Am und auf dem Fluss

Man muss die Flüsse nutzen, solange man sie hat. Ich war in der letzten Woche mehrmals an und auf der Bille, die die Insel mit dem Schrebergarten umfließt. Wasservögel sind auf dem Fluss und darin, und wenn man nur so dahertreibt, auf einem SUP-Board sitzend oder wie auch immer, sieht man die Schönheit ihrer Bewegungen besonders gut und aus der Nähe. Haubentaucher, Blässhühner, Schwäne, Möwen, Kormorane. Eine schwarzweiße Entenart, die ich nicht bestimmen kann, die ich auch später im Internet nicht finde, keines der Bilder passt. Sagen wir einfach, es waren Billlenten, eine größere Familie davon.

Am unbewohnten Uferstreifen, wo die Rückseiten der Hammerbrooker Industrie fabrikhässlich am Fluss aufragen, tummeln sich kaninchengroße Ratten. Eine guckt zu uns herüber und hat dabei eine Haltung wie ein possierliches Erdmännchen. Unter den großen Weiden der Schatten auf dem Wasser. Wie wohltuend das ist, an einem Tag mit sengender Sonne in den Schatten zu treiben, zwischen die hängenden Zweige. Die paar Grad weniger, raus aus dem Brand, rettend fühlt sich das an.

Wir picknicken dort im Kajak. Ein Schwan guckt uns skeptisch zu, was machen die jetzt da. Essen Zeug, das nicht aus dem Wasser kommt, das findet er allerdings befremdlich, wenn nicht sogar abstoßend, er zischt verächtlich und dreht ab. Zum Schwan gehört die indignierte Empörung.

Ab und zu auch nach oben sehen, ins wild anmutende Dickicht der Uferböschung, ob da nicht vielleicht der Eisvogel, das bunte Geschoss … heute aber nicht.

Am Ufer mit den Schrebergärten sitzen Menschen und gucken. Einige winken lässig, einige gucken nur, was da heute wieder alles im Fluss vorbeitreibt, altes Holz, Seerosen, ein Küchensieb aus Plastik, die Buddenbohms. Einer der Anwohner zieht sich aus, springt ins Wasser, taucht grinsend auf und hat ein großes Seerosenblatt auf dem Kopf. Flüchtige Erinnerung an eine Kinderbuchillustration von ganz damals, was war das noch.

Leise ist es auf dem Fluss, wunderbar leise. Und langsam, so ungewohnt langsam. Die Gärten und Häuser ziehen gemächlich vorbei, die Menschen am Ufer bewegen sich in Zeitlupe in der Nachmittagssonne, und mancher, der da vielleicht sportlich schwimmen wollte, ruht dann doch nur im Wasser, es reicht heute auch. Es ist ein Dümpelfreitag, so fühlt sich alles an, da macht man toter Mann und treibt ins Wochenende.

Unter Brücken durch, die von unten viel größer wirken, als wenn man mit dem Auto drüberfährt. Unter Brücken durch, wo jemand unverständliches Graffiti an den Beton gesprüht hat. So ein Aufwand, da etwas von einem Boot aus an den Bogen zu sprühen, und dann kann man es nicht einmal deuten. Angler am Ufer, Hunde hinter Zäunen, frisch gestrichene Hausboote, daneben Schiffsruinen, halb gesunken. Ein verrotteter Steg, vom Gestrüpp umschlungen, Betreten auf eigene Gefahr.

Der Sohn, der auf seinem SUP-Board ist, unter dem Board, daneben, dahinter, davor, Spritzwasser und Johlen, dann wildes Paddeln, er hängt uns ab, lässt sich wieder ins Wasser fallen, wartet auf uns. Er will Spaß, er will etwas essen, er will etwas trinken, er will weiter, er will ganz um die Insel. Ich möchte hier nur sitzen und sachte schaukeln und treiben und gucken. Altersgerechte Wunschverteilungen.

Am Abend gehe ich mit der Herzdame noch einmal ans Ufer, auf der Hammer Seite. Da gibt es ein kleines Konzert, Dirk Darmstädter spielt vor einem Catering-Wagen. Als wir ankommen ist das Konzert schon fast zu Ende, er singt gerade die Zeile „I’m so tired of the digital nomads.“ Entspannte Menschen sitzen vor ihm im Gras, lachen und klatschen. Die Sonne geht unter. Der Fluss weitet sich hier und glitzert in der Breite, weiter hinten kann man die Stadt sehen, die bekannteren Teile davon, die geschäftigen Teile und die aus den Reiseführern. Hier aber ist es nicht geschäftig, hier ist es sonnenuntergangsruhig und friedlich, sehr friedlich. Leise Gespräche nach dem Konzert auf der kleinen Wiese, ab und zu das Geräusch, wenn jemand zum Baden ins Wasser springt, das Spritzen. Das sind die Ortskundigen, die wissen wie und wo. Auf den Booten am Ufer sitzen Menschen, trinken und reden. Für einen Moment ist alles tiefgolden, die Stadt, der Fluss, die Menschen. Nur die Rückseite des großen Gebäudes weiter hinten am anderen Ufer nicht, die steht dunkel und mahnt, zumindest diejenigen, die das Gebäude erkennen.

Die Stadt ist friedlich und entspannt in diesem Moment und an dieser Stelle, gleich neben dem Grauen von damals. Es liegt ein allgemeines Wohlwollen in der Luft, eine angenehme Lässigkeit, ein mildes Sommerabendgefühl und es ist kurz schön, wirklich schön. Das braucht man ab und zu, wie soll man sonst alles schaffen.

Eine Frau steigt aus dem Wasser und trocknet sich ab, sie zittert vor Kälte. „Aber herrlich“, sagt sie, „aber herrlich!“

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