Wie geplant, ich setze die alte Reihe „Was schön war“, die es quer über etliche Blogs gibt, auch wieder einmal fort. Manchmal die Vorhaben überraschend tatsächlich durchziehen! Das ist auch so eine kleine Wichtigkeit im Alltag.
Mit einer winzigen Szene setze ich das fort. Eine Zehnsekundenangelegenheit ist es nur. Aber es war doch etwas auf einem Spaziergang, so ein Bildmoment war es, an dem man vorbeigeht und unwillkürlich lächelt. Und so viele von diesen Momenten gibt es hier gar nicht. Man kann hier, ich habe da reichlich einschlägige Erfahrung, wenn man kurz akzeptieren möchte, dass meine Erfahrung da überhaupt etwas gilt, man kann hier ohne weiteres stundenlang spazieren gehen, ohne ein einziges Mal dabei zu lächeln. Also ich jedenfalls kann das. Ich nehme allerdings an, Sie könnten das auch.
Oder, wie es ein bekannter englischer Dichter einmal ausgedrückt hat:
„For the longest while
I’d forget to smile.”
Paul McCartney schrieb das. Die Zeilen kommen in „Always“ vor, was ein vermutlich eher unbekanntes Lied von ihm ist. Hier mit Diana Krall am Klavier:
An der hier zu beschreibenden Szene kam ich dann aber nicht ohne etwas Erheiterung vorbei. Und ich kann nicht einmal ausschließen, dass auch etwas amüsierte Rührung dabei war. Das Alter, die Empfindsamkeit, am Ende auch die Jahreszeit – es wirkt eben alles auf einen ein.
Ich kam von einem der Versorgungsgänge für meine Mutter, einem ungeplanten und ungelegenen noch dazu, denn die Lage war zwischendurch wieder schlechter. Es geht so hin und her, bzw. eher auf und ab. Bestens gelaunt war ich daher nicht, sondern vom Alltag eher überbeansprucht, müde und entnervt.
Aber ich kam an einer Kita vorbei, die einen Vorgarten, einen kleinen Garten mit Spielplatz, am Fußweg hat, den ich da entlangging. Es ist so ein Kita-Vorgarten, der auffälligerweise bei absolut jedem Wetter bespielt wird. Entweder sind die Betreuenden dort enorm geschickt darin, die Kleinen immer wieder in Richtung Frischluft zu motivieren, oder sie sind einigermaßen rigoros im Hinaustreiben, ich weiß es nicht.
Die Kinder sehen aber in aller Regel nicht besonders getrieben aus, eher von etwas nach draußen gelockt. Von der Sandkiste vielleicht, von einem Klettergerüst, von herabgefallenen Ästen, Kastanien und was man in diesem Draußen eben alles so findet. Sie haben noch keine Smartphones, in diesem Alter, sie interessieren sich noch lebhaft für Dinge in der realen, anfassbaren Welt. Wie wir früher auch.
Direkt vor dieser Kita war die Straße ein Stück weit aufgerissen worden, es wurde an Kabeln, Rohren oder an was weiß ich denn gearbeitet. Tiefbau jedenfalls, wie ein Topchecker wie ich auch im Vorbeigehen feststellen kann.
Ein Kieslaster hatte an der Stelle, die ich auf meinem Weg passierte, gehalten. Ein voller Kieslaster war es, voll mit schönstem Kies, und zwar mit einer ungeheuren Menge davon. Und diesen Kies kippte er, die Kinder konnten ihr Glück gar nicht fassen, direkt vor diesem kleinen Gärtchen in die Baugrube, und zwar über die Querseite des Lasters, quasi leinwandfüllend.
Der Mann, der die Hebel bediente, kippte unfassbar langsam, die Ladung rutschte wie in Zeitlupe. Vielleicht hatte der Mann die Kinder auch gesehen und wusste, dass sie es genießen würde. Vielleicht hatte es auch irgendwelche tiefbauspezifischen Gründe, von denen ich eh nichts verstehe.
Der Kies rieselte also zögerlich, er floss sachte in die Grube ab, er sackte langsam, so langsam herunter. Und die Kleinen, für die dieser Laster eine schier ungeheuerliche Dimension haben musste, stand er doch direkt vor ihnen und waren sie doch selbst kaum größer als Stockschirme, reihten sich vollkommen gebannt am hölzernen Rand ihrer Sandkiste auf und starrten auf dieses unglaublich spektakuläre Ereignis.
Etwa ein Dutzend Kinder war es. Großstädtisch divers nach allen Merkmalen, die einem da spontan einfallen können. Aber für einen kurzen Moment und es war eben dieser, den ich im Vorbeigehen sah, waren sie in Haltung und Gesichtsausdruck auf einmal bemerkenswert vereinheitlicht. Die Oberkörper ein klein wenig zurückgebeugt, um den Laster in seiner ganzen Dimension erfassen zu können. Mit weit offenen Mündern sowie einem Gesichtsausdruck, den man trotz der aufgesperrten Schnäbel als frohe Erwartung deuten konnte. Oder auch als reines Glück.
Es gibt diese kleinen Engelsfiguren als Kerzenhalter, Sie kennen die bestimmt. Mit etwas spießiger Anmutung meist, kleine Engelchen, die an einem Adventskranz oder sonstwo im Rahmen der Weihnachtdeko in ihren Händen vor dem Bauch jeweils eine dünne Kerze halten. Und die ihre Münder dabei weit geöffnet haben, weil sie, soll man sich vorstellen, gerade irgendwas mit Halleluja oder Hosianna und dergleichen in glockenhellen Kinderchorstimmen von sich geben.
Den Kindern vor dieser Kita, vor dem Kieslaster, denen hätte man in diesem Moment auch jeweils eine Kerze in die Hände drücken können. Sie hätten es vermutlich kaum mitbekommen, so dermaßen hingerissen waren sie von dem immer weiter rieselnden Kies. Und man hätte dann ein Foto von ihnen machen können.
Es wäre eine wunderbar urbane Weihnachtsgrußkarte geworden, mit etwas verdreckten kleinen Kerzenengelchen, die gerade gemeinsam, Sie wissen schon, Halleluja, Hosianna, Holy Night oder was auch immer singen.
Genau so hätte das ausgesehen.
Dachte ich mir so. Und freute mich ein wenig im Vorbeigehen.

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… sehr sehr schön beschriebene Kieslaster vs Kitagruppe Szene.
Grüße
Eine wunderbare Beschreibung dieser Szene vor dem Kieslaster. Ich habe die Kinder quasi vor den Augen.