Es gibt diesen alten Scherz, dass es in Deutschland keine Revolution geben könne, weil man dazu den Rasen betreten müsste. Der ist von, Moment, ich sehe eben nach – okay, er ist von Stalin. Nicht der sympathischste Urheber, versteht sich, dennoch geht es heute um diese Aussage bzw. um Variationen dazu.
Ich hatte Gelegenheit, demonstrierende Menschen an vielen Stellen in der Stadt und in großer Zahl zumindest am Rande mitzubekommen, auch wenn ich diesmal nicht als Beteiligter mitgespielt habe. Es gab einerseits Protest gegen die merkwürdig filmtitelmäßig benannte NATO-Übung „Red Storm Charlie“.

Es gab andererseits Demos gegen Kürzungen in sozialen Bereichen, gegen Sozialabbau, was wiederum ein eher merkwürdiges Wort ist, wenn man darüber nachdenkt.

Dazu zwei Bemerknisse. Ich ging beim ersten wie fast immer am Nachmittag auf meiner Revierrunde durch den Innenhof des Rathauses. Wo mir am Rande ein Mann auffiel, der eine Fahne an einer Stange in stattlicher Länge über der Schulter trug, auf der das Peace-Zeichen abgebildet war. Der ging an mir vorbei, vergleichsweise strammen Schrittes. „Geht zu einer der vielen Demos“, dachte ich mir, denn es gab Proteste an mehreren Orten in der Stadt, und es gab sie auch immer wieder. Damit hakte ich den Anblick auch schon ab, zumindest bis ich ihn erneut sah. „Sucht vielleicht jemanden …“, dachte ich mir dann, „… geht daher hier etwas herum.“
Dann sah ich ihn auch schon zum dritten Mal. Dann zum vierten Mal, und dann, ich brauche manchmal etwas länger, verstand ich es erst. Der Mann ging mit seiner Fahnenstange auf der Schulter, an deren Ende das bekannte Symbol allerdings eher hing als wehte, um das Rathaus herum. Immer wieder. An der Front vorbei über den Rathausplatz, in den Alten Wall und dann durch den Innenhof zurück, repeat.
Ernst guckte er dabei. In etwa so, und ich meine es ohne jeden Spott, als würde er da etwas bewirken durch sein Herumgehen, und mit jeder Runde sogar etwas mehr.

Aber es gibt ein anderes Wort, das mir dann noch besser zu passen schien, und ich beziehe mich nur auf den Anschein, nicht auf die Tatsache des Herumgehens an sich: Pflichtgemäß sahen seine Runden aus. Als würde jemand Demonstrationdienst ableisten. Nicht im Sinne des etwa aus Frankreich so gut bekannten wilden Protestes, inklusive brennender Barrikaden etc. Sondern eher im Sinne einer ordnungsgemäßen Abwicklung des Dagegenseins.
Und da könnte man sich schon fragen, ob es ein Zufall war, dass ich nun genau den gesehen habe, oder ob Protest hier tendenziell nun einmal so aussieht.
Während ich darüber noch nachdachte, sah ich schon das nächste Bild in diesem Kontext, und es fiel wieder unfassbar passend aus. Ein weiterer Mann, der an seiner mitgeführten Fahne (rot) sofort als Demonstrant zu erkennen war. Allerdings ging der noch nirgendwo protestierend herum, sondern trat gerade erst aus einem Haus. Aus dem Haus, in dem er wohnt, kann man annehmen.
Und er trug die Fahne auch nicht wehend über der Schulter, nein, er trug sie noch ordentlich zusammengerollt. In dem Moment, in dem ich an ihm vorbeiging, rollte er sie gerade noch etwas fester. Nicht anders, als man es mit einem Regenschirm macht, ein identischer Bewegungsablauf. Dafür blieb er kurz stehen, dann überprüfte er noch eben seine weitere Ausrüstung.

Bei der wieder meine Playmobil-Assoziation greift: Was gehört zu einem Demonstranten? Fahne, Banner, Weste mit Aufdruck, Trillerpfeife, Megafon – man kann das Set sicher noch ergänzen. Eventuell, und ich meine es wieder ohne Bosheit, obwohl es so klingen wird, denkt man sich eine Thermosflasche dazu, einen Becher und eine Tupperdose. Denn so eine Demonstration kann lange dauern, da kann man auch vorsorgen.
Wie auch immer. Ich habe keinen Zweifel, dass ich auch andere Szenen hätte sehen können. Bewegtere, wildere womöglich, voller Enthusiasmus, Esprit und Enwergie.
Aber diese beiden Bilder, die waren es gestern, die mir auffielen. Man muss als Beobachter nehmen, was man kriegen kann.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.