Andere Jahre, später

In Südfrankreich werden meine Notizen zu Baumgartner von Auster weitergeführt.

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Gehört: Eine Folge von Radiowissen über Homer – Der erste Dichter des Abendlandes. Etwas herausfordernd, was die Allgemeinbildung beim Thema griechische Mythologie und beim Hin und Her um Troja betrifft. Man merkt wieder, was man alles nur noch halb weiß oder schon nicht mehr, einiges war bei mir doch einmal präsenter. Man müsste sich die Sagen des klassischen Altertums noch einmal vornehmen. Irgendwann. Vielleicht.

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Gelesen: Albert Camus: Der glückliche Tod. Nach einem Manuskript mit erneut schwieriger Geschichte. Also schon wieder ein Buch, das es vielleicht nicht geben sollte, je nach Betrachtung. Im Sinne des Autors war die Veröffentlichung nicht. Ich habe das Thema offensichtlich gerade öfter.

Der Roman stand hier im öffentlichen Bücherschrank um die Ecke, neben einer Schopenhauer-Gesamtausgabe, es geht da manchmal anspruchsvoll zu. Es ist eine alte, abgegriffene Rowohlt-Taschenbuchausgabe, noch mit der Werbung für Pfandbrief und Kommunalobligation in der Mitte. Man sieht staunend die Zinsversprechungen von damals. Das schmale Buch passte in meine Sakkotasche, so kommt man auch zur Lektüre für unterwegs.

Ich hatte Camus nicht auf dem Zettel, bin aber sehr angetan. Für mich unvermutet sind etliche Passagen von fast lyrischer Schönheit darin. Die Beschreibungen Algeriens habe ich gemocht, die Sonne und die Wärme dort waren spürbar, und einige Schilderungen von Straßen, Szenen und Personen habe ich besonders gerne gelesen. Deutsch von Eva Rechel-Mertens.

Dass mir aber nach meiner intensiven und langen Beschäftigung mit Kafka und seinem Krankheitsverlauf durch wirklich wilden Zufall mit diesem Werk von Camus ein weiteres Buch in die Hände kommt, in dem eine Hauptfigur in einem Kapitel fiebernd ausgerechnet durch Prag geht – es ist schon etwas grotesk.

Nach den Bürostunden klappe ich das private Notebook auf, ich lese einen Newsletter, mir fällt ein Satz auf: „Wenn Sie gerade in Prag sind …“ Ich gucke dreimal hin, es steht da wirklich.

Ich denke länger darüber nach und frage mich zum xten Male, was es mit dem Zufall, dem Schreiben und der Wirklichkeit auf sich hat, mit dieser befremdlichen Intensität, mit der alles manchmal, nein, eher ziemlich oft ausgedacht und an den Haaren herbeigezogen wirkt und wie sich das dann seltsam intensiviert, sobald ich etwas in einem Text vorkommen lasse.

Ich öffne Instagram auf dem Handy und denke mir, da kommt jetzt bestimmt auch etwas mit Prag. Und Sie ahnen natürlich, was tatsächlich kommt. Ein Filmchen aus der Prager U-Bahn war es. Ist es unheimlich, ist es normal, ist es kafkowski, habe ich das alles so bestellt, oder liegt es noch im Rahmen klar berechenbarer Wahrscheinlichkeiten?

Man weiß es nicht.

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Und sehen Sie, da hat uns doch tatsächlich bereits der Juni erreicht, oder vielleicht auch wir ihn. Wie ist es eigentlich, wer bewegt sich hier.

Man guckt jedenfalls und staunt und wundert sich. Und man fragt vielleicht nach der Zeit, wo sie blieb und wie sie war. Leise „What’s another year“ summend starte ich in den letzten Monat des Halbjahres, mit leichtem Kopfschütteln ob der rasenden Geschwindigkeit dieses Formel-1-Frühjahrs.

Es wird noch einige Jahre dauern, aber ich denke, es wird interessant werden, in der Zeit der Rente Jahreszeiten ohne alle berufliche Vorgaben zu erleben, die im Moment mein Erleben der Monate stark bestimmen. Es wird dann Jahre ohne beruflich bedingten saisonalen Stress geben und also mit der Möglichkeit, Tage, Wochen und Saisonwechsel anders wahrzunehmen.

Ob mir dann der Sommer wieder mehr zum Sommer wird, zu einem Sommer, wie er früher einmal war, ob der Winter dann noch länger und dunkler wird, ob der Herbst sich von den früheren stark unterscheiden wird?

Das sind Fragen, bei denen ich noch neugierig bin.

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4 Kommentare

  1. Annäherungen an griechische Mythologie gibt es seit einigen Jahren im anglo-amerikanischen Raum in der feministischen Lesart, einiges auch auf deutsch. Sehr erhellend. Ein Zugang wäre
    Margaret Atwood: Penelope und die 12 Mägde

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