstüren oder -klappen, gibt es draußen auf der Nordsee, wo der Wind endlich nachlässt, maritime Möglichkeitsluken, die man tatendurstig aufstoßen kann?

Vor dem Fenster das üppige Grün, die Bäume, die Weiden und Äcker. Weiter hinten grast eine Reitmöglichkeit. Alles als Potential betrachten! Auch die unreifen Äpfel am Baum lassen, als Wette auf die Zukunft. Möglichkeitsobst. Alles langsam kommen lassen.

Ich mache Twitter auf, ich sehe Werbung für chinesische Industriegebiete. Vielleicht für den Fall, dass ich gerade eine Fabrik irgendwo hinstellen möchte, wie früher ein Haus oder Hotel bei Monopoly? Ach komm, eine geht noch, na gut, nach China. Und dann zurücklehnen, wieder würfeln und warten, was die anderen machen. Guck an, sie ziehen Ereigniskarten und treten an Möglichkeitsfenster, so geht das Spiel.

Ich schalte diese Werbung stumm, es kommt aber gleich die nächste, die wirbt für ein anderes chinesisches Industriegebiet. Nochmal nachdenken, immer alles ernst nehmen, was sich so aufdrängt. Neulich sah ich dort auch die Werbung eines Rüstungskonzerns. Vielleicht für den Fall, dass ich beim Themenbereich Artillerie ein Spontankäufer bin? Kann ja sein. Kann ja alles sein. Es wird sich doch bei allem jemand etwas gedacht haben. Was wäre das sonst für eine Welt.

Die Reitmöglichkeit geht währenddessen rechts aus dem Bild.

Ein schönes Fotoprojekt für diesen Sommer wären Desinfektionsmittelspender in allen Stadien des Verfalls gewesen. Wie die sämtlich leer, beschädigt, vergessen, vernachlässigt, ignoriert noch an den absurdesten Orten hängen, auch hier mitten im Stall. Ein Fotoalbum nur mit solchen Bildern, Desinfektions-Tristesse. Beim Discounter in der Nähe ist noch einer in Betrieb, heil und voll ist er, dicht neben ihm nimmt man sogar im Vorbeigehen den Duft des Desinfektionsmittels wahr, es riecht nach Herbst 21. Das ist sehr lange her.

Das Folgende können Sie ignorieren, wenn Sie mir auf Twitter ebenfalls folge, ich habe das dort auch schon gepostet. Eine kleine Begebenheit von gestern ist es nur.

Wir waren auf Sylt, mit der Bahn (der Zug war pünktlich). Wir sind mit dem Bus dann noch ganz in den Norden der Insel gefahren, nach List. Da war ich vor, was weiß ich, 27 Jahren oder so schon einmal, und ich wusste noch, ich fand es gut da. Das wollte ich noch einmal sehen. Wir gingen an den kleinen Strand neben dem Hafen.

Die Söhne sehen, wie vermutlich alle Teenager, permanent aufs Handy, wenn man nicht fortwährend interveniert. Die Söhne bekommen bei Ausflügen von Bahn- und Busfahrten nicht viel mit.

Wir saßen also in List am Meer. Es ging ein nur noch milder Wind, es war eine überaus angenehme Temperatur, während es im Rest des Landes heiß wurde. Es war ein sehr entspannter Tag, sehr friedlich, sehr weit weg von allem. Großartig war das.

Es war leer und schön dort. Ein rotweißer Leuchtturm in der Ferne, eine rotweiße Fähre, ein blaues Meer, weiße Möwen. Ein Sohn aber wirkte die ganze Zeit auffallend nachdenklich.

Schließlich fragte er, was ihm die ganze Zeit keine Ruhe ließ, den Kopf hat er sich zerbrochen, lange hat er darüber nachgedacht: „Papa. Ich weiß, wir sind Zug gefahren. Wie können wir jetzt auf einer Insel sein?“

***

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2 Kommentare

  1. Möglichkeitsklappen wurden in der BRD in den 90ern flächendeckend installiert, um irgendwelche störenden neuen Ideen unauffällig entsorgen zu können und hinterher zu sagen, das, was übrigblieb, sei „alternativlos“.

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