Was der Fall ist

Der phänologische Kalender: Beim Bäcker gibt es jetzt Pflaumenschnecken und die Herzdame bringt vom Obst- und Gemüsehändler die ersten Pflaumen mit, die zwar groß und prächtig, allerdings noch kieselhart sind. Auf einigen Wegen im Stadtteil liegen die von Bäumen gefallenen Mirabellen, leuchtend gelb in der Nachmittagssonne, schnell zertreten und wespenumschwirrt.

In unserem Garten haben wir keine Pflaumen, der zuständige Baum war im Frühling von irgendwas Krabbelndem befallen worden und konnte danach nichts mehr produzieren.

Irgendein Befall. Das erinnert mich daran, dass die Söhne immer „Entfall“ sagen, wenn in der Schule etwas nicht stattfindet, das irritiert mich manchmal. Sie kommen früher nach Hause, murmeln nur dieses eine erklärende Wort, „Entfall“, und verschwinden dann in ihren Zimmern. Das Wort wurde in meiner Schulzeit nicht verwendet, wenn ich mich richtig erinnere. Es gibt heute Entfall, wenn das Lehrpersonal etwa Virenbefall hat, das ist dann ein aus Schülersicht oft willkommener Zufall und natürlich auch ein Ausfall. Wenn die Söhne dann aber freudig durch den Schulflur hüpfen und zu ungewohnter ´Stunde nach Hause eilen, sind sie damit kein Auffall, das Wort gibt es gar nicht.

Guck mal, ein Auffall! Das Wort sollte es vielleicht geben? Ein Wasserfall etwa ist ein Auffall in der Flusslandschaft. Pardon, ich schweife ab.

In den Foodblogs jedenfalls die saisonalen Gazpacho-Rezepte, etliche Varianten von kalten Suppen, immer mit dem Zusatz „für heiße Tage“, das ist so Pflicht.

Was noch? Die Stadt ist voll, zumindest in den als attraktiv geltenden Stadtteilen. Alle ringsum haben Ferien und kommen her, in die große Stadt, während die Einheimischen zu einem erheblichen Teil weg sind, in den kleinen Dörfern. Es ist eine Art Ringtausch. Dem Straßenbild nach sind jetzt allerdings mehr Personen als vorher in der Stadt, es ist überall voll, auch in den Läden in der Innenstadt, und im Hauptbahnhof gehe ich durch ein Gedränge wie in einem Ameisenhaufen. Ameisen mit Koffern und Rucksäcken und Stadtplan-Apps auf dem Handy.

Ein Mann mit Alkoholproblem taumelt über die Einkaufsstraße im kleinen Bahnhofsviertel, er rempelt sich unabsichtlich von Grüppchen zu Grüppchen, überall stehen Menschen in seinem kurvenreichen Weg, er sagt entschuldigend: „Das geht nicht gut zusammen, so betrunken und dann Touristen überall, das geht einfach nicht zusammen.“ Und er macht scheuchende Gesten mit den Händen, um die drei Männer aus dem Weg zu wedeln, die gerade in ganzer Gehwegbreite vor dem Geburtshaus von Hans Albers stehen und angemessen andächtig an der Fassade hochsehen.

Ein alter Flaschensammler beugt sich über einen Mülleimer und angelt mit langem Arm nach den Pfandflaschen darin, die er in eine Plastiktüte stopft. Die ist bedruckt mit der Werbung eines Finanzmagazins, er trägt die leeren Flaschen in einer Tüte, auf der groß „Entscheidungsträger“ steht.

Ich kaufe Blumen für die Herzdame. Die Frau im Blumenladen ist allein, alle anderen sind krank, sie ist ziemlich aufgelöst. Eine Person reicht hier nicht und sie murmelt fortwährend, während sie hektisch herumläuft: „Das geht doch so nicht, das geht doch so nicht.“ Es geht dann aber doch irgendwie.

Die Herzdame hat einen Arzttermin, der findet nicht statt, in der Praxis sind alle krank. Im Discounter wird nach einer weiteren Kasse gefragt. Eine weitere Kasse kann es heute aber nicht geben, und man ahnt den Grund.

Gesund sind sie alle nicht, gesund ist das alles nicht.

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Ein Kommentar

  1. Hallo, ich habe heute Ihren Blog in meinem Blog zitiert, ich hoffe, das durfte ich. Ich lese gerne hier, gibt mir viele Anregungen. Danke, weiter alles Gute, Roswitha

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