Wo die Bonbons fliegen

Im Garten liegt Laub auf der Terrasse und auf dem Rasen, knochentrockenes, mürbes Laub, sommergedörrt. Kartoffelchipsgeräusche beim Drauftreten, das ist die Dürre, das ist die Hitze. Es ist so viel Laub, und es fällt so schnell, dass es ein falsches Bild ergibt, so hat ein Garten, so hat Natur Anfang August nicht auszusehen. Dies ist doch keine Zeit, um Laub zu harken. Restinstinkte, die uns warnen, wenn in der Natur etwas von der Norm und der Erfahrung abweicht. Man steht und denkt, nein, fühlt eher: Hier stimmt etwas aber gewaltig nicht.

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Im kleinen Bahnhofsviertel sind mehr und mehr Regenbögen zu sehen, allerdings nicht in der Natur, sondern in Schaufenstern und auf Aufklebern, Fahnen und Wimpeln, am Wochenende ist hier der CSD. Man bereitet sich vor, es ist ein Groß-Event. Ein Kind fragt seine Mutter an der Ampel: „Ist der CSD das, wo die Bonbons fliegen?“ Die Mutter nickt und lacht. Bei der großen Parade werden Bonbons von den Wagen geworfen wie in Köln beim Karneval, für die Kinder im Stadtteil ist das ein Highlight. Das war bei den Söhnen damals auch so und kann als Symbolsatz für das Aufwachsen in einem eher liberalen Stadtteil verstanden werden: Der CSD ist das, wo die Bonbons fliegen. Es war für die Vorkämpferinnen ein weiter Weg bis dahin. Aber das wissen die Kinder nicht.

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Ich fahre wegen der hitzewellenbedingten Glühzustände im Dachgeschoss-Home-Office trotz der Pandemie doch einmal ins nennenswert kühlere Büro, dabei nutze ich das kriegsbedingte 9-Euro-Ticket. So finden die Krisen im Alltag zusammen, es passt alles in einen Satz.

Ich kaufe beim Bäcker an der S-Bahnstation ein Franzbrötchen, es kostet 1,70. Ich erinnere mich noch an 1,10. Es ist nicht allzu lange her, es war im Grunde doch neulich erst. War es kurz vor der Pandemie? Aber wer weiß schon noch, wie es da genau war.

Später noch einmal in den Garten. Leere Fußwege. Die Menschen drücken sich im Schatten herum, rote Gesichter, sichtbare Kurzatmigkeit, langsame Bewegungen. Vor einem Imbiss stellt jemand einem kleinen Hund einen Teller Wasser hin, der trinkt nicht, der legt sich rein.

Ich halte die Füße in die Bille, sie ist mediterran warm. Ein Gewitter zieht heran. Wind kommt auf, das Sonnensegel vor der Laube bläht sich wie ein Spinnaker, die Backbord-Tomaten schaukeln an den Stauden, darüber Blitze und fernes Donnergrollen. Es regnet kurz, gerade nur bis zu dem Moment, in dem man denkt, okay, heute müssen wir nicht gießen. Und keine Sekunde länger.

Zurück in die Wohnung, die nicht abgekühlt ist, das dauert. Tropennächte bei Buddenbohms und die innere Herbstreife.

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Ein Kommentar

  1. Ich schick‘ was von der hiesigen Nachtkühle und ein paar Fässer Niederschlag von „zwischen der Hitze“ rauf in den Norden, okay?

    Die Eschen hatten Recht mit ihrem extrem späten Laub in diesem Jahr – hier jedenfalls deutlich mehr Regen. Obzwar mich deucht, noch immer nicht genug …

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