Und sonst so

Gesehen: Diesen Mitschnitt des Konzerts von The Doors auf der Isle of Wight, 1970, auf arte. Der letzte Konzertmitschnitt der Doors. Hypnotisch. Was für eine unfassbar gute Band das war, eine Stunde, die sich lohnt.

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Ich sortiere Bücher aus. Der Platz ist begrenzt und der öffentliche Bücherschrank hier im kleinen Bahnhofsviertel hat einen schnellen Umschlag, da also auch einmal etwas einstellen. Bücher, die ich teils schon mehrfach gelesen habe, die ich aber sicher nicht noch einmal lesen werde, oder falls doch, dann viel später und in besseren Ausgaben, gebunden bitte, mit Lesebändchen und allem, nobel geht die Welt zugrunde. Alles nach und nach wegtragen, das ergibt auch gute Gründe für abendliche Spaziergänge durchs Revier, man trickst so herum. Ich sehe in die Bücher noch einmal kurz hinein, bevor ich sie wegbringe, ich lese mich einen Moment fest. Kurzgeschichten von Simenon, wie unfassbar viel in seinen Texten gesoffen wurde. Ein Nachmittag im Büro, Maigret lässt sich drei Flaschen Bier bringen, um einen Bericht zu schreiben, danach zu Hause noch der Wein. Es ist doch bemerkenswert, wie die Welt sich verändert hat, auch in diesem Punkt. Ich habe eine andere Alkohol-Normalität im Berufsumfeld noch ein paar Jahre lang erlebt und es ist kulturgeschichtlich interessant, was da passiert ist. Freitagmittag, es fällt mir gerade ein, weil heute auch Freitag ist, ab der Mittagszeit das Knallen der Korken aus den Büros, und dazu die fast allgemeine, tief empfundene Freude, endlich wieder den Pegel deutlich zu erhöhen. Seltsam, seltsam, aus heutiger Sicht. Aber gut, es ist über dreißig Jahre her. Wir haben uns verändert, wir haben alles verändert.

Das nächste Buch, Somerset Maugham, die Geheimdienstgeschichten um den Spion Ashenden. Jedes Gespräch beginnt mit Drinks und einer, der gerade „die Abstinenzlertour fährt“, wird entschieden davon abgebracht, natürlich mit Brandy. Und dann ist er gottseidank wieder normal und die Handlung geht routinemäßig weiter.

Ich lese außerdem abends weiter in Maeve Brennan, Mr. und Mrs. Derdon, ich bin mittlerweile etwa bei der Hälfte und sicher, dass es ein feines Buch ist. Eine fast furchterregend treffende Schilderung von dem, was zwischen zwei Menschen nicht stimmen kann. Grausig gut.

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Ich habe mich auf der neuen und erst noch fertig werdenden Plattform „Post“ registriert und dort aus Neugier einen Account angelegt. Alles mal ansehen. Aber es ist wohl so, Social Media definiert sich im Moment hauptsächlich wie folgt: „Wir diskutieren in welchem technischen Format auch immer über Twitter.“

Es ist auf Dauer etwas langweilig, ist es nicht? Vielleicht für die Chronik noch eben festgehalten – Twitter ist mittlerweile für mich nahezu komplett uninteressant geworden, es gibt dort keine Interaktion mehr oder nur im geringen Bereich, noch deutlich unterhalb von FB. Und ja, es gibt auf Twitter immer noch enorm viele aus der Journalismus-Bubble, aber ich glaube, ich lasse den hyperaktualisierten News-Junkie gerade hinter mir, was als bewusste und rational untermauerte Entscheidung vielleicht ganz toll wäre, in Wahrheit aber ist es nur Lust und Laune. Jahre später werde ich es in Rückblicken dennoch als tiefere Weisheit verkaufen, versteht sich.

Mastodon ist weiterhin im Ton freundlich, einigen sogar zu freundlich, auf diese Liegeradfahrer-nerdige Art manchmal, aber das ist ein Problem, mit dem man umgehen kann, finde ich. Was für mich wichtiger ist, es wird dort reagiert, fast wie in den alten Zeiten sogar, als wir den ganzen Social-Media-Krempel für uns neu entdeckt und uns scherzend warmgespielt haben. Das wird sicher nicht von Dauer sein, ich schrieb es bereits, aber es ist doch nett und nostalgisch und ich bin alt genug, um da milde lächelnd mitzumachen. Ab und zu murmele ich sogar etwas wie „Wenn XY das noch erlebt hätte!“, und dann nenne ich Namen, die keiner mehr kennt.

Die Söhne gehen am Sofa vorbei und nicken dabei beruhigend. Ich rechne kurz nach und merke, ich gehe langsam auf die 60 zu, es ist alles in Ordnung so.

Jemand machte neulich irgendwo den Witz, dass man uns später im Seniorenheim stundenlang mit Fake-Twitter beschäftigen und damit ruhigstellen wird, so wie man heute alte Menschen immer noch vor Röhrenradios einsammeln kann. Ich bin mir nicht sicher, wie viele verstanden haben, dass das ein ziemlich realistischer Witz war.

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2 Kommentare

  1. Entwicklung des Alkoholkonsums in beruflicher Umgebung: in den 1980ern erlebte ich noch:
    – Audi-interne Kioske, an denen Bier verkauft wurde (ich führte so einen nach dem Abitur drei Monate lang)
    – Weißwurscht-Frühstück in der Tageszeitung-Redaktion mit Weißbier
    – Aktenordner, in denen Cognac-Flaschen wohnten

  2. Oh ja, in den Verlagen und Werbeagenturen der Stadt war Pegelsaufen in den 80ern/90ern ein klarer Breitensport: Wer nicht mitmachte, war irgendwie verdächtig. Wir waren immerhin in der Kreativbranche, nicht wahr? Sozusagen zum Bedröhntsein verpflichtet. (Ich sag’s nur ungern, aber Mad Men war eine Dokumentarserie.)

    Liegeradfahrer (no need to gender), ja, das trifft es ganz gut. Aber das ist wirklich eine angenehme Abwechslung nach den letzten Jahren unter Endurofahrern.

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