Außerdem bin ich im Reden nicht gut

Dienstag, 18. Juli, in Nordostwestfalen. „Amtsärzte fordern Siesta“, lese ich am Morgen in den Nachrichten, und es geht da selbstverständlich schon wieder um die Hitze. Es ist sicher eine dieser Schlagzeilen, die aus der Sicht der letzten Jahrzehnte grotesker ist, als es einem zunächst auffällt. Siesta. In Deutschland. Man muss etwas zurückdenken, um es ganz zu verstehen, wie vollkommen absurd der Gedanke ist, denn er ist es eben mit jedem Tag weniger, wir nehmen das alles mittlerweile so hin. Es kommt einem schon fast plausibel vor. Reden wir eben über Siesta, warum auch nicht. Stunden später werden in den Medien überall die Meinungen und Gegenmeinungen diskutiert. Und in dieser Diskussion, ich halte es für eine bemerkenswerte Entwicklung, wird oft nicht mehr erwähnt, wie absurd es eigentlich ist, worüber man hier neuerdings spricht, sondern es werden nur innerhalb der Absurdität vollkommen gewöhnliche Argumente ausgetauscht. So eben läuft Normalitätseintritt.

Im Guardian lese ich ein Live-Blog zur Hitzewelle. Es gibt Rekordwerte überall, die Höhe der Temperaturen, die Länge der Hitzewelle, Todesfälle, Ausfälle, Störungen, dauernd kommen neue Meldungen dazu. Ich lese diese Aktualisierungen allerdings bei frischen 13 Grad am Morgen, Vorteil Nordostwestfalen. Auch mal Glück mit der Lage haben! Oder mit der Woche.

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Es gab gestern noch Waffeln, Schwiegermutter machet sie mit einem historisch anmutenden Gerät, deutsche Designgeschichte, es läuft noch tadellos. An den Kommentaren auf Instagram sehe ich, dass sowohl Muster als auch Gerät stark verbreitet waren – oder sogar noch sind.

Ein 70er-Jahre Waffeleisen in orangelastigem Dekor

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Gesehen: Diese Doku auf arte über Jane Birkin, mit einer sehr sympathischen Schlussszene, aber auch sonst fand ich es sehr anziehend.

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Gehört: Gestern weiter im Fallada, Der Alpdruck. Er beschreibt in den ersten Kapiteln ausführlich einen Trinker und seine Schleichwege zum Alkohol, damit kannte er sich leider gut aus. In den folgenden Kapiteln geht er dann, bei anderen Figuren, zum Morphium über, ein weiteres seiner Fachgebiete.

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Gelesen: Weiter in „Schreibtisch mit Aussicht“. Ich zitiere aus dem Text „Ich schreibe nur“ von der geschätzten Anne Tyler darin: „Eine Zeit lang lebte ich in New York, wurde süchtig danach, mit dem Zug oder mit der Subway zu fahren, und hatte beim Zugfahren oft das Gefühl, ich wäre ein riesiges Auge, das die Dinge wahrnahm, durchleuchtete und sortierte. Aber wem sollte ich sie nach dem Sortieren erzählen? Ich hatte nie mehr als drei oder vier enge Freunde, zu keiner Zeit in meinem Leben; außerdem bin ich im Reden nicht gut. Ich gehöre zu den Leuten, denen morgens um vier im Bett einfällt, was sie gestern beim Mittagessen hätten sagen sollen. Die Dinge aufzuschreiben war der einzige Weg für mich.“

Und auch sonst liest sich ihr Text so, dass man ihre Romane gleich noch einmal lesen möchte. Also ich jedenfalls.

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Gegen Mittag dann die Rückfahrt nach Hamburg. Ich stelle fest, dass ich Autofahrten selbst dann schwer stimmungsschädlich finde, wenn alles glatt geht. Ich bin der Motor-Bartleby, ich möchte lieber nicht. Dummerweise werde ich auf anderen Reisen in der nächsten Zeit auch wieder fahren müssen, das war nicht gut genug überlegt und muss im nächsten Jahr nach Möglichkeit anders organisiert werden. Umgehende Vorgespräche dazu mit der Herzdame, wenigstens sind wir uns darin zunächst einig. Was immer ein Trost ist.

Unsere Wohnung ist bei der Ankunft heiß, da tagelang ungelüftet. So holt uns die Hitze also ein, obwohl es in Hamburg bei 22 Grad friedlich und gut erträglich zugeht. Ich nehme aus dem Augenwinkel schon beim Auspacken wahr, dass sich hier in der kurzen Abwesenheit schon wieder Komplikationen aufgehäuft haben, organisatorischer, kniffeliger Kleinkram, für den ich um Gottes willen nicht zuständig sein möchte, es aber so etwas von bin. Der ewige Traum von der Nichtzuständigkeit! Ich habe mittlerweile den starken Verdacht, das Ziel wird in diesem Leben unerreichbar bleiben, man wird vermutlich noch am letzten Tag irgendwas organisieren müssen, die korrekte Berechnung der Todesgebühr oder dergleichen.

Egal, ich ignoriere alles standhaft und gehe erst einmal zur Bücherei, denn man muss sich doch hier und da geistig schonen. Denke ich mir.

Und wie immer, wenn wir vom Land oder von der Küste nach Hause kommen, fällt mir auf, was mir im werktäglichen Alltag sonst oft entgeht: Die Stadt stinkt und ist dreckig, meine Güte, was fliegt hier überall für ein Dreck herum, was für eine Riesensauerei ist das alles. Unvergesslich, wie die Urgroßmutter der Söhne, die ihr Haus und Grundstück im Heimatdorf viele Jahre kaum je verlassen hat, sich bei ihrem einzigen Besuch bei uns – zur Hochzeit damals war das – sich vollkommen entgeistert in den Straßen unseres Viertels umsah und dann staunend fragte: „Aber warum fegt denn niemand mal?“

Ja, warum eigentlich nicht. Darüber könnte man vermutlich auch ganze Abhandlungen schreiben. Währenddessen liegt hier ein Dreck vor der Haustür – ich schüttele den Kopf heute ganz urgroßmütterlich und fühle mich entsprechend alt. Die Stadtreinigung, falls Sie sich das gerade fragen, fegt selbstverständlich und ist auch sonst sehr bemüht, aber es ist niemals oft und gründlich genug, kann es wohl auch gar nicht sein. Wie viele Menschen müssten sie dafür nonstop beschäftigen.

Ein Schriftzug auf dem Geländer der Ernst-Merck-Brücke am Hauptbahnhof: Hamburg meine Perle. Im Hintergrund Züge.

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