Mit Temperaturen per Du

Mir fällt auf, dass viele Leute um mich herum mit allen möglichen Temperaturen per Du sind, dass sie also genau wissen, wie sie sich etwa bei 17 oder bei 22 Grad fühlen, was da geht und was da nicht geht und wie das ist. Vielleicht habe nur ich wieder nicht aufgepasst, es ist ohnehin das prägende Gefühl meines Lebens, wie ich nach ein paar Jahrzehnten mit Fug und Recht feststellen kann, aber ich bin aus dem Stand nicht so temperaturfirm und weiß gar nicht gradgenau, welche Innenraumtemperatur die beste für mich ist, die angenehmste, die gerade eben noch erträgliche Variante – keine Ahnung. Ich müsste raten oder experimentieren. In Spanien wurde beschlossen, so lese ich, die Büros im Winter nicht mehr über 19 Grad zu heizen und im Sommer nicht unter 27 Grad zu kühlen. Ich weiß nicht auswendig, wie ich 19 Grad im Innenraum finde, ob mir da kalt ist. Wieso wissen das alle, haben die immer ein Thermometer dabei und checken das dauernd?

Wenn ich draußen kein Sakko mehr tragen kann, ist es zu heiß, das ist einfach, aber bei wieviel Grad ist das eigentlich? Sakkos sind sehr praktisch und ersetzen die Handtasche, ich möchte bitte immer Sakkos tragen können, auch in Innenräumen.

Bei einstelligen Temperaturen ist es mir morgens in der Laube zu kalt. Aber ist im Umkehrschluss genau ab 10 Grad alles okay? Keine Ahnung.

Im Moment sind hier am Schreibtisch, das ist simpel und jede Versuchsreihe beginnt eben irgendwo, 28 Grad. Das ist mir tendenziell zu viel. Draußen sind dagegen gerade graue 16 Grad, das kommt mir wunderschön vor, draußen kann man atmen. Da wird es einen gewissen Innenraumtemperaturbias geben. Sind 16 Grad in anderen Monaten auch schön? Okay, ich taste mich da jetzt ran. Aber die Freunde der Realität sind wieder weiter als ich, es ist immer das Gleiche.

Egal. Jetzt Thermounterwäsche bestellen, immer antizyklisch denken.

Beim Hamburger CSD, der vor unserer Haustür startet, sind etwa 250.000 Menschen, melden die Medien. Die Gäste sind durchweg bestens gelaunt und die Parade ist größer als je zuvor, eine wogende, tanzende Menge. Wie immer sind etliche TeilnehmerInnen extravagant kostümiert, und da nur noch einige pandemiebedingt FFP2-maskiert sind, wirkt es bei diesen Wenigen so, als sei die uns so vertraut gewordene Maske plötzlich Zubehör eines besonders abgefahrenen Kostüms.

Man kann davon einfach so erzählen, ohne sich zu empören, ohne nach einem Satz in Wut zu geraten, ohne zu giften und zu geifern. Ich kann es vollständig Ihnen oder Euch überlassen, wie das gefunden wird, wie da das moralische Urteil ausfällt, ob die also alle ohne Maske durften, ob das vollkommen falsch war oder doch irgendwie verständlich und menschlich, ob unsagbar dumm oder eher nur gewöhnlich, es ist mir im Grunde auch egal. Ich schreibe das nur auf und habe das seltsame Gefühl, dass dies allmählich zu einer seltenen Kunst wird: Schreiben ohne Wut. Es ist recht entspannend, finde ich.

Aus medizinischer Sicht, um eine weitere neutrale Überlegung anzuschließen, könnte man es allerdings spannend finden, ob es nach mehreren Paradenstunden unter blauem Himmel mehr Infektionen oder mehr Sonnenbrände gab.

Eine ältere Touristin spricht mich vor dem Hauptbahnhof an, sie wirkt etwas verzweifelt und hektisch, sie ist gerade angekommen und will runter zur Alster. Wie sie da denn bloß hinkommen könne? Ich zeige ihr die Richtung. „Aber!“, sagt sie und zeigt jetzt auch, und zwar auf die CSD-Parade, die dummerweise in ganzer Länge zwischen ihr und der Alster liegt. „Da kann man doch nicht durch!“ Sie sagt es sehr laut, denn die Musik brüllt.

„Doch“, sage ich, „ich bin da auch gerade durch. Mehrfach. Einfach durchgehen. Wie durch andere Menschenmengen auch.“ „Meinen Sie?“, fragt sie und guckt zweifelnd und überlegt vermutlich noch einmal, wie lang ein Umweg sein müsste, um an dieser unfassbar riesigen Veranstaltung vorbeizukommen. Der müsste allerdings verdammt lang sein, es kann keinen anderen Schluss geben, die Schlange der Parade dehnt sich links und rechts von uns endlos aus.

Dann fasst sie Mut und ihren Rollkoffer und zieht los, mitten in die tanzende, johlende Menge hinein. „I wanna be daylight in your eyes“, singen die gerade, “I wanna be sunlight only warmer.”

Auch so eine Textzeile, die man heute nicht mehr schreiben würde. Es klingt mittlerweile wie eine Bedrohung, sunlight only warmer. 21 Jahre ist der Song alt.

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7 Kommentare

  1. These: Eine gute Veranstaltung auf der Straße ist eine, durch die man einfach durchgehen kann. Ich denke mit Schmerzen an die Karwochenprozessionen in Andalusien (viele Männer mit weißen Umhängen und weißen spitzen Kapuzen tragen Heiligenfiguren), durch die man keineswegs einfach durchgehen konnte, weswegen mehrfach viele Kilometer Umweg nötig waren.

  2. In Bayern fiel uns heuer auf, das im Wetterbericht von „im Tagesverlauf freundlich“ gesprochen wurde und wir fragten uns, ob das nicht auch einer Veränderung bedürfe – wenn es das Gegenteil von „regnerisch“ bedeuten soll…

  3. In meinem Wohnzimmer steht ein Thermometer im Regal, deshalb weiß ich das mit den Wohlfühltemperaturen. 19°C wird es bei mir in einem durchschnittlichen Winter, wenn ich nachts die Heizung auf 2 runterdrehe. Das ist erträglich, aber nicht gemütlich (gemütlich sind für mich 23°C). Längere Schreibtischsitzungen bei 19°C würden hier definitiv Heizkissen im Rücken und Wärmflasche an den Füßen erforden. Aber gut, ich bin auch eine Frostbeule.

  4. In München bin ich mal an der Blade Night gescheitert, da hätte man selbst Blades gebraucht, um im richtigen Tempo zur anderen Seite zu driften

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