Hammer Kirche

Den mittleren Band der Kafka-Biografie habe ich beendet, den dritten und letzten Band habe ich gerade angefangen. Die Begeisterung hält auch bei diesem über die ersten hundert Seiten hinaus an. Ich habe lange nicht mehr so viel am Stück gelesen, das gefällt mir und das tut mir gut. Es ist entschieden besser für die Nerven, merke ich, stundenlang Bücher zu lesen, als am Smartphone und an den Nachrichten zu hängen oder in der Freizeit zu arbeiten, es ist doch ein signifikanter Unterschied. Ab und zu muss man sich selbst wieder über die einfachsten Dinge belehren, streng und ermahnend.

Und ich glaube, ich habe bisher noch keine umfangreichere Biografie als diese gelesen.

***

Das „Hammer“ in der Überschrift bezieht sich auf den Hamburger Stadtteil Hamm, nicht auf das Werkzeug. Ich sollte es für Menschen, die nicht von hier sind, wohl dazuschreiben. Man assoziiert sonst in vollkommen falscher Richtung.

An der U-Bahnstation Hammer Kirche gibt es eine Unterführung der eher trostlosen Art, blass weißgelb und krankenhaushaft gnadenlos gekachelt. Eher unangenehm lang, öde und grell neonbeleuchtet, nicht einmal durch Werbung belebt. Da gehe ich durch.

Vor mir her geht ein Paar weit im Rentenalter. Er laut ächzend am Rollator, langsam, jeder Schritt ein Akt und vermutlich schmerzhaft. Sie daneben, humpelnd, auch nicht wesentlich besser in Form, aber doch noch ein wenig fitter als er. Sie kämpfen sich vorwärts, es sieht gequält und nach erheblicher Anstrengung aus. Wenn die beiden nach Hause kommen, von ihrem vermutlich nur kurzen Ausflug, werden sie erschöpft sein und wieder etwas geschafft haben, das sieht man ihnen deutlich an. So ein kurzer Ausflug reicht dann vermutlich für einen Tag.

Der Tunnel macht am Ende einen Knick, dann kommt der gerade neu eingebaute Fahrstuhl, und der ist außer Betrieb. Hamburg hat mehr Fahrstühle und Rolltreppen an den Stationen als etwa Berlin, viel mehr sogar, aber sie sind oft außer Betrieb. Merkwürdig oft. Und dann oft lange.

Ich biete den beiden an, seinen Rollator die Treppe hochzutragen. Sie sagen nein, sie wollen doch Fahrstuhl fahren, es gibt doch jetzt endlich einen Fahrstuhl. Sie können die digitale Anzeige, dass der Fahrstuhl nicht fährt, nicht lesen, merke ich, vermutlich ist die Schrift auf dem Display zu klein. Endlich verstehen sie es, nachdem sie vergeblich die Knöpfe gedrückt, gewartet und mich irritiert angesehen haben. Sie sagen: „Wie kann es denn sein!“, als sei es eine unerhörte Begebenheit, dass ein Fahrstuhl an einer U-Bahn-Station nicht geht. Wo gibt es denn so etwas.

Ich trage ihnen dann den Rollator die Treppe hoch. Ich gehe ihnen mit der Gehhilfe voraus nach oben, sie mühen sich hinter mir her, die Stufen lauter Herausforderungen. Und ich höre noch, wie er tatsächlich zu ihr sagt: „Das ist ein netter junger Mann.“

Eine Rolle, in der ich lange nicht mehr war, glaube ich. Und ich ergänze selbstverständlich, wie es sich für meine Generation gehört, im Geiste den Text: „Was der sich alles merken kann.“ Ich sage es nicht laut, aber mir wäre gerade danach, passagenweise dieses alte Lied zitieren, leg die Musik von damals auf.

Mit den Textschnipseln von damals im Kopf gehe ich danach weiter durch Hamm, unter den alten Platanen an der Hammer Landstraße entlang, in Richtung Billerhuder Insel, zum Garten. „Hier links ist eine Kirche, sie wurde erbaut in der Vergangenheit“, heißt es in dem Songtext von Max Goldt.

Wenn Sie sich für Kirchenarchitektur interessieren, fällt mir am Rande ein, die Hammer Kirche, an der ich da vorbeigehe, ist etwas Spezielles.

Ich habe aus dieser Zeit, 1982 war das, als das Lied von Foyer des Arts erschien, noch eine erstaunliche Menge Lyrics irgendwo im Hirn, jederzeit abrufbar.

Verse, die lange auf Einladungen warten, auf irgendwelche banalen Zeichen im Alltag, um sich endlich einmal wieder komplett abzuspulen und für ein paar Stunden aufzuleben, um zumindest leise und unauffällig doch noch einmal gesungen zu werden.

Und ich weiß bis heute nichts weiter über Erlangen, abgesehen von diesem Lied. Prägende Erfahrungen.

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5 Kommentare

  1. (Zitat)“““…..Hamburg hat mehr Fahrstühle und Rolltreppen an den Stationen als etwa Berlin, viel mehr sogar, aber…..““

    Dazu Folgendes:
    Laut *BVG* sind (alleine) im BERLINER Stadtgebiet
    von 175 U-Bahnhöfen — 141 Stationen
    mit insgesamt 198 Fahrstühlen/Aufzügen ausgestattet…

    Die HVV vermeldet 93 U-Bahnstationen in Hamburg.

    Grüsse

  2. Albert, der Prozentsatz der (leider wohl offenbar theoretisch) barrierefreien U Bahn Stationen hat nichts mit der Gesamtzahl zu tun 😉

  3. Hat der Name des Stadtteils Hamm auch was mit dem Stadtnamen Ham(m)burg zu tun?
    Diese Art von moderner Kirchen-Architektur mit einseitig schrägem Dach (im verlinkten Wikipedia-Artikel gesehen) lief bei uns in der Familie übrigens immer unter „Seelen-Sprungschanze“,

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