Dort klingen die Stimmen der Menschen matt

Ich lese Petri Tamminen, Verstecke, hier eine freundliche Rezension dazu. Das sind Texte, die fast Gedichte geworden wären, fast halbtraumartige Kolumnen über das wichtige Thema des Abtauchens, etwa auf einem Dachboden:

„Der Dachboden […] taugt immer als Versteck. Auf dem Dachboden herrscht die Wärme von verbranntem Orange. Auf dem Dachboden riecht es nach Sägemehl. Unten in der Wohnung spricht jemand, der Wind säuselt in den Bäumen, und die Wespen leben in den Ritzen des Gebälks. Auch im Drahtkäfig eines Mietshauses kann sich ein Dachbodenversteck befinden, durch entsprechende Einrichtung schafft man sich dort ein gemütliches Nest.

Jeder hat sich schon einmal klammheimlich vom Spektakel im Parterre verzogen und ist die Treppe zum Himmel emporgestiegen, in die Stille des Dachbodenverstecks. Dort klingen die Stimmen der Menschen matt. Dorthin dringt der Lärm der Welt gedämpft und wie aus einer anderen Zeit, aus einer, die man bereits überstanden hat. Dort kann man unter einem Webstuhl im Duft von alten Zeitschriften und verschossenen Tapeten liegen und lauschen, wie das Leben vorüberströmt. Man fühlt sich leicht wie in einem Bestattungsinstitut im Juli, wo der Besitzer ein Käsebrot verzehrt und die Sonne auf die Flanken der Särge scheint.“

Schönes Deutsch von Stefan Moster. Ein Sommerlochbuch, falls Sie eines brauchen, verstecken Sie sich ruhig einmal damit.

„Im Wald hält sich der Finne schon so lange versteckt, dass der Wald sich in ihm versteckt.“

Wieder in Hamburg gehe ich gleich beim öffentlichen Bücherschrank vorbei. Ich bringe die Briefe von Schwitters wieder weg, die ich dort neulich gefunden habe. „Sie können doch keinen Schwitters wegstellen!“, sagt der Mann neben mir, und ich sage doch, es müsse ja alles im Umlauf bleiben, so sei es am besten. Er nimmt den Schwitters, steckt ihn ein und sagt, der ginge jetzt aber mit nach Oldenburg. Ich sage: „Da gibt es sicher auch solche Schränke.“

Wir sehen beide die Bücher durch. Ich nehme einen David Foster Wallace mit, seinen Erstling, Der Besen im System. Da auch mal reinsehen. Dann lache ich, denn daneben steht ein Buch von mir. Der andere Mann fragt, warum ich lache, ich erkläre es ihm, ich sage: „Ich stehe neben Wallace, das ist so schlecht nicht.“ Dann erkläre ich ihm die Situation. Ich habe mich noch nie in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, ich finde das gut und freue mich.

„Worum geht es in ihrem Buch“, fragt der Mann. Ich sage Travemünde. Da fährt seine Tochter in Kürze hin, stellt sich heraus, da könnte er ihr doch glatt ein signiertes Buch schenken, fällt ihm ein, und ob ich nicht eben …

So habe ich nach jahrelanger Pause mal wieder ein Buch signiert, das war nett und ausgesprochen freundlich zur Wiederankunft in Hamburg. Um weitere zu signieren, müsste ich allerdings erst wieder eines schreiben, fürchte ich, das ist etwas viel Aufwand, wenn ich mich recht erinnere. Und worüber auch.

Dann werfe ich zuhause einen langen Blick in leere Schränke und Regale und kaufe so viel ein und hänge hinterher so unfassbar viel Wäsche auf, dass ich bald nicht mehr weiß, ob Stunden oder Tage vergangen sind. Das Leben ist eine lange, ruhige Wäscheleine. Ich hänge das letzte T-Shirt auf, da ist das erste vielleicht schon wieder trocken, denn sogar im Keller ist es sehr warm. Der Trockenkeller ist groß, niemand außer mir benutzt ihn. Einige Mieterinnen kennen ihn gar nicht, der Raum liegt versteckt und ist kryptisch irreführend beschriftet. Es sind nur Wäscheleinen darin. Wäscheleinen und Spinnweben und ein kleiner roter Klappstuhl, den ein Sohn einmal hierhin mitgenommen hat, um oben an die bunten Wäscheklammern auf den Leinen anzukommen, es wird mindestens zehn Jahre her sein. Ich kann die Stimmen der Passanten von hier unten hören, unklares Gemurmel, selten nur verstehe ich ein gerufenes Wort: „Post!“ Dann der Türsummer, ein Klacken, das Rumpeln einer Sackkarre, die gegen den Türrahmen stößt, ein Fluchen in einer anderen Sprache. Ich könne mich auf den allerdings sehr kleinen Klappstuhl unter die nasse Wäsche setzen, Waschmittelgeruch und Kellermuff um mich herum, sirrende Neonbeleuchtung über mir. Das Geräusch der Schritte von Menschen und Hunden vor dem Haus dringt durch den Lichtschacht, zwischen mir und dem Treppenhaus liegen immerhin drei Stahltüren – ich bin beim Verstecken gar nicht so unbegabt, glaube ich.

„Seine Verstecke findet man nie, sucht man sie erst im Moment der Not. Der Kluge hält unentwegt nach Verstecken Ausschau.“

Na, egal. Ich setze mich erst einmal wieder in meine zum Schreiben eingerichtete Abstellkammer.

***

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Ein Kommentar

  1. Wie wärs mit einem feinen Roman über die wechselhaften Zeiten des Lebens? Jeden Tag zwei Seiten und 2023 zur Frankfurter Buchmesse ist die Präsentation… Ein kleiner Stupser für neue Pläne aber ein Wunsch vor allem : weitere, schöne Sommertage in Hamburg.

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