Wir werden offener, wir werden gemeinsam in Kreisen gehen

Dann auch mal wieder ein Update zum Jahresthema, also zum globalen Großtrend, zur Offline-Bewegung. Ich sah nämlich etwas, das anderen durchaus schon bekannt war, wie ich dann später in zwei, drei Gesprächen merkte, das mir aber bisher komplett entgangen war. Ich sah da nämlich diese neue Symbolsprache bei Einkaufskörben.

Mit einem pinkfarbenen Korb, so las ich erstaunt auf einem Schild im Supermarkt, gibt man sich nun als „offen für ein Kennenlernen“ aus.

Ein Stapel pinkfarbener Einkaufskörbe bei Edeka

Es entsprach dann aber dem sattsam bekannten, alten Hamburger Klischee, welches ich neulich erst als tendenziell veraltet dargestellt habe, es entsprach also diesem gängigen Bild von den verschlossenen, kontaktaversen Norddeutschen, dass absolut niemand in diesem Supermarkt mit so einem Korb herumlief.

Ich hatte daher gleich mehrere Gründe, mir selbst keinen davon zu nehmen. Denn erstens war meine Laune in der Mittagspause des Bürotages eh nicht nach neuen Menschen, kam ich doch an diesem Mittwoch nicht einmal mit den alten gut zurecht. Zum anderen halte ich mich in einer meiner schlechtgelaunten Versionen auch nicht gerade für marktfähig. Und drittens wollte ich selbstverständlich nicht der Einzige sein, der sich da unter lauter Verweigerern als offensichtlich kontaktbedürftig oder -geneigt oder was auch immer präsentierte.

Ich wäre mir dabei vorgekommen wie ein radschlagender Pfau unter Graugänsen. Also in etwa. Kein pinkfarbener Korb für mich also.

Zwei naheliegende Gedanken aber noch dazu.

Erstens fällt vermutlich vielen sofort die typisch kolumnistische und ungemein naheliegende Weiterentwicklung ein, die man hier umstandslos anhängen könnte. Denn warum sollte man es bei nur einer Farbe belassen, wenn man schon dabei ist, Verhaltensweisen oder Einstellungen mit Einkaufskorbsymbolen zu verbinden. Die Bereitschaft zu neuen Kontakten ist immerhin nur einer von vielen Aspekten der seelischen oder sozialen Konstitution, die man auch nach außen hin in aller Deutlichkeit mitteilen könnte.

Ein schwarzer Korb etwa für „Laber mich heute bloß nicht an!“, er kommt einem fast schon wie eine zwingende Ergänzung vor. Und wenn ich mir etwas mehr Mühe geben würde, ich käme sicher noch auf weitere Varianten.

Es ist eben eines dieser typischen Themen, mit denen Stand-up-Comedians locker eine Viertelstunde füllen können. Es wäre dann eine Viertelstunde, die vermutlich ziemlich gut laufen würde, ein guter Opener wäre es vermutlich auch. Ist es doch ein Thema, das nahezu alle anspricht, zu dem die meisten irgendeinen Bezug haben und sicher auch spontan eine Vorstellung davon, wie sie sich zu oder mit symbolisch aufgepeppten Einkaufskörben verhalten würden. So etwas funktioniert zweifellos.

Andererseits, das dachte ich dann aber erst Stunden später auf dem Heimweg aus dem Büro, hat der Grundgedanke etwas. Und zwar hat er ein so elementar simples und klarerweise funktionsfähiges Grundkonstrukt, dass ich mich nach einer Weile unwillkürlich fragte, warum etwas nach diesem Prinzip nicht längst in einer verbreiteten Form in der ganzen Stadt angewandt wird.

Warum wir als Stadtgesellschaft also nicht längst dazu übergegangen sind, Ansprechbarkeit allgemein oder meinetwegen auch in diversen Abstufungen, vom eher freundschaftlichen Kennenlernen bis zum wilden Parkplatzsex – es gibt immerhin für alles, was nur denkbar ist, auch einen Bedarf – durch schlichte und jederzeit anwendbare Signale darzustellen. Durch, was weiß ich, die Farben der Socken oder der Schals oder durch irgendwelche Ansteckdinge, Kopfbedeckungen oder was auch immer. Es gibt der Möglichkeiten dermaßen viele.

