Sonntagmorgen

Draußen picken die Ringeltauben im ersten Licht des Tages die Holunderbeeren im großen Busch auf und machen lange, lange Hälse dabei, akrobatische Verrenkungen und unfreiwillige Slapstickeinlagen. Allzu geschickt sind sie nicht, aber doch sehr hungrig. Wie lange dieser Busch für die Vögel etwas hergibt, schon seit Wochen picken sie dort am Beerenbuffet, immer noch ist etwas zu finden.

Und mit welcher Ruhe am Morgen die Krähen, die Stadttauben, die Spatzen und die Eichhörnchen durch den Spielplatzsand patrouillieren und lautlos Krümel konsumieren, wie ungeheuer entspannt das aussieht, ohne diese lästigen, immer lärmenden Menschen mit ihren quirligen Jungen überall. Wie gut, dass die meisten Menschen so lange schlafen.

Eine müde wirkende Biene fliegt halbherzig die Staudenreste in den Blumentöpfen auf unserem Balkon an, schon ahnend, dass da eh nichts mehr zu holen sein wird, was sich auch so bestätigt. Sie hebt nach oben ins ungewisse Blaugrau ab, lässt die welken Stängel hinter sich und ist weg. Eine Meise landet auf dem Balkongeländer und sieht in aller Dezenz kurz dahin, wo im Winter immer die Meisenbälle hängen. Dann sieht sie zu mir, dann wieder zum leeren Drahtkörbchen für die Bälle: Just a friendly reminder. Ich nicke, ich mache Zusagen.

Die Eiche unten auf dem Platz hat jetzt auch einen Stich ins Gelbliche, wie die Birke ihn schon seit Tagen hat, es ist nicht mehr zu übersehen, es gilbt. Das Kirchendach, noch nassglänzend von der Nacht, ist an diesem Morgen grüner und frischer als die Bäume.

Oben die Möwen, Enten, Gänse, Kormorane. Die fliegen so, als sei das alles abgesprochen. Erst die eine Art mit zwei, drei Vertretern schräg durch den Himmel, dann eine kurze Pause, dann der nächste Trupp. Die einen von links, die anderen von rechts, wie choreographiert sich das zurecht. Diagonalen über den Himmel zum Kirchturm hin, einmal Richtung Elbe, einmal Richtung Alster, und ich stehe auf dem Balkon und sehe mir das so lange an, bis die Zeiger über die römischen Ziffern der Kirchturmuhr merklich vorgerückt sind, bis die ersten Reisenden durch den Morgendunst zum Bahnhof rollkoffern, bis die ersten vor Müdigkeit noch frierenden Menschen irgendwo zum Dienst eilen, vermutlich in einem der Hotels in der Nähe, bis die ersten Hunde lustlose Besitzerinnen um den Block zerren, bis die ersten Taxis in wie immer stark überhöhter Geschwindigkeit durch die Zone 30 brettern, bis in den Häusern gegenüber die Lichter angehen und die Menschen anfangen, diese Menschensachen zu machen, was weiß ich, bis sie bloggen oder Brötchen holen oder so.

Guten Morgen.

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3 Kommentare

  1. Für alle, die wie ich nachschlagen mussten (Quelle: http://www.wortbedeutung.info)
    Dezenz (Deutsch)
    Wortart: Substantiv, (weiblich)
    Bedeutung/Definition
    1) bildungssprachlich: die Eigenschaft, taktvoll und zurückhaltend zu sein
    2) bildungssprachlich: die Eigenschaft, nicht aufdringlich oder auffällig zu sein
    Worthäufigkeit: sehr selten
    Das Wort kommt in den letzten Jahren sehr selten in deutschsprachigen Texten vor.

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