Sehr grobe See

Satzbruchstücke, die ich am Tag nach der Wahl im Vorübergehen auf der Straße gehört habe, beide in einer Stunde:

„Hier, Olaf Scholz, der ist doch in der CDU …“

„Die Wagenknecht war doch bis neulich noch selbst in der AfD, und jetzt ist sie aber gegen die oder was.“

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In den Timelines werden dieser Tage vermehrt Heizungen erwähnt, man denkt an sie, man macht sie an, man zieht es zumindest in Erwägung. 12 Grad, nachts noch weniger, dazu der Regen. Und Wind bis Beaufort 7 aus Nordwest, in der Definition dieser Stärke ist von „sehr grober See“ die Rede. Da kommt man hier und da in Versuchung, die ersten geben also nach. Die Stimmung ist allgemein spätoktobrig.

Auf dem Wochenmarkt in Hammerbrook stehen die Verkäuferinnen frierend hinter dem sommerlichen Obst, und in den S-Bahnen sehe ich wieder Menschen in dicken Winterjacken. Man hat sie doch noch einmal herausgekramt, das morgendliche Fluchen vor den Schränken kann ich mir vorstellen. Auch Schals und Mützen sind im Einsatz, und passend zu diesem Bild in der Bahn lese und höre ich wieder vermehrt von Corona-Infektionsmeldungen, dummerweise auch im näheren Umfeld.

Wie auch immer, wir nennen es postpandemisch und haben noch Tests auf Lager, natürlich haben wir das.

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Ein Update zur politischen Lage aus Frankreich, wo es bekanntlich auch nicht gerade gut aussieht, wo es um den Sommer auch nicht gut steht. Überall ist es besser, wo wir nicht sind, das lässt sich nicht mehr so gut zitieren, als Einwohnerin einer Großstadt ohne schwarzbraune Mehrheit hat man heutzutage schon Glück. Vorsicht bei der Wohnortwahl.

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In den letzten Tagen gehört: Eine Folge Radiowissen über Fontane, eine über Lou Andreas-Salomé. Eine über Maxie Wander, die ich auch mal lesen muss, was ist das denn wieder für eine Bildungslücke.

Und dann eine, auch einmal etwas abwegige Themen mit reinnehmen, über Hedwig Courths-Mahler. Die hätte ich historisch glatt falsch eingeordnet, geradezu peinlich, viel zu früh. Ich wusste nicht, dass sie das Dritte Reich erlebt hat. Sie starb, so höre ich in der Sendung, 1950 in ihrem Lesesessel, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß. Freundliche Abgänge ebenfalls zur Kenntnis nehmen.

Und abschließend noch eine Folge über Konsalik. Wobei ich diese Folge am dringendsten empfehlen möchte, und zwar aus aktuellen Gründen. Denn es geht darin auch und viel um die Rechtsaußentendenzen in der alten Bundesrepublik.

Die kann man sich gerne wieder bewusst machen, wenn man von den so neu wirkenden Nazis unserer Tage spricht. Ich halte das für wichtig. Immer auch die geschichtlichen Konstanten beachten, und keineswegs nur aktuelle Wahlergebnisse oder einzelne Bundesländer, in welcher Himmelsrichtung auch immer.

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8 Kommentare

  1. Zitat eines altgedienten Lokaljournalisten, der die Hamburger Politik seit Jahrzehnten beschreibt:
    „Die Hamburger SPD ist eine rot lackierte CDU.“

  2. Zur groben See ein Lesetipp: „Offene See“ von Benjamin Myers. Hat mir sprachlich und inhaltlich enorm gefallen.

  3. Wir haben die gute Hedwig zu Hause immer „Kurz-Malheur“ genannt. „Heideschulmeister Uwe Karsten“ oder „Der graue Alltag und sein Licht“ – unvergessen. Damals waren die Menschen noch „edel“ oder von „hoher Gesinnung“…..

  4. Oweh, bei den Satzbruchstücken kann man sich wohl kaum noch wundern über Wahlergebnisse, mit denen regieren schwer wird: wo solche Kreuze landen gleicht einer Lotterie.

  5. Der Empfehlung für „Offene See“ von Ines möchte ich mich anschließen! Die hatte ich auch schon länger im Kopf als möglicherweise für Sie passende Lektüre. Vor allem, weil ich es las, nachdem Sie kurz zuvor in einem Blogeintrag die über die Zeit abnehmende Artenvielfalt in der Literatur erwähnt hatten…

  6. Again. Und die Rechenaufgaben werden schwerer … was ist da los?

    „Ich hatte gestern morgen versucht, hier wenigstens ein „Merci“ zu hinterlassen, nachdem zwei Kommentare „wegen Zeitüberschreitung“ verschwunden waren, aber selbst das gelang mir nicht. Heute also nachgereicht! Merci!
    (Ich speichere den Text jetzt in die Zwischenablage, und setze ihn dann wieder ein, denn die Zeitüberschreitung der Rechenaufgabe verfolgt mich schon wieder, tsss)“

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