Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, zum einen für die Zusendung von „Schwärmer und Schnaken“ von Harry Martinson, Deutsch von Klaus-Jürgen Liedtke. Reflexionen über die Natur, das passt gerade.

Zum anderen war es wieder so weit, dass wir die gesparten Trinkgelder in Urlaub umgesetzt haben, und damit dann auch wieder in Text. Von den zwei Wochen, die wir auf Eiderstedt waren, haben Sie freundlicherweise mehr als die Hälfte finanziert, dafür kann ich gar nicht genug danken. Es gab noch eine Summe mit dem Betreff „Zweisamkeit“, die haben wir auch dafür verwendet, denn mehr Zeit ohne Kinder als auf dem Hof (keine bezahlte Werbung) haben wir kaum jemals, die Kinder sind dort mit anderen Kindern beschäftigt. Ganz herzlichen Dank!

Vorderseite

Ich folge dem Vorsatz, über die Motive der Karten weniger nachzudenken, sondern das zu nehmen, was gerade da ist. In diesem Fall also ein Julibild aus dem Garten. Wir brauchen als Setting einen Schrebergarten, den sie sich bitte nicht zu ordentlich vorstellen dürfen, so viel Zeit haben wir nicht, und abweichend vom üblichen Bild solcher Gärten gibt es in diesem deutlich mehr alte Bäume, auch große, etwa den Weißdorn. Was in diesen heißen Zeiten wegen des Schattens selbstverständlich ein Segen ist, und genau das war sogar der Plan, als wir uns für diesen Garten entschieden haben. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Ein alter Apfelbaum, eher uralt schon, vor Jahrzehnten von den Pächtern vor uns gepflanzt. Seit vielen Jahren schon wurde er nicht mehr beschnitten, innen ist er längst hohl. Es ist ein Apfelbaumgreis mit ausgesprochen zauseliger Zweigfrisur, dennoch trägt er üppig. Gelbgrüne Äpfel, die in diesem Jahr besonders groß ausfallen. Eine rostrote Laterne hängt noch am Stamm, Kerzenreste darin. Ein Vogelhäuschen, ein Meisenball an den Ästen, den besucht gelegentlich auch der lebhaft interessierte Buntspecht. Unter dem Baum steht ein wackeliger Holztisch. Eher klein ist der, wenn man da sein Notebook daraufstellt, dann passt der Kaffee kaum noch daneben. Zwei ebenso wackelige Stühle davor. Man musss etwas bewusst sitzen, um die Stabilität zu wahren, aber das soll ja gut sein. Ein schöner Platz, etwa um eine Dankespostkarte zu schreiben.

Über dem Apfelbaum ragt die Weide auf, deren Laub heute etwas traurig hängt. Der Boden ist in der Tiefe zu trocken, viel zu trocken, und die Sonne brennt zu heiß. Oben in der Weide, himmelwärts oben, raschelt schon wieder aufkommender Wind in den Blättern und auf dem Handy ploppen die ersten Unwetterwarnungen auf, es kommt ein Gewitter, aber das hat noch ein paar Stunden Zeit.

Links im Bild noch eine Hortensie, die weißen Ballen der Blüten.

Aus den Apfelbündeln in den Zweigen löst sich einer und fällt in das Gras, das hitzebedingt schon etwas länger nicht mehr gemäht wurde. Der Apfel fällt weich, es gibt ein tiefes, seltsam zufriedenstellendes Geräusch, das so klingt, als sei der Apfel sehr saftig, das so klingt, als sei das Gras ein überaus angenehmes Polster.

Ein Apfel im hohen Gras, sonnenbeschienen, ein einfaches Bild. Tiefe gewinnt es erst durch die Fülle der Möglichkeiten, die sich daraus ergibt, denn was macht man, wenn da so ein Apfel neben einen fällt, im Garten, im Juli?

Ich könnte hier einfach sitzenbleiben. Ich sitze wackelig auf diesem ollen Stuhl, ich sitze so, wie alles gerade ist, sogar die Weltlage, das passt schon. Alles immer weiter ausbalancieren. Ich sitze hier vielleicht einfach, bis ein weiterer Apfel fällt. Das ist ein vollkommen unbestimmter Zeitraum, der nächste Apfel fällt jetzt gleich oder morgen erst, ich weiß es nicht, es ist unvorhersehbar. Es würde die Zeit aber schön dehnen, unter diesem Baum auf den zweiten Apfel zu warten, es ist eine ausgesprochen vielversprechende Vorstellung. Ich habe Urlaub, das passt doch. Und dann auch darauf achten, ob der folgende Apfel im weichen Gras den ersten Apfel touchiert, sehr gemächliches Baum-Boule wäre das.

Ich könnte mich nach dem Apfel bücken, ich müsste nicht einmal aufstehen dafür. Ich könnte ihn nehmen und hineinbeißen und schmecken, wie weit der Sommer ist. Apfel, Apfel, wie weit ist der Sommer. Und ist er mir nicht weit genug, dann werfe ich den angebissenen Apfel in den Kompost, auch dafür müsste ich nicht erst aufstehen. Das geht über die Schulter und befriedigt sicher ungemein, wenn tatsächlich getroffen wird.

Ich könnte den Apfel dort liegenlassen. Etwa bis die Wespen kommen, die Würmer, die Asseln, die Schnecken, das ganze Gewimmel.

Ich könnte auch auf die Dämmerung warten und bis größere Gäste erscheinen, der rasselnd atmende Igel etwa, die huschenden Mäuse, das vermutlich eher desinteressierte Eichhörnchen, die alles probierenden Rabenkrähen, die hyperaktiven Jungelstern.

Ich könnte ein apfelorientiertes Gespräch mit der Herzdame beginnen, die unweit von mir sitzt und seit zwanzig Minuten schon Entsafter googelt, weil sie wesentlich pragmatischer auf Fallobst reagiert als ich.

Oder nichts davon. Ich könnte mir immer weiter Notizen machen, auf Papier, weil die Sonne auf dem Bildschirm zu sehr blendet, und die I-Punkte fallen auf das Blatt wie die Äpfel ins Gras.

Ein Kohlweißling taumelt durch das Bild, zwei Pfauenaugen hinterher. Von irgendwoher kommen Arbeitsgeräusche, weil in Schrebergärten immer jemand etwas macht, das gehört hier so. Es wird gehämmert, dann stoßen Latten aneinander. Es sind gute Geräusche, kein nervtötendener Motorenlärm.

Der Apfel liegt im Gras, ich sitze am Tisch. Zeit vergeht. Mehr muss es manchmal nicht sein.

***

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Ein Kommentar

  1. Zeit vergeht. Wenn man sie mit der Lektüre ihrer Texte verbringt, war es eine schöne und fröhliche Zeit …

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