Natürlich bin ich an diesem Wochenende etwas abgelenkt, da ich wie viele Menschen aus Hamburg so intensiv damit beschäftigt bin, den Hafengeburtstag zu ignorieren. Aber etwas Text habe ich dennoch zustande gebracht.

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Ich habe einen Kollegen und eine Ehefrau, bei denen man ihre Urlaubsplanungen einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen müsste. Weil sie mit einer Zuverlässigkeit schlechtes Wetter an ihrem Urlaubsort haben, die an magische Fähigkeiten grenzt. Die vielleicht auch an Verwünschungen aus alten Mythen denken lässt, an über Generationen hinweg wirkende Familienflüche und dergleichen.
Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht sogar gut, dass diese Ehefrau und ich beziehungsstatusbesingt nicht mehr gemeinsam urlauben. Aber andererseits bleibt es fatal für die Menschen in Norddeutschland, dass beide, die Ehefrau und der Kollege, oft Urlaub hier um die Ecke machen. Irgendwo in dieser Gegend, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und dergleichen. Man kann sich dem meteorologisch also als Hamburger kaum entziehen.
Wodurch sich dann jedenfalls die nächste 12-Grad-Phase in der kommenden Woche erklärt, das wollte ich nur eben sagen. Manchmal kennt man die Schuldigen! Aber es nützt einem auch nichts weiter. Haftbar machen kann man sie nicht.

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Sie kennen ansonsten vermutlich alle diesen Effekt, der bemerkenswert oft in aktuellen Smalltalk-Situationen verhandelt wird: Man unterhält sich über irgendetwas, und kurz darauf sieht man merkwürdig präzise passende Werbung dafür auf dem Handy. Dazu gibt es, das werden Sie ebenfalls wissen, viele Artikel, Meinungen, Theorien und Updates. Ich hatte neulich auch etwas dazu im Blog, meine ich, finde es aber gerade nicht wieder. Nanu.
In der Regel wird der etwas unheimliche Effekt jedenfalls so erklärt, dass die seltsam präzise passende Werbung an den Algorithmen liegt, nicht am zuhörenden Handy, nicht an Spionagetechnik und Rundumbeobachtung.
Das kann oder muss man so hinnehmen. Man sollte wohl den Expertinnen glauben, sie kennen sich immerhin aus, das wird man zugeben müssen. Aber man glaubt es oft nur so, wie manche Menschen etwa mit religiösen Gedanken umgehen: Sie glauben zwar ausdrücklich an nichts – aber eine Grundskepsis gegenüber dem Numinosen bleibt. Denn wer weiß, ob nicht am Ende …
Das denkt man da manchmal und zweifelt herum. Dann blickt man vielleicht auch eine Weile sinnend in den Himmel, als wenn drüber wär‘ ein Ohr, zu hören meine Klage, ein Herz wie meins, sich des Bedrängten zu erbarmen. Um kurz zu Goethe zurückzukehren, dessen enorm dicke Biografie von Thomas Steinfeld hier übrigens auch zum Lesen bereitliegt und recht einladend aussieht (bei Rowohlt erschienen).
Wenn ich im ehelichen Gespräch Grüße von meiner Schwiegermutter ausgerichtet bekomme, verbunden mit einigen Neuigkeiten aus ihrer Gegend, und wenn ich dann nur zwei Minuten später Werbung für einen Edeka in Nordostwestfalen auf dem Smartphone angezeigt bekomme, die mir sonst nie eingespielt wird, was nicht einmal ein ausgedachtes Beispiel ist, sondern gerade erst passiert ist, dann nicken sicher viele. Denn wir alle kennen mittlerweile solche Geschichten. Die anekdotische Evidenz ist überreich, ist bei diesem speziellen Thema fast erschlagend.
Wobei das selbstverständlich auch abseits der Werbealgorithmen passiert, also vermutlich noch eher eindeutiger Zufall ist. Auch dazu ein aktuelles Beispiel: Ich unterhalte mich im Büro über Fragen der Arbeitszeiterfassung, es geht um die Fachbegriffe „paid leave“ und „unpaid leave“. Das ist nichts, worüber ich jeden Tag oder dauernd rede, das kommt eher selten vor. Nach einem Call zu diesen Themen öffne ich Instagram: Ein Musiker von Iron Maiden erzählt mir dort, dass er als Pilot gearbeitet habe und für eine Tour erst einmal „unpaid leave“ regeln musste.
Ja, es ist ein Zufall, versteht sich. Wenn man ausreichend oft die Offline-Wirklichkeit mit irgendetwas auf dem Smartphone kombiniert, dann passen auch einmal Sachen seltsam gut zusammen. Es ist logisch und auch wahrscheinlich. Aber man staunt dann doch einen Moment.
Eine weitere unheimliche Steigerung gibt es dabei. Denn ich kann den erstgenannten Effekt mit dem unangenehmen Werbebezug jetzt auch in der Wirklichkeit abbilden, im echten Leben, ganz ohne Internetverbindung:
Ich fahre mit der U-Bahn und sage zu meiner Begleitung, die nach dem immer noch erstaunlich kaputten Fuß fragt, dass mir ein Schmerzmittel gerade recht wäre, ich aber keins dabeihabe. Was in dieser Situation ein einigermaßen dämlicher Fehler sei. Eine junge Frau setzt sich uns einige Sekunden nach diesem Satz gegenüber. Sie öffnet ihre Lederjacke und trägt darunter ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „I love Ibuprofen“. Dazu ein rotes Herz.
Nun. Man nimmt es erst einmal so hin, nicht wahr, was soll man auch sonst machen. Und man denkt sich vielleicht nur: Okay, das muss jetzt noch nichts heißen. Einmal ist keinmal. Oder was man dann eben als Standardsatz für solche Momente parat hat, dabei vermutlich einer familiären Tradition folgend. Aber ich werde es doch beobachten. Verdammt genau werde ich es beobachten.
Und berichten werde ich dann auch. Eh klar.
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Um den Effekt einzudämmen lohnt es sich mit App-Tracking auseinander zu setzen:
https://www.dr-datenschutz.de/app-tracking-mein-handy-hoert-doch-mit-oder-nicht/
Wenn man dann noch Pihole oder Adguard-Home betreibt, im Browser
das plug-in uBlockOrigin und aud dem Handy Adguard, dann ist einem dieser Effekt im Speziellen und Werbung im Allgemeinen unbekannt.
Und der Aufwand lohnt sich, es ist sehr angenehm ohne dem!