Wenn ich es doch nicht weiß

Es ist früh. Am Straßenrand räkeln sich die Obdachlosen noch stöhnend und fluchend, fröstelnd und grummelnd in ihren Schlafsäcken oder unter ihren Kartons. In Hamburg gibt es, so ging es gerade durch die Medien, an die 19.000 Obdachlose. Es ist die Hauptstadt der Obdachlosigkeit, so hieß es da. 15 von den Tausenden sehe ich bei der Morgenrunde und auf dem Weg nach Hammerbrook, in Hauseingängen, auf Kirchentreppen, in Durchgängen, unter Brücken, vor dem Bahnhof.

Ein indisches Restaurant hat den Preis für das „All-You-Can -Eat“-Buffet überklebt und einen höheren daruntergeschrieben. Ein weiteres Restaurant hat neue Aufkleber mit Öffnungszeiten angebracht, sie sind jetzt kürzer als früher, also als damals im August. An einer Bäckerei wird ein Tag angekündigt, an dem der Laden geschlossen sein wird, man fährt zu einer Demonstration gegen die Energiepreise, bzw. für Entlastungen, gemeinsam mit anderen Bäckereien.

Am Straßenrand liegt Weihnachtsdeko: „Zu verschenken“, Tannengrüngirlanden aus Plastik und große Christbaumkugeln. Vielleicht hat jemand schon die Bestände im Keller oder auf dem Dachboden gesichtet, für den Dezember etwas Neues geplant und aussortiert. Viele Menschen denken weiter voraus als ich.

Vor dem Dönerimbiss parkt ein Polizeiwagen, aber der Imbiss ist noch zu und der Polizeiwagen ist leer, kein Mensch ist zu sehen. Eine unvollendete Szene, es geht nicht weiter, nur zwei Zeilen einer Geschichte. Auch schlimm.

Aus einer Bäckerei, die gerade erst öffnet, kommt ein backofenwarmer Schwall zimthaltiger Luft. Vor dem Geschäft richtet ein Bettler gerade eine hölzerne Kiste, auf der wird er gleich sitzen, seine lederne Kappe abnehmen und vor sich legen, auf Münzen hoffend, das macht er jeden Morgen so. Eine junge Frau betritt die Bäckerei, sieht in die Auslage, auf den Kuchen, auf die Brötchen und das Brot, sie sagt: „So viel Auswahl“ Sie schüttelt den Kopf. Dann wiederholt sie: „Nein, so viel Auswahl!“ Und hebt abwehrend die Hände und geht wieder. Einfach mal aufgeben, warum auch nicht. Ich verstehe das.

Vor der Kirche die Kreuzigungsgruppe unter freiem Himmel, dunkle Bronzefiguren auf helleren Steinstelen vor grauen Wolken. Jesus und die anderen beiden, wie hießen sie noch. Die trauernde Maria. Vor diesem Kunstwerk steht eine Bank, vor der liegt ein leerer Pizzakarton. Hier hat jemand ein Nachtmahl unter den Augen des Gekreuzigten zu sich genommen, Pizza Dolorosa. Eine strahlend weiße Möwe landet und wird sich die Reste im Karton gleich einmal näher ansehen, sobald ich ein paar Schritte weiter gegangen bin.

Vor dem Sushi-Lieferdienst „Rollmops“ liegt eine tote Ratte mitten auf dem Gehweg, eine erste Wespe seziert gerade ihre Nase.

Neben einigen Straßenbäumen stehen noch Stockrosen stramm oder bemühen sich hinsinkend immerhin noch um Haltung, aber die Blütenfarben sind schon deutlich geschwächt und die Blätter hellen gelb auf. Der Lack ist ab und die Haltung wird nicht mehr lange gewahrt werden können.

In einem Kiosk im Bahnhof sagt eine Mutter zu ihrem kleinen Sohn, der vor den Kinderzeitschriften steht: „Ich möchte, dass du dich JETZT entscheidest.“ Zwei Koffer hat sie neben sich stehen, Ungeduld hat sie in der Ausstrahlung. Der Sohn sagt ruhig: „Mama. Wenn ich es doch nicht weiß.“

Draußen vorm Bahnhof sitzt eine Bettlerin auf dem Boden. Sie reißt eine Scheibe Brot in Stücke und füttert heraneilende Tauben mit den Krümeln. Es ist eine ältere Frau und sie ist so gekleidet, wie es eine russische Großmutter in einem meiner illustrierten Kinderbücher damals war, irgendeine Geschichte mit Wölfen und Ziegen. Sie wirft das Brot und lacht zahnlos, sie freut sich über die eifrig pickenden Vögel. Passanten gehen mit strengem Kopfschütteln vorbei und in den Bahnhof hinein.

Vor einem Hotel stehen Geschäftsreisende, ein Grüppchen von Männern in Anzügen. Sie rauchen so, wie Verdurstende Wasser trinken und reden in einer skandinavischen Sprache leise miteinander, heiseres Lachen. Sie inhalieren tief, damit es wieder eine Weile reicht, zumindest bis zum Frühstück. Noch einmal dieses Lachen, dann ziehen sie wieder an den Zigaretten und sehen nach oben, ihrem Rauch hinterher, der sich wolkig nach oben hebt, dorthin, wo eine Möwe fliegt, die vielleicht ein Stück Pizza im Schnabel hat.

Guten Morgen.

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2 Kommentare

  1. Gestern, linker Niederrhein: An der Autobahnraststätte wächst ein Feigenbaum, hängt voller Früchte, die ausgesprochen lecker sind. Zu seinen Füßen hat jemand einen Karton voller grüner Christbaumkugeln ausgewildert. Ich nehm‘ mir eine mit.

  2. 2016 noch war es dem „Hamburger Abendblatt“ eine Meldung wert, das sie Zahl der Wohnungslosen sich mit inzwischen 2.000 Personen nahezu verdoppelt habe.

    Aktuell sind es 19.000 Menschen, das entspricht nahezu einer Verzehnfachung bis heute.

    Was ist denn da los?

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