In den diversen Social-Irgendwas-Seiten dieser Stadt ist das Kennenlernen von Menschen schließlich nach wie vor eines der Hauptprobleme. Die Wie-Fragen dazu reißen nicht ab, wie neulich ebenfalls hier im Blog erwähnt. Ich müsste auch besser von „Wie denn bloß!“-Fragen schreiben, um die oft spürbare Verzweiflung der Fragenden passend darzustellen.

Die beiden naheliegendsten und auch überzeugendsten Lösungen, um hier schnell neue Bekannte, Freunde für welche Verwendung auch immer oder gar Beziehungen finden zu können, sie sind wirklich nicht für jeden etwas. Denn nicht alle wollen sich einen Hund oder ein Kind zulegen. Was beides zweifellos Zubehörvarianten sind, mit denen man ein Kennenlernen neuer Menschen fast gesetzmäßig erleben kann. Sogar in Hamburg.

Nach allem, was ich mitbekomme – obwohl ich selbst meist eher nicht betont kontaktoffen durch die Straßen gehe, to say the least –, ist das Bedürfnis nach Gesellschaft jedenfalls weiterhin ein größeres Problem für alle, die durch Umzug, Trennung, Berufswechsel usw. aus ihren vormaligen sozialen Bezügen gefallen sind.

Da kann man sich schon einmal fragen, ob dieses Problem nicht am Ende leichter zu beheben ist, als man zunächst denkt, kann man nicht? So als konstruktiv denkender Mensch?

Vor etwa einem Jahr habe ich zum ersten Mal Hinweise auf organisierte Spaziergänge für Menschen gesehen, die hier gerne andere Menschen kennenlernen wollen. Man geht dabei etwa gemeinsam um die Alster, und zwar in größeren Gruppen. Es gibt kein weiteres Programm und man kennt dabei kein Schwein. Aber all die anderen eben auch nicht, und da kommt man dann vermutlich leicht ins Gespräch. Schon über diese seltsame Sache an sich, an der man sich da beteiligt.

Nehme ich jedenfalls an, ich war bisher nicht bei so etwas dabei.

Das fand ich damals noch originell, als ich das las, das weiß ich noch. Und nun, nur ein paar Monate später, sehe ich, dass es bereits mehrere dieser Spaziergangsmodelle gibt. Mittlerweile auch mit unterschiedlicher Ausrichtung, z. B. nur für Frauen oder auch eher beruflich orientiert, also Networking etc.

Und auch das kann man doch eine Umdrehung weiterdenken. Stellen Sie sich bitte kurz vor, es werden dank reger Nachfrage immer noch mehr Termine und Unternehmungen dieser Art. Und stellen Sie sich dann auch vor, dass viele von denen die Alsterrunde gehen werden, die Mehrheit. Weil das in dieser Stadt nun einmal ungemein naheliegend ist, sich dort zum Spaziergang zu treffen. Weil alle wissen, wo es ist, weil es auch tatsächlich schön ist und weil die Runde mit Sicherheit lang genug ist, um unterwegs gleich mehrere Gespräche anzufangen.

Blick über die abendliche Außenalster

Dann ist man auch schon fast bei dem Gedanken, dass man für diese Aktionen sicher recht ähnliche Uhrzeiten wählen würde. Nämlich immer dann, wenn möglichst viele teilnehmen können, wenn sie ausgeschlafen sind, wenn sie noch nicht zu abendmüde sind usw. Das verengt die Möglichkeiten, da stechen dann bestimmte Slots heraus, und da sind wir schon fast am Ziel dieses Gedankens.

Welches darin besteht, dass da irgendwann so viele Gruppen so routiniert stattfinden werden und immer wieder ums Gewässer kreisen, dass sich der Zweck des Ganzen schließlich von der Organisationsform lösen kann und verselbstständigt.

Blick über die abendliche Außenalster, im Vordergrund ein Reiher

Man wird dann einfach zur Alster gehen, um Kontakte zu haben, um zu reden etc. Es wird dort einfach so üblich werden. Man dreht da seine Rederunde oder geht einen Kontaktkreis. Weil man das in dieser Stadt so macht. Du kennst niemanden? Geh um 17 Uhr an die Alster! Eine schöne Vision, nicht wahr.

Blick über die abendliche Außenalster

Blick über die abendliche Außenalster

Nur die Jogger, die stören vielleicht auch bei diesem Zukunftsmodell wieder. Wenn sie sich da fortwährend rücksichtslos durch all die fragilen Anbahnmanöver drängeln.

Aber gut, irgendwas ist immer. Und gut trainierte Menschen könnten vermutlich sogar beim Joggen einen freundlichen Erstkontaktsmalltalk aufsagen.

